Gigantisches Torfmoor entdeckt

Das Sumpfgebiet im Kongo könnte zu einer riesigen Quelle für Treibhausgase werden, falls die Klimaveränderung und der Mensch das Moorgebiet trockenlegen.

Das Moorgebiet wird von Waldelefanten (oben), Flachlandgorillas (unten, l.) und Termiten (unten, r.) bevölkert, für Menschen ist es selbst in der Trockenzeit nur schwer zugänglich. Fotos: UIG, Getty Images

Das Moorgebiet wird von Waldelefanten (oben), Flachlandgorillas (unten, l.) und Termiten (unten, r.) bevölkert, für Menschen ist es selbst in der Trockenzeit nur schwer zugänglich. Fotos: UIG, Getty Images

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Mitten im afrikanischen Kongobecken haben Wissenschaftler das grösste Torfmoorgebiet der Tropen entdeckt. Das sumpfige Areal dehnt sich über eine Fläche von fast 150'000 Quadratkilometern aus und ist damit mehr als dreimal so gross wie die Schweiz. Der Entdeckung kommt insofern besondere Bedeutung zu, als in dem Torfmoor rund 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden sein sollen. Das entspricht der Menge, welche die USA – heute der Welt zweitgrösster Treibhausgasproduzent – im Verlauf von 20 Jahren in Form von Kohlendioxid (CO2) ausgestossen hat.

Allein, dass ein derartig riesiges Torfmoorgebiet bislang unbekannt geblieben ist, kommt einer kleinen Sensation gleich. «Es ist bemerkenswert, dass Teile unseres Planeten bis heute noch völlig unbekannt sind», sagt der Geograf und Expeditionsleiter Simon Lewis von der britischen University of Leeds.

Drei Wochen im Sumpf

Die Gruppe britischer und kongolesischer Wissenschaftler veröffentlichte ihre Entdeckung im Wissenschaftsmagazin «Nature», nachdem sie sich vor drei Jahren in das menschenleere Feuchtgebiet vorgewagt und ihre gesammelten Proben anschliessend ausgewertet hatten. Auf die Existenz des ausserordentlichen Territoriums waren die Forscher durch die Auswertung von Satellitenaufnahmen aufmerksam gemacht worden, die in der Torfmoorregion die Verbreitung anderswo unüblicher Baum- und Palmensorten zeigten.

Das Territorium erstreckt sich zum grössten Teil in der Republik Kongo, zu einem kleineren Teil in der Demokratischen Republik Kongo und wird «Cuvette centrale», das zentrale Becken oder auch die Kloschüssel, genannt.

Für Menschen ist das Gebiet höchstens am Ende der Trockenzeit zugänglich. Selbst zu dieser Jahreszeit mussten die Forscher drei Wochen lang ununterbrochen im Sumpf waten, wobei sie streckenweise höchstens zwei Kilometer am Tag zurücklegen konnten. Nachts bauten sich die Expeditionsteilnehmer Flosse aus Holz, um ihre Zelte im Trockenen aufstellen zu können. Das Moor wird von Milliarden Insekten, aber auch von Waldelefanten, Flachlandgorillas und Zwergkrokodilen bevölkert. «Selbst die kongolesischen Waldbewohner wagen sich nur selten in die Sümpfe», berichtet Lewis.

Das Feuchtgebiet ist vermutlich mehr als 10'000 Jahre alt. Aus der Untersuchung der bis zu sieben Meter tiefen Torfschicht erhoffen sich die Wissenschaftler wertvolle Erkenntnisse über das Klima und die Fauna der vergangenen Jahrtausende: Einsichten, die auch im Zusammenhang mit der derzeitigen Erderwärmung von Bedeutung sein können.

Torf entsteht, wenn pflanzliche Überreste wegen Mangels an Sauerstoff nicht zersetzt werden, was vor allem unter Wasser der Fall ist. Deshalb wird auch der in den Pflanzen enthaltene Kohlenstoff nicht in die Atmosphäre abgegeben. Das Sumpfgebiet deckt zwar nur vier Prozent der Gesamtfläche des Kongobeckens ab, enthält jedoch genauso viel Kohlenstoff wie alle Bäume und Pflanzen in den restlichen 96 Prozent des Ökosystems von der Grösse Indiens zusammengenommen.

