Heimlich erobert ein Räuber Europa

Der Goldschakal breitet sich vom Balkan her immer weiter aus. Auch in der Schweiz taucht er hin und wieder auf.

Er sieht dem Wolf sehr ähnlich, doch der Goldschakal ist nur wenig grösser als ein Fuchs. Foto: SPL, Keystone

Er sieht dem Wolf sehr ähnlich, doch der Goldschakal ist nur wenig grösser als ein Fuchs. Foto: SPL, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Abend heult er. Wenn alles langsam dunkel wird, ruft er immer wieder lauthals in die Dämmerung. Sein Körper angespannt, die Schnauze weit nach oben geöffnet, die Ohren angelegt. Der Goldschakal knurrt, winselt und bellt oft aus voller Kehle – ähnlich wie ein Wolf.

«Manchmal hört es sich auch wie eine Sirene an», sagt Jennifer Hatlauf vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien. Generell sei seine Stimme höher als die des Wolfs. Um die Aufenthaltsorte des Goldschakals zu finden, wendet die Wildtierökologin einen Trick an und spielt ihm in ausgesuchten Gebieten über ein Megafon eine Tonbandaufnahme vor.

117'000 Schakale in Europa

«Oft antwortet er sofort», erklärt Hatlauf, die den scheuen und heimlichen Einwanderer in Österreich erforscht. Aber auch in der Schweiz gab es schon mehrere Nachweise. «Zum ersten Mal blitzten ihn 2011 Fotofallen an verschiedenen Orten in den Schweizer Nordwestalpen», sagt Fridolin Zimmermann von der Raubtier-Forschungsstelle Kora. Danach wurde hierzulande erst im Jahr 2015 wieder ein Goldschakal fotografiert. Und zwar im Kanton Graubünden, südlich von Disentis.

Auf den ersten Blick sieht der Goldschakal mit seinem gelblich-grauen und dunkel gescheckten Fell sowie seiner auffällig weissen Zeichnung um den Hals aus wie ein Wolf. Doch er ist deutlich kleiner als dieser, aber etwas grösser als ein Fuchs. Fast in ganz Europa ist der Goldschakal mittlerweile auf dem Vormarsch. Vom südöstlichen Balkan her dehnt er sein Siedlungsgebiet auf natürliche Weise nach Mitteleuropa aus. Ursprünglich lebte er nur in weiten Teilen Arabiens, Indiens und des Nahen Ostens bis in die Türkei.

Doch nun finden die Experten immer mehr Spuren fernab seines bisher vermuteten Verbreitungsgebiets – im Westen bis nach Frankreich und im Norden bis nach Estland und in die Niederlande. Aktuellen Schätzungen zufolge ist die Population inzwischen riesig und übertrifft diejenige der Wölfe um das Siebenfache. Gemäss der Weltnaturschutzunion (IUCN) gibt es in Europa bis zu 117'000 Goldschakale, aber nur 17'000 Wölfe.

Im alten Ägypten wurde der Goldschakal als heiliges Wesen verehrt und der Totengott Anubis mit einem Schakalkopf dargestellt. Heute kennt man Schakale am ehesten noch aus Naturfilmen aus der afrikanischen Steppenlandschaft. Doch die in Afrika lebende Art wurde 2015 als eigenständig eingestuft und heisst nun neu Goldwolf, weil sie im Gegensatz zu den hiesigen Schakalen genetisch enger mit dem Wolf verwandt ist.

Monogame Beziehung

Die bisher in der Schweiz nachgewiesenen Goldschakale sind vermutlich auf Wanderschaft. «Sie streifen umher, um sich ein Revier zu suchen», sagt Zimmermann von Kora. In Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Slowenien seien die Raubtiere dagegen längst heimisch. 2007 hatten sie auch in Österreich und Nordostitalien erstmals Nachwuchs. Sie sind allesamt von allein in die Länder eingewandert – und nicht wie etwa der Luchs in der Schweiz im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts ausgesetzt worden.

