Ihr Hund ist dümmer, als Sie glauben

Menschen halten Vierbeiner für besonders schlau. Dabei sind sie kognitiv nicht fitter als Ziegen, Otter oder Schildkröten. Warum wir Hunde chronisch überschätzen.

Hunden kann man Kommandos beibringen, aber sind sie deswegen übermässig intelligent? Eine Frau mit ihrem Hund. Foto: iStock

Hunden kann man Kommandos beibringen, aber sind sie deswegen übermässig intelligent? Eine Frau mit ihrem Hund. Foto: iStock

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Lassie, Kommissar Rex und ein Hund namens Beethoven – wenn es jemals Zweifel an der Intelligenz von Hunden gegeben haben sollte, dann haben unter anderem diese tierischen Filmstars sie wohl ausgeräumt. Die Hunde meistern nicht nur zahlreiche Abenteuer, sondern beweisen dabei auch eine beträchtliche Klugheit und Umsicht. Und selbst wenn Kinoleinwand und Fernseher jeden Helden gerne ein bisschen grösser erscheinen lassen, als er in Wirklichkeit ist – selbst dann gilt doch, dass Hunde nun wirklich aussergewöhnlich intelligent sind. Oder?

Na ja, geht so, antworten darauf sinngemäss Stephen Lea und Britta Osthaus. Im Fachmagazin Learning and Behavior vergleichen sie die kognitiven Leistungen von Hunden mit denen zahlreicher anderer Tiere und kommen zu dem Schluss: Sicherlich sind Hunde keine Dumpfbacken. Doch ebenso wenig sei es gerechtfertigt, sie als geistige Überflieger einzuordnen, die allen anderen Tieren einen grossen kognitiven Schritt voraus seien.

Berücksichtige man die Lebensweise einer Art – etwa, ob sie allein oder zusammen mit anderen jagt, sich pflanzlich ernährt oder in menschlicher Obhut lebt – erreichten viele andere Spezies ein vergleichbares kognitives Niveau. Besonders bei Hunden aber sei der Mensch alles andere als objektiv, moniert Lea. «Sie werden oft mit Schimpansen verglichen, und wann immer die Hunde ‹gewinnen', trägt das zu ihrem Ruf als etwas Aussergewöhnlichem bei», sagt der emeritierte Psychologe von der University of Exeter.

Auch wenn seine Kritik wohl eher auf die Einstellung vieler Hundehalter zutrifft als auf viele wissenschaftliche Studien, so machen Lea und Osthaus doch auf ein Problem aufmerksam, mit dem die Wissenschaft seit Jahrzehnten kämpft: dem häufig stark verzerrten Blick auf die Intelligenz von Tieren. Bis heute ist es schwierig und oft kontrovers, die kognitiven Fähigkeiten von Maus, Mops und Maki zu messen und miteinander zu vergleichen. Und ganz abgesehen von den Säugern: Wie steht es überhaupt um die Intelligenz von Eidechse und Eichelhäher?

Reptilien und Vögel erhalten bei dieser Frage weitaus weniger Aufmerksamkeit, ganz zu schweigen von Insekten, Amphibien und Weichtieren. Wie entscheidend jedoch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit für den intellektuellen Ruf einer Tiergruppe ist, kommentiert sarkastisch der Psychologe Thomas Bouchard von der University of Minnesota in einer Übersichtsarbeit zu tierischer Intelligenz: «Hunde und Mäuse scheinen um einiges schlauer geworden zu sein, seit Forscher die notwendige Zeit und Mühe investieren, um deren Fähigkeiten zu erkunden.»

Sicher haben auch tierische Filmhelden dafür gesorgt, dass viele Menschen Hunde für Intelligenzbestien halten: Ein Ausschnitt aus dem Film Lassie. Foto: Getty Images

Was Hunde betrifft, so sollte man deren kognitive Fähigkeiten Lea und Osthaus zufolge mit denen von Vertretern dreier Gruppen vergleichen: anderer Rudeljäger, anderer Fleischfresser und anderer Haustiere. Schliesslich bedingen die Ernährungs- und Lebensweise eines Tiers seine kognitiven Fähigkeiten. Hunde gehören allen drei Gruppen an.

Zu den Vergleichsarten zählten zum Beispiel Tüpfelhyänen, die wie Hunde Fleischfresser sind und in sozialen Verbänden jagen. Katzen repräsentierten die Gruppe der fleischfressenden Haustiere, Pferde und Ziegen standen für pflanzenfressende Haustiere. «Hunde sind geprägt durch ihre Zugehörigkeit zu allen drei Gruppen», sagt Osthaus von der Canterbury Christ Church University.

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Die Forscher bezogen unter anderem Aufgaben zur Sinneswahrnehmung ein, zu sozialer Kognition (etwa Kommunikation und Erkennen von Artgenossen), objekt-bezogenen und räumlichen Fähigkeiten (zum Beispiel das Wissen um den Verbleib eines versteckten Gegenstandes) und zu der Fertigkeit, die Perspektive anderer zu berücksichtigen. Wie die Auswertung von mehr als 300 Studien ergab, erbrachten jeweils einige Vertreter jeder Gruppe mindestens gleiche kognitive Leistungen wie Hunde. «Ziegen zum Beispiel können menschlichen Gesten genauso gut folgen wie Hunde», sagt Osthaus. Pferde verknüpfen problemlos die Stimme eines Artgenossen mit dessen Bild, und Seeotter gehen geschickt mit Werkzeug um.

