Hintergrund

Heuschnupfen im Januar

Pollen fliegen in diesem Jahr ungewöhnlich früh. Hasel und Erle beginnen in diesen Tagen in Zürich und Basel zu blühen.

Diese Kätzchen können kitzeln: Blühender Haselstrauch.

Diese Kätzchen können kitzeln: Blühender Haselstrauch. Bild: Wolfram Steinberg/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Augen jucken, die Nase trieft. Allergiker müssen sich dieses Jahr ungewöhnlich früh auf Leidenstage einstellen. Die Pollensaison soll bereits begonnen haben. Hasel und Erle blühen laut Modellen von Meteo Schweiz in Zürich, Basel und Lausanne. Wie stark die Belastung tatsächlich ist, wissen die Fachleute in den nächsten Tagen nach der Auswertung der ersten «Pollenernte» aus den vierzehn Pollenfallen in der Schweiz (siehe Infografik).

«Ich habe am Wochenende an verschiedenen Orten einzelne Haselsträucher gesehen, die schon sehr weit entwickelt waren», sagt Regula Gehrig, Biometeorologin bei Meteo Schweiz. Die Forscherin vermutet, dass bei Sonnenschein und weiterhin warmen Temperaturen mit Pollen zu rechnen ist. Zwar ist das erst der Anfang, und die meisten Haseln weisen noch geschlossene Blütenkätzchen auf; dennoch: «Für einige Allergiker reichen diese wenigen Pollen für Heuschnupfen schon aus», sagt Gehrig.

Warmer Dezember in Zürich

Die nächsten Tage bringen laut Wetterprognosen keine Abkühlung. Die Grundlage für den frühen Blühbeginn wurde jedoch im Dezember und in den letzten Januarwochen gelegt. Zwar lag die Durchschnittstemperatur im Dezember laut dem Monatsbulletin von Meteo Schweiz im Flachland und in den Tälern der Alpennordseite 0,4 bis 0,9 Grad unter dem Langzeitmittel von 1981 bis 2010. Das gilt aber nicht in einzelnen Regionen wie etwa Zürich und Basel.

Die Biometeorologen orientieren sich allerdings für ihre Modelle weniger an Monatsmittelwerten, sondern vielmehr an Temperatursummen. Das heisst: Sie summieren gemessene durchschnittliche Tagesmittel oder Minimum- und Maximumtemperaturen auf. «Es ist schwierig, zu sagen, auf welche Werte die Pflanzen tatsächlich reagieren», sagt Andreas Pauling von Meteo Schweiz. Die Biologie dafür sei zu komplex, um sie vollkommen zu verstehen. Deshalb wählten die Wissenschaftler von Meteo Schweiz die tägliche Temperatur um 14 Uhr für ihre Prognosemodelle. Dieser Zeitpunkt sei zwar nicht immer das gewünschte Temperaturmaximum, so Pauling. Doch die Differenz zu wärmeren Tageswerten sei nicht allzu gross. Dafür bringt dieser Zeitpunkt einen praktischen Vorteil, sobald die Blühprognosen für die Pollen mit dem Wetterprognosemodell gekoppelt werden, um Belastungskarten zu erstellen. Die Ergebnisse der Wettermodelle seien zu bestimmten Zeitpunkten erhältlich.

Die Aufsummierungsmethode ist allerdings nicht so trivial, wie es scheint. «Erst ab 5 bis 8 Grad Wärme profitiert die Pflanze», sagt Pauling. So muss je nach Messstation zum Beispiel für die Hasel bereits im Dezember mit der Aufsummierung begonnen werden. Die Hasel beginnt zu blühen, wenn die Temperatursumme der Vorwochen durchschnittlich 135 Grad erreicht, bei der Birke beträgt die Summe 270 Grad. Die Schwankungen der Schwellenwerte sind allerdings je nach Pflanze gross. Der Fehler der Blühbeginnprognose liegt denn auch bei 2 bis 7 Tagen.