Hat ein Männchen eine Partnerin gefunden, bleibt es ihr treu. Häufig jagen beide für sich, manchmal aber auch im Familienverband von vier bis sechs Individuen. Aufgrund der versteckten Lebensweise fallen die meist nachtaktiven Raubtiere kaum auf. «Sie meiden Regionen, in denen der stärkere Wolf sich bereits angesiedelt hat, und halten sich bevorzugt in viel strukturierter Landschaft mit guter Deckung auf», sagt Hatlauf. In manchen Ländern kämen sie durchaus auch in Siedlungsnähe vor.

Die Population des Goldschakals ist in Europa heute knapp siebenmal so gross wie jene der Wölfe.

Als Allesfresser und Opportunist ist er nicht wählerisch und frisst neben Beeren und Mais, Insekten, Amphibien oder Fischen gern auch kleine Säugetiere wie etwa Mäuse. Gelegentlich gibt es allerdings auch bei Schafzuchten Verluste. So zeigten zum Beispiel genetische Analysen im Jahr 2017, dass bei Arosa ein Schakal ein Schaf gerissen hatte.

Was er genau auf dem Speiseplan hat, hängt ganz vom Angebot ab. Eine Studie in Serbien kam aufgrund des untersuchten Mageninhalts von 600 Tieren zum Schluss, dass es sich dabei um 70 Prozent Schlachtabfälle, weitere 10 Prozent Nagetiere und 8 Prozent Schalenwild handelt. «In der Schweiz wäre dies anders», sagt Zimmermann, «da wir hier keine solchen illegalen Mülldeponien haben.»

Ob sich der Schakal hier auch ansiedelt und Rudel bildet, ist aufgrund der zunehmenden Präsenz des Wolfs ungewiss. Hinzu kommt, dass städtische Gebiete als Lebensraum eher nicht infrage kommen. Aber auch Gebirge, lang anhaltende Schneedecken und intensiv bewirtschaftete Agrarflächen ohne Deckungsmöglichkeiten sind nicht für ihn geeignet.

Verwechslung mit Fuchs

Dass sich ein mittelgrosses Raubtier in Europa geradezu heimlich ausbreiten kann, weckt wissenschaftliche Interessen. Hat die enorme Expansion ökologische Folgen? Verschiebt sie lokal die Räuber-Beute-Verhältnisse? Ändert sich dadurch vielleicht auch der rechtliche Status?

Bisher war der Goldschakal in der Schweiz als nicht jagdbares Wild geschützt. So kam es dazu, dass 2015 ein Jäger auf der Passjagd in der Surselva bei der Wildhut Selbstanzeige erstattete: Zu spät bemerkte er, dass er irrtümlicherweise statt eines Fuchses einen Schakal geschossen hatte.

Um mögliche Konflikte wie etwa beim Wolf rechtzeitig zu erkennen, erfasst die Wiener Forscherin Hatlauf die Ausbreitung der Goldschakale in Österreich. Dazu setzt sie aufgrund von Hinweisen von Jägern, Förstern oder aus der Bevölkerung die bewährte Heulanimation ein. Sie sagt, dass es in Ungarn aber auch schon vorgekommen sei, dass ein Tier auf den Alarm eines Krankenwagens reagiert habe.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.01.2019, 15:30 Uhr

Artikel zum Thema

Trumps Mauer gefährdet seltene Tiere

Donald Trumps Mauer zu Mexiko würde einige der wertvollsten Biotope Amerikas zerschneiden. Auch in Europa machen Zäune Artenschutz zunichte. Mehr...

«Rehe hätten bald keinen Platz mehr»

Interview Rund 90 Wildhüter statt 1300 Milizjäger: Initiantin Marianne Trüb sagt, das könne funktionieren. Der oberste Jäger, Christian Jaques, warnt vor dramatischen Folgen für die Wildtiere.  Mehr...

Jetzt rauben wir den Wildtieren auch noch den Tag

Der Mensch stört den Tagesrhythmus von Wildtieren – mit weitreichenden Folgen. Die Gründe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Was taugt die digitale Vermögensverwaltung?
Tingler Moden des Geistes
Mamablog Kind, es tut mir leid!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...