Intelligentes Tierreich

Unter diesem Blickwinkel «erscheint die Kognition von Hunden nicht aussergewöhnlich», lautet das Fazit der Autoren. Das allerdings unterliegt der Bedingung, dass die ausgewerteten Studien qualitativ einigermassen vergleichbar sind – eine vielleicht etwas gewagte Annahme angesichts der Schwierigkeiten, die die Erforschung der tierischen Intelligenz mit sich bringt.

Doch selbst eingedenk dieses möglichen Makels lässt sich der Studie von Lea und Osthaus zugute halten, dass sie zu einer weniger verzerrten Sicht auf die tierische Kognition beiträgt. Und alle Hundefreunde, die dennoch von der aussergewöhnlichen Intelligenz ihrer Lieblinge überzeugt sind und nun zu Schimpftiraden anheben, seien beruhigt: Es wurden schon andere Tiere vom Thron der vermeintlichen Schlaumeier gestürzt. Das kann im Einzelfall blamabel, letztendlich aber ein grosser Dienst an der Wissenschaft sein.

Pferde sind darauf angewiesen, die Gemütszustände ihrer Artgenossen schnell zu deuten.

Bestes Beispiel dafür war ein Pferd, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Berlin lebte. Regelmässig stellte der «Kluge Hans» vor Schaulustigen seine Mathekünste unter Beweis, indem er mit dem Huf das Ergebnis von Rechenaufgaben klopfte. Der Hengst konnte sogar Brüche und Dezimalzahlen addieren und subtrahieren, Wochentage bestimmen und das Alphabet klopfen. Zumindest dachten das sein Besitzer Wilhelm von Osten und dessen Besucher. Erst als der Psychologe Oskar Pfungst monatelang den Hengst beobachtet und mit ihm eigene Versuchsreihen durchgeführt hatte, kam heraus: Der «Kluge Hans» war kein Rechen-, sondern ein Beobachtungskünstler. Er achtete auf kleinste, unbewusste Veränderungen in der Körperspannung derer, die ihm die Aufgaben stellten. Kannte auch der Mensch die Antwort auf eine Frage nicht, klopfte das Pferd unbeirrt immer weiter.

Als Pfungst seine Erkenntnis öffentlich machte, tobte Hans' Besitzer vor Ärger über das Pferd. Zur Strafe für die Schmach sollte es bis an sein Lebensende Leichenwagen ziehen, entschied von Osten. Dann jedoch verkaufte er Hans, den nun kaum einer noch für besonders klug hielt. Dabei verfügte der Hengst durchaus über beachtliche Fähigkeiten – nur eben über solche, die aus Pferdesicht Klugheit bedeuten. Als Herdentiere sind Pferde darauf angewiesen, die Gemütszustände ihrer Artgenossen schnell zu deuten. Wer dabei besonders geschickt ist und zum Beispiel schon ein leise zuckendes Ohr des Kumpanen als Warnung versteht, der entgeht dank dieser Feinfühligkeit vielleicht einem saftigen Huftritt.

Einige Schildkröten schnitten in Aufgaben zum Problemlöseverhalten überraschend gut ab.

Ein Problem schnell zu erkennen und es ebenso elegant wie sozial verträglich zu lösen: Ist das nicht das beste Anzeichen für wahre Klugheit? Trotzdem galt das Schicksal des schwarzen Hengstes als tiefer Fall. Doch der Wissenschaft war es eine Lehre. Hans' Geschichte halte Forscher dazu an, den Einfluss des Menschen in Kognitions-Versuchen mit Tieren zu bedenken und wenn möglich auszuschalten, schreibt der Verhaltensforscher Frans de Waal in seinem Buch «Are We Smart Enough To Know How Smart Animals Are?»

Sind wir Menschen klug genug, um zu verstehen, wie clever Tiere sind? Zweifel daran kommen auf, wenn es um Tiere geht, die man normalerweise nicht zu den hellsten Köpfen zählt: Reptilien wie Schildkröten und Eidechsen. Doch um deren kognitiven Fähigkeiten steht es weit besser als gedacht, zeigen Studien von Anna Wilkinson von der University of Lincoln. So schnitten einige Schildkröten in Aufgaben zum Problemlöseverhalten überraschend gut ab, und selbst Ansätze von sozialem Lernen stellte Wilkinson bei ihren Probanden fest.

Dass die kognitiven Fähigkeiten von Reptilien dennoch oft unterschätzt werden, dürfte zum Teil an der einfacheren Gehirnstruktur von Reptilien liegen. Tatsächlich sind deren geistigen Möglichkeiten mit ihrem vergleichsweise primitiven Denkorgan schneller erschöpft als bei Säugern. Doch Wilkinson vermutet noch einen anderen Grund, warum das volle Potenzial ihrer Probanden oft nicht erkannt wird: Die wechselwarmen Tiere brauchen für geistige Hochleistungen eine sehr warme Umgebung. Und daran, die Heizung im Versuchsraum aufzudrehen, muss immer noch der Mensch denken.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 30.10.2018, 17:35 Uhr

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