Die meisten Moorgebiete befinden sich auf der feuchteren nördlichen Erdhalbkugel – in Kanada, Alaska und Russland. In den Tropen kommen sie vor allem in Indonesien vor: Doch die kongolesische Sumpfregion soll mehr als 30 Prozent allen tropischen Torfs enthalten.

Den Berechnungen der Wissenschaftler zufolge haben sich in der «Cuvette centrale» im Verlauf der vergangenen 10'000 Jahre die 30 Milliarden Tonnen Kohlenstoff angesammelt. Würde das Ökosystem aus dem Gleichgewicht geraten, warnen die Wissenschaftler, entwichen riesige Mengen an zusätzlichen Treibhausgasen in die Erdatmosphäre. Das ist bereits in Indonesien der Fall, wo internationale Firmen in den vergangenen Jahrzehnten fast 100'000 Quadratkilometer Sumpfgebiet trockengelegt haben, um vor allem Palmölplantagen anzulegen. Der trockene Torf entzündet sich immer wieder, wobei enorme Mengen an Kohlendioxid freigesetzt werden.

Im Herbst 2015 sollen in dieser Region täglich mehr Treibhausgase in die Atmosphäre abgegeben worden sein als in der gesamten Europäischen Union. Auch die derzeitige Klimaveränderung könnte dem kongolesischen Torfmoorgebiet zusetzen, mahnen die Wissenschaftler: Es sei nämlich nicht ausgeschlossen, dass höhere Temperaturen und geringerer Niederschlag zu einer allmählichen Trockenlegung der Sümpfe führten.

Gefahr durch die Holzindustrie

Unterdessen versuchen auch im Kongo internationale Palmölfirmen, ihre Anbaugebiete auszuweiten, während Holzkonzerne immer grössere Regionen des dortigen Regenwalds abholzen. Nach eigenen Angaben erwägt die Regierung der Republik Kongo, das bereits bestehende Naturschutzgebiet «Lac Télé» um 50'000 Quadratkilometer auf das Torfmoorgebiet auszudehnen. «Wir unterstützen diesen Plan aus vollen Kräften», meint Expeditionsleiter Lewis. Beide Kongos müssten beim Schutz des riesigen Kohlendioxidreservoirs zusammenarbeiten. Emma J. Strokes von der New Yorker «Wildlife Conservation Society» warnt aber davor, sich zurückzulehnen: «Wir müssen vorbeugend tätig werden, um Entscheidungen zum industriellen Nutzen dieser Torfgebiete bereits im Vorfeld zu verhindern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 18:46 Uhr

Moorschutz: Treibhausgase verhindern

Moore werden weltweit als CO²-Quelle unterschätzt. Sie entziehen zwar laut einem Bericht des Global Environment Center der Atmosphäre 150 bis 250 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO²), verlieren jedoch durch Trockenlegung, Feuer und Torfabbau rund 3 Milliarden Tonnen jährlich. Das entspricht rund 8 Prozent der Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe im Jahr 2015.

Moore sind ein gigantischer Kohlenstoffspeicher. In Russland enthalten die Torfböden in borealen Gebieten siebenmal mehr Kohlenstoff als die Biomasse der Wälder. Torf in tropischen Moorwäldern speichert sogar zehnmal mehr als die mineralischen Böden in den Tropenwäldern.

Moore zu erhalten, ist ein effektiver Klimaschutz. Bakterien bauen organisches Material des Torfs beschleunigt ab, sobald Moor­gebiete entwässert werden. In diesem Fall werden die Torfböden belüftet. Die Folgen: Es wird nicht nur viel CO² produziert, sondern auch das klimawirksame Lachgas.

Weltweit sind etwa 10 Prozent der Moore entwässert, in Europa liegt der Wert bei 50 Prozent. Über 90 Prozent der Schweizer Moorgebiete sind laut dem neuen Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» trockengelegt. Eine Renaturierung solcher degradierter Moore könne zu einer Umkehr der negativen Treibhausgasbilanz führen, heisst es im Bericht. Allerdings muss die Nutzung aufgegeben werden. Der Flächenanteil degradierter Moorböden zu Acker- und Grasland beträgt in der Schweiz weniger als 1 Prozent.

Mit einer Renaturierung erhalten Moore auch ihre Eigenschaft zurück, bei extremen Regenereignissen Wasser zurückzuhalten und Hochwasserspitzen zu dämpfen. (lae)

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