Die Hasel ist die Erste

Die Hasel reagiert schnell auf Wärmephasen. Sie blüht als Erste auf, auch an geschützten Standorten – und lässt sich durch spätere Kaltphasen oder Schnee nicht aus dem Konzept bringen. «Dann stoppt sie die Blüte und nimmt sie wieder auf, sobald es wärmer wird», sagt Gehrig. Grundsätzlich sind in der Schweiz jedoch alle einheimischen Pflanzenarten, deren Pollen Allergien auslösen, nicht sehr kälteempfindlich. Normale Wetterwechsel können sie gut ertragen.

Hasel und Erle sind dieses Jahr gegenüber dem mittleren Blühbeginn weit voraus. Die Hasel startet zum Beispiel in Zürich im Durchschnitt jeweils um den 3. Februar in die neue Saison, die Erle am 8. Februar. Anders sieht es bei Esche und Birke aus sowie bei den Gräsern. Die Vorhersagemodelle können für diese Arten noch keine Ergebnisse liefern, weil sich die Bäume noch in der Winterruhe befinden und das Datum des Blühbeginns vor allem von den Temperaturen im Februar und März abhängt. Die Entwicklung der Gräser reagiert auf die Wärme im März und April. Einzigartig ist die frühe Pollensaison allerdings nicht. 1994 begann sie bereits am 5. Januar, in der Haselsaison 2003 flogen die ersten Pollen sogar schon am 30. Dezember des Vorjahres. Bereits ein Unterschied der durchschnittlichen Monatstemperatur im Dezember und Januar von zwei Grad kann die Blütezeit um rund drei Wochen verschieben.

Wenig Wind, mehr Pollen

Der Blühbeginn der Pollensaison sagt jedoch noch nichts darüber, wie stark Allergiker betroffen sind. Meteo Schweiz bietet seit wenigen Jahren während der Pollensaison eine täglich aktualisierte Belastungskarte an. Dafür werden die Ergebnisse der Blühbeginnprognose mit dem Wettermodell Cosmo und dem Ausbreitungsmodell ART gekoppelt. Die Auflösung beträgt 7 Kilometer. «Die Schätzungen sind grundsätzlich zuverlässig, hängen aber von der Güte der Niederschlags- und Windprognosen ab», sagt Pauling. Hohe Temperaturen, trockene Verhältnisse und ein wenig Wind begünstigen die Pollenfreisetzung.

In Basel gibt es seit 1969 eine Messstation, in Zürich seit 1982. Trotzdem sind diese Datenreihen laut Regula Gehrig von Meteo Schweiz zu kurz und die Schwankungen des Blühbeginns zu gross, um Aussagen über den Einfluss des Klimawandels machen zu können. Aus den langen Datenreihen lässt sich aber deutlich zeigen, dass die Pollenbelastung mit steigender Temperatur früher eintritt. Die Unsicherheiten für Klimaprognosen sind sonst gross. «Eine bedeutende Unsicherheit ist die Veränderung der Pflanzenarten in der Natur», sagt Andreas Pauling. Zudem sei auch unsicher, wie sich der Niederschlag verändere, was auch Auswirkungen auf die Pflanzen und die Pollenbelastung habe.


Erstellt: 13.01.2014, 18:40 Uhr

Artikel zum Thema

Der Landarzt, der die Fachwelt verblüfft

Markus Gassner, Landarzt im sankt-gallischen Grabs, prägt bis heute die Allergieforschung. Er beobachtete als Erster das scheinbare Paradox, dass Bauernkinder seltener unter Allergien leiden als Stadtkinder. Mehr...

Eine neue Waffe gegen Heuschnupfen und allergischer Rhinitis

Menschen mit Heuschnupfen oder allergischer Rhinitis leiden durch Pollenflug, Hausstaub oder Tierhaare das ganze Jahr hindurch. Schon jetzt tritt allergische Rhinitis bei 25% aller Personen auf. Mehr...

Der Heuschnupfen lässt sich nicht einfach wegstechen

Akupunktur gegen Pollenallergie ist beliebt. Doch nun zeigt eine grosse Studie, dass sie kaum hilft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...