«Heute sind wir besser in der Lage, auf Vulkanasche zu reagieren»

Chaos, Groundings, Milliarden-Verluste: 2010 legte ein gewaltiger Vulkanausbruch die Airline-Industrie lahm. Nun steht mit dem Bardarbunga womöglich die nächste grosse Prüfung bevor.

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Es tut sich wieder etwas in Island: Am Vulkan Bardarbunga wurden in den letzten Tagen Tausende kleiner Beben registriert. Hunderte Touristen wurden vorsorglich vor einem möglichen Vulkanausbruch im Südosten der Insel in Sicherheit gebracht. Die Warnstufe für den Bardarbunga wurde auf die zweithöchste Stufe Orange hinaufgesetzt. Fachleute schliessen eine Eruption nicht aus. Eine solche könnte nach Einschätzung von Wissenschaftlern für Aschewolken sorgen, die den Flugverkehr in Nordeuropa und dem Nordatlantik behindern.

Das erinnert an den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull im Jahr 2010, als in der Luftfahrt wegen der Aschewolke tagelang nichts mehr ging. Die Branche handelte damals unkoordiniert, es herrschte Chaos. Seither hat sich aber einiges getan. «Heute sind wir in einer viel besseren Lage, auf Vulkanasche zu reagieren», sagt ein Sprecher von Eurocontrol, die die Luftverkehrskontrolle in Europa koordiniert, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. So gründete Eurocontrol zusammen mit der Europäischen Kommission die EACCC (European Aviation Crisis Coordination Cell). Diese Stelle koordiniert die Handhabung von Krisen, die die europäische Luftfahrt betreffen – darunter auch Aschewolken.

Simulation von Vulkanausbrüchen

Die EACCC und weitere europäische Aviatikinstitutionen proben seit 2011 einmal jährlich in einer grossen Krisensimulation den Ernstfall. Dabei wird auch das neue sogenannte Evita-Tool getestet, das Aschekonzentrationen genauer angeben kann und mit dem die Auswirkungen von Aschewolken an bestimmten Orten überprüft werden können (siehe Bildstrecke). Bei den sogenannten Volcex-Übungen (Volcanic Ash Crisis Exercises) werden allfällige Mängel am Krisendispositiv entdeckt und ausgemerzt. Simuliert werden verschiedene Ausbrüche von Vulkanen auf Island, in Italien und auf den Azoren, und bei jeder Übung gestalten sich die Szenarien anders.

Neu aufgeteilt ist auch die Entscheidung, ob geflogen werden darf oder nicht: Zwar entscheiden immer noch die Luftfahrtbehörden eines Landes, ob dessen Luftraum gesperrt werden soll oder nicht. In der Schweiz ist es das Bazl. Dieses beobachtet die Situation laut Sprecherin Martine Reymond. Tue sich etwas mit dem Vulkan, werde eine Krisensitzung einberufen. Für den Entscheid über die Sperrung des Luftraums ziehe man Informationen von Eurocontrol und Easa (Europäische Agentur für Flugsicherheit) bei.

Bessere Koordination bei der Swiss

Doch wenn der Luftraum nicht gesperrt wird, weil die Aschekonzentration gering oder mittel ist, können Airlines selber entscheiden, ob sie fliegen oder nicht. Voraussetzung ist, dass die Fluggesellschaft über ein sogenanntes Safety Risk Assessment verfügt, das von der Luftfahrtbehörde genehmigt worden ist. «Mit der flexibleren Handhabung wird die Anzahl gestrichener Flüge deutlich reduziert», so der Eurocontrol-Sprecher.

Bei der Swiss ist eine 25-köpfige Taskforce für den Entscheid zuständig. Sie versammelt sich innerhalb einer Stunde nach Bekanntwerden eines Krisenfalls und berät das weitere Vorgehen. Die Taskforce, die auch bei anderen speziellen Ereignissen eingesetzt wird, hat aus dem Szenario von 2010 gelernt: Sie hat ihre Zusammenarbeit und den Austausch innerhalb der Lufthansa-Gruppe und mit diversen Luftfahrtinstitutionen intensiviert, darunter mit der europäischen Luftfahrtaufsicht Eurocontrol. «Auch mit internen und externen Spezialisten wie Meteorologen oder Flugtechnikern haben wir die Koordination in den letzten vier Jahren verbessert», sagt Swiss-Sprecherin Myriam Ziesack auf Anfrage.

Mehr Anfragen für Vulkanversicherung

Dem Flughafen Zürich sind im Falle einer erneuten Vulkanaschewolke hingegen die Hände gebunden. «Als Flughafenbetreiberin haben wir beschränkte Möglichkeiten, wenn eine neue Aschewolke den europäischen Flugverkehr lahmlegen würde», sagt Sprecherin Sonja Zöchling gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Es seien vor allem die Airlines, die die betroffenen Passagiere betreuten und informierten, oder dann die Abfertigungsfirmen. «Wir unterstützen die Airlines jedoch bei der Passagierbetreuung, zum Beispiel bei der Verpflegung. Vor vier Jahren boten wir auch den Zivilschutz auf», so Zöchling. 2010 habe die Handhabung der aschebedingten Flugpause gut funktioniert, man würde es wieder so machen.

Auch die Versicherungsbranche hat auf den Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010 reagiert: Die Europäische Reiseversicherung (ERV) lancierte kurz darauf eine Vulkanversicherung. Diese deckt Annullierungen und Reisemehrkosten bis 2000 Franken ab, die wegen eines Vulkanausbruchs entstehen. «Seit der Bardarbunga in den Medien präsent ist, erhalten wir mehr Anfragen bezüglich Vulkanversicherungen», sagt ERV-Geschäftsführer Thomas Tanner.

Wie viele Vulkanversicherungen in den letzten Jahren verkauft wurden, kann Tanner jedoch nicht beziffern, weil sie seit 2012 Teil eines Pakets sind. Dieses schliesst auch Versicherungen für Reisegepäck sowie Arzt- und Spitalkosten ein. Tanner rechnet jedoch damit, dass das Versicherungspaket in den letzten Tagen wegen des möglichen Vulkanausbruchs vermehrt gekauft wurde. Entsprechende Zahlen seien jedoch noch nicht erhältlich, so der ERV-Geschäftsführer. Als die Vulkanversicherung in den ersten zwei Jahren ihres Bestehens noch einzeln angeboten worden sei, sei die Nachfrage allerdings schwach gewesen, weshalb man das Kombipaket geschnürt habe.

Erstellt: 22.08.2014, 07:06 Uhr

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