In Arosa tanzt der Bär

Nichts gegen das neue Bärenland, das Tierschutz und Tourismus vereint. Bei aller Begeisterung sollten wir aber die wilden Bären nicht vergessen.

Der gerettete Zirkusbär sorgt schon vor dem Fest für Trubel. Bild: Keystone

Der gerettete Zirkusbär sorgt schon vor dem Fest für Trubel. Bild: Keystone

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Kaum ein anderes Tier in der Schweiz steht derzeit so im Rampenlicht wie der 12-jährige Ex-Zirkusbär Napa. Er ist der erste Bewohner des Arosa-Bärenlandes und bereits jetzt schon ein Publikumsmagnet. Ausgerüstet mit Fotoapparaten und Smartphones, stehen viele Touristen und Tierschützer auf der Besucherplattform, um die ersten Schritte des Balkan-Neuankömmlings im Aussengehege zu beobachten. Und dies, obwohl Bundesrätin Doris Leuthard den neuen Bärenpark auf 2000 Meter über Meer offiziell erst am Freitag einweiht.

Alle kommen, alle nehmen Anteil an Napas Schicksal, scheint es. Entweder direkt vor Ort oder über die Medien. Denn der Import-Bär aus Serbien hat eine schreckliche Vergangenheit. Jahrelang vegetierte er in einem winzigen, verrosteten und vermüllten Metallkäfig im Hinterhof des Zirkus Corona vor sich hin. Ohne Schutz vor Regen und Sonne, auf rund acht Quadratmetern. Im Oktober 2016 wurde er dann von den serbischen Behörden unter Mithilfe der international ­tätigen Tierschutzorganisation Vier Pfoten konfisziert. Vorübergehend konnte er im Zoo Palic im Norden Serbiens, an der Grenze zu Ungarn, untergebracht werden, wo es ihm bereits viel besser gegangen sein soll.

Nun ist Napa von einem Tag zum anderen der berühmte Arosa-Bär. Er hat die weite Reise quer durch Europa geschafft. 1400 Kilometer in einem Transportkäfig hinter sich – 24 Stunden zuerst auf der Strasse, danach in der Gondel bis hoch zur Mittelstation der Luftseilbahn Arosa–Weisshorn.

Video: Der Cappuccino-Bär wird aus seinem engen Käfig befreit.

Video: Vier Pfoten

Sein neues Zuhause ist im Vergleich zu früher ein luxuriöses 5-Stern-Hotel mit Bergpanaroma. Mit einer Kamera wird er alle paar Minuten überwacht. Was macht er gerade? Nimmt er vielleicht ein kühlendes Bad? Buddelt er sich ein Loch in der Erde? Kratzt er an einem Baumstamm? Und was wird wohl der Wildtierzahnarzt demnächst zu seinen sehr schlechten Zähnen sagen? Sie sollen mit einem mobilen Röntgengerät genau untersucht ­werden. Die Betreuung könnte nicht besser sein.

Die Tierschützer tun alles, damit es Napa endlich gut geht. Einige haben Tränen in den Augen, wenn sie seine tragische Geschichte hören. Zu Recht. Denn das Leid war gross und die schlechte Haltung eine Katastrophe. Keine Frage, dass so etwas nicht mehr geduldet werden darf. In Serbien wurde 2009 ein Wildtierverbot in Zirkussen eingeführt. Doch Napa harrte offenbar jahrelang weiterhin hinter der Manege aus, kannte nur Beton als Untergrund. Keine Wiese, kein Waldboden, schlichtweg nichts Natürliches.

Wilde Bären noch stärker schützen

Seine Rettung weckt Emotionen, lässt sich gut vermarkten und soll lang­fristig mehr Leute in die Berge ­bringen. Doch sollten wir dabei nicht vergessen, dass auch ausserhalb des für ein paar Millionen Franken Spendengelder finanzierten Aroser Bärenlands noch einiges im Argen liegt. So müssen die zu uns aus Italien über die grüne Grenze einwandernden, wilden Bären ebenfalls noch stärker geschützt werden. Unter anderem mit viel mehr bärensicheren Abfallcontainern, um Konflikte in der Nähe von Siedlungen zu vermeiden.

Zudem dürfen wir vor lauter Mitleid mit Napa nicht die weniger PR-tauglichen und überhaupt nicht knuffig aussehenden Tiere aus dem Blick verlieren. Zum Beispiel geht es der weltweit grössten Amphibienart, dem Chinesischen Riesensalamander, ebenfalls schlecht. Seine Existenz ist sogar bedroht. Das knapp zwei Meter lange, dunkelbraune und gefleckte Wesen ruft aufgrund seines eher unvorteilhaften Aussehens aber keinen massentauglichen Jö-Effekt und wahrscheinlich keine Rettungs­aktionen hervor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2018, 22:14 Uhr

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