«Im Klima der Schweiz verrosten Meteoriten relativ schnell»

Der Planetologe Ingo Leya über die wissenschaftliche Bedeutung von Meteoriten und die Chance, einen zu finden.

Meteor über der Schweiz: Videos und Bilder von Sternwarten und Amateurfilmern.
Bearbeitung: Lea Koch

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Haben Sie bei Ihrer Forschung schon Meteoriten gefunden?
Klar. Wir gehen einmal im Jahr zusammen mit den Naturhistorischen Museen in Bern und Genf auf eine Meteoriten­such­expedition in den Oman. Dort gibt es eine rund 1000 Kilometer lange, flache Wüste mit einem relativ hellen, nicht sandigen Untergrund. Da sind schwarze Meteoriten gut zu erkennen.

In der Schweiz ist das schwieriger.
Allerdings. Ein schwarzer Meteorit fällt weniger auf. Es gibt auch viel Waldfläche, wo solche Objekte kaum zu entdecken sind. Hinzu kommt, dass Meteoriten oft Eisen enthalten. Im feuchten Klima der Schweiz verrosten Meteoriten daher relativ schnell: Nach rund 3000 Jahren sind sie verschwunden. In einem Wüstenklima hält ein Meteorit viel länger. Man weiss von Exemplaren aus der Atacamawüste in Südamerika, die bis zu 1 Million Jahre dort lagen. Daher gibt es in Wüsten viel mehr Meteoriten.

Wie stehen die Chancen, einen mit der Leuchterscheinung vom Sonntag assoziierten Meteoriten zu finden?
Ich bin mir nicht sicher, ob überhaupt ein Meteorit über der Schweiz runtergegangen ist. Es ist schwierig, aus den Leuchterscheinungen den möglichen Auftreffpunkt am Boden zu bestimmen. Die Leuchterscheinungen spielen sich nämlich in 80 bis 100 Kilometer Höhe ab. Solange sie leuchten, kann man die Bahn zwar relativ gut berechnen. Interessant wird es, wenn sie nicht mehr leuchten. Dann fallen die Objekte zu Boden. Doch auf welcher Bahnkurve sie das tun, hängt von der Form des Meteoriten ab: Eine Kugel fällt anders als eine Diskusscheibe. Und wenn der Meteorit zerbricht, ändert sich die Flugbahn ebenfalls. Bei kleineren Objekten spielt sogar der Wind eine Rolle. Auch wenn man die Leuchterscheinung über der Schweiz gesehen hat, könnte der Meteorit mitten in Österreich gelandet sein.

Wie genau lässt sich der mögliche Ort des Niedergangs bestimmen?
Wenn es genug Beobachtungen gibt, kann man den Ort oft auf 10 bis ­20 Kilo­meter genau eingrenzen. Das ist aber immer noch ein relativ grosser Bereich, um einen vielleicht faustgrossen Brocken zu finden.

Was sollte man beachten, sollte man den Meteoriten entdecken?
Der Entdecker sollte sich an jemanden wenden, der identifizieren kann, ob es sich tatsächlich um einen Meteoriten handelt. Es gibt viele komische Steine, die aussehen wie Meteoriten, aber keine sind. Experten können auch erkennen, ob der Meteorit frisch ist, es sich also um den vom Sonntag handeln könnte, oder ob er schon älter ist. Wichtig ist auch der exakte Ort, an dem der Brocken gefunden wurde. Denn diese Information braucht es, um die Flugbahn künftiger Meteoriten genauer berechnen zu können. Und auf keinen Fall sollte ein Meteorit in irgendeiner Schublade verschwinden, denn er könnte für die Wissenschaft von grosser Bedeutung sein.

Weshalb?
Meteoriten kommen aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Das ist ein Material aus den Anfängen des Sonnensystems. Meteoriten helfen uns daher, die Entstehung des Sonnensystems zu verstehen.

Beim Eintritt in die Atmosphäre werden die Brocken erhitzt. Zerstört das nicht deren Ursprünglichkeit?
Nein. Die Wärmeleitung im Stein ist sehr schlecht. Die Oberfläche wird zwar abgeschmolzen, und ein Meteorit verliert im Mittel rund 85 Prozent seiner Masse. Aber im Innern verändert er sich nicht.

Gibt es interessante und weniger interessante Meteoriten?
Natürlich. Der Meteorit, der 2013 über Tscheljabinsk niederging, war zwar interessant, weil es ein so grosses Ereignis war. Wissenschaftlich ist er aber relativ uninteressant. Denn von diesem Typ gibt es Tausende in unseren Sammlungen. Mehr als 80 Prozent aller Meteoriten, die herunterfallen, gehören zu dieser Klasse von Meteoriten.

Und die anderen Meteoriten?
Die kommen quasi aus der Tiefkühltruhe des Sonnensystems und sind nahezu unverändert. Sie helfen uns, die ersten paar 100 000 Jahre des Sonnensystems zu verstehen.

Ist das nicht längst klar? Staub hat sich zusammengeballt. Im Zentrum entstand die Sonne und aus einer Staubscheibe die Planeten.
So haben wir das in der Schule gelernt. Doch das funktioniert nicht. Man kann zwar Staub mit elektrostatischen Kräften binden. Das sieht man unter jedem Bett und in jeder Zimmerecke. Und sehr grosse Objekte werden durch die Gravitation zusammengehalten. Aber wenn Sie zwei Steine nehmen und aufeinanderlegen, dann halten die nicht zusammen. Wir wissen bis heute nicht, wie sich millimeter- bis zentimetergrosse Objekte bei der Bildung des Sonnensystems zusammengeballt haben.

Ist das Gegenstand der Forschung?
Ja. Mit modernen Ionensonden, von denen eine an der Universität Lausanne steht, können wir die Isotopenzu­sammensetzung der Meteoriten genau messen, sogar in winzigen Material­proben. So können wir sagen: Dieser Prozess muss 1000 Jahre früher stattgefunden haben als jener. Diese Messungen liefern uns also Zeitsequenzen für die Entstehung des Sonnensystems. Und es besteht die Hoffnung, irgendwann rauszukriegen, wie das genau abge­laufen ist.

Meteoriten haben auch Wasser und andere Elemente zur Erde gebracht.
Das stimmt. Wir wissen aber nicht, welche Meteoriten das waren. Daher versucht man, möglichst viele Elemente in Meteoriten zu untersuchen und mit denen der Erde zu vergleichen. Wir messen zum Beispiel die Selen-Isotope in Meteoriten. Wenn das mit den Selen-­Isotopen der Erde übereinstimmt, gehen wir davon aus, dass dieser Meteoritentyp das Selen zur Erde geliefert haben kann. Das funktioniert für manche, aber nicht für alle Isotope. Bei jedem Modell zur Entstehung des Sonnensystems stimmt bis heute irgendetwas nicht. Wir brauchen also noch viele Meteoriten, um weitere Details klären zu können.

Dann hoffen Sie, dass noch mehr Meteoriten auf die Erde regnen?
Klar. Die fallen ohnehin ständig runter. Und es gibt noch vieles zu erforschen.

Erstellt: 16.03.2015, 20:09 Uhr

Ingo Leya

Der Meteoriten­forscher Ingo Leya ist Professor am Institut für Weltraumforschung und Planetologie der Universität Bern.

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