Im Januar brennt die Wüste, im August der Regenwald

Jeden Tag gibt es auf der Welt Tausende von Waldbränden. Wo es wann lodert und warum.

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Mehr als 74'000 Brände wurden dieses Jahr im Amazonas-Regenwald schon registriert. Allein derzeit sollen mehrere Tausend Feuer lodern, die Rauchfahnen reichten zuletzt bis zur Millionenmetropole São Paulo. Doch sind die Brände im Regenwald wirklich so aussergewöhnlich?

«Nein», sagt der Feueröko­loge und Leiter des Zentrums für Globale Feuerüberwachung des Max-Planck-Instituts für Chemie an der Universität Freiburg, Johann Georg Goldammer – in diesem Jahr habe sich einzig die mediale Aufmerksamkeit erhöht.

«Abgesehen von einigen Regionen wie etwa Kalifornien, wo aufgrund des Klimawandels mittlerweile ganzjährig Brände auftreten, ist die jahreszeitliche Verteilung von Feuern seit vielen Jahren konstant.»

Jedes Jahr brennen 300 bis 600 Millionen Hektaren

Das gelte auch für die Gesamtfläche, die jährlich auf der Erde verbrennt: «Jahr für Jahr brennen zwischen 300 und 600 Millionen Hektaren an Vegetation», sagt Goldammer. Auch 2019 sei bislang ein Jahr wie jedes andere gewesen, gleichwohl mit Ausreissern nach oben und unten in einzelnen Regionen, wie aktuell im Amazonas. In der Regel würden Brandflächen jedoch erst am Jahresende berechnet, damit aussagekräftige Vergleiche mit anderen Jahren hergestellt werden könnten, so Goldammer.

Eine Übersicht zu Feuern weltweit liefert das Fire Information for Ressource Management System der Nasa, das anhand von Daten, die mittels Satelliten, Flugzeugen oder bodennaher Messstationen ge­wonnen werden, die aktuellen Brandherde auf einer Weltkarte visualisiert.

«Weltweit sind etwa 90 Prozent aller Brände von Menschen verursacht.»Alexander Held,
Waldbrandmanager vom European Forest Institute

Vergleicht man etwa die einzelnen Monatskarten der Nasa von 2001 mit denen von 2018, sind kaum Unterschiede festzustellen. Dennoch seien diese Grafiken mit Vorsicht zu geniessen, sagt Feuerexperte Goldammer. «Ein Satellit registriert lediglich sogenannte Hochtemperaturereignisse. Das muss jedoch nicht zwingend ein Feuer sein.» Auch über Grösse und Art des Feuers sage dies noch nichts aus, dazu müsse beachtet werden, welche Pflanzen vor Ort wüchsen.

Visualisierung: Diese Animation zeigt die weltweite Verteilung von Waldbränden über das Jahr. Animation: Tamedia

Meist wird Feuer in erster Linie mit Zerstörung und Ver­nichtung assoziiert – eine Sichtweise, die Alexander Held zu einseitig findet. «In vielen Regionen der Erde spielen regelmässige Brände eine wichtige Rolle für ein intaktes Ökosystem», sagt der Diplomforstwirt und Waldbrandmanager vom European Forest Institute.

Ein typisches Beispiel sei die afrikanische Savanne, die sich zwischen der Sahara und dem Äquator quer über den ganzen Kontinent erstreckt. «Während der Regenzeit wird dort enorm viel Biomasse produziert, die in der Trockenzeit so gut wie nicht verrottet. Diese Aufgabe übernehmen durch Blitzschlag oder von Menschen verursachte Brände», sagt Held. Diese vernichten verdorrtes, «altes» Gras, während im Boden liegende Wurzeln und Samen unversehrt bleiben. In Zusammenspiel mit der zurückbleibenden Asche, die dem Boden als Dünger dient und ihm Nährstoffe zuführt, können dann junge Gräser nachwachsen: Die Savanne regeneriert sich. Das kann sie allerdings nur, wenn der Mensch sie lässt.

Abnahme der Feuer in Savannengebieten

Wie ein Forscherteam von der University of California in Ir­vine 2017 in einer Studie zeigte, nahmen die natürlich auftretenden Feuer in Savannengebieten zwischen 1998 und 2015 um ein Viertel ab. Infolge der wachsenden Weltbevölkerung werden stetig grössere Flächen für Landwirtschaft benötigt, weshalb Graslandschaften, die früher durch regelmässige Brände regeneriert wurden, nun für Viehzucht oder Ackerbau genutzt werden und Bauern natürliche Feuer verhindern.

Im Frühjahr findet sich auf der Erde ein weiterer Hotspot: Sibirien. Wie auch in Nordamerika und sogar in Alaska stehen dort Jahr für Jahr zunächst Grasländer und Steppen in Flammen, etwas später sind vor allem Waldgebiete betroffen. Diese Feuer sind für das dortige Ökosystem jedoch erst mal nicht so schlimm, wie Thomas Hickler, Biogeograf am Forschungszen­trum Senckenberg Biodiversität und Klima in Frankfurt am Main, sagt: «Die borealen Nadelwälder in den nördlichen Breitengraden sind ganz gut an Feuer angepasst.»

Vom Menschen verursachte Feuer im Amazonas

So hätten Analysen von Bohr­kernen gezeigt, dass dort die Wälder vielerorts schon immer im Abstand einiger Jahrzehnte gebrannt und sich anschliessend wieder regeneriert hätten. Tatsächlich verbessern diese Feuer sogar die Nährstoffversorgung des Waldes. Durch Menschen kommt es zwar zu mehr Ent­zündungen, aber in einigen Regionen sind Managementmassnahmen zumindest in nicht extrem trockenen Jahren recht erfolgreich darin, die Feuer zu unterdrücken. Ob der Klima­wandel in der borealen Nadelwaldzone generell zu mehr Feuer führt, sei dagegen noch nicht geklärt, sagt Hickler.

Solange sich der Mensch nicht zu sehr einmischt, kann die Natur mit Feuer ganz gut umgehen.

Im Spätsommer rückt der Regenwald im Amazonas in den Fokus. Treten dort natürliche Feuer auf? Das komme auf die Art des Regenwalds an, sagt Hickler. «In Regenwaldgebieten mit ausgeprägter Trockenperiode im Übergang zu Trocken­wäldern kann es auch natürlicherweise zu Feuern kommen.» Im immergrünen, feuchten Regenwald seien Feuer dagegen nicht natürlich, so Hickler.

Dort auftretende Brände seien fast immer von Menschen verursacht dazu, durch Brandrodung neue landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen. Und da in diesen Regionen weder Flora noch Fauna an Feuer angepasst sind, können ausser Kontrolle geratene Brände dort verheerende Folgen haben. Zumal es Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern kann, bis wieder ein Regenwald entsteht.

Es brennt, wo es sonst nicht brennt

Savanne, Regenwald oder auch borealer Nadelwald zeigen: Solange sich der Mensch nicht zu sehr einmischt, kann die Natur mit Feuer ganz gut umgehen. Erst durch menschlichen Einfluss gerät dieses Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht, denn ohne den Menschen gäbe es bedeutend weniger Zündquellen und damit auch weniger Feuer. «Weltweit sind etwa 90 Prozent aller Brände von Menschen verursacht», sagt Alexander Held. Der zunehmende menschliche Einfluss auf Ökosysteme sowie der Klimawandel verursachten eine Verschiebung sogenannter Feuerregime: «Es brennt vermehrt in Gebieten, die bisher kaum mit Feuern in Berührung gekommen sind.»

Erstellt: 19.09.2019, 10:52 Uhr

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