Indiens Tigerwunder existiert wohl nur auf dem Papier

Die indische Regierung hat 30 Prozent mehr Tiger gezählt als vier Jahre zuvor und feiert dies als Erfolg. Laut Wissenschaftlern können die Zahlen kaum stimmen.

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Auf den ersten Blick erscheinen die Zahlen beeindruckend: In nur vier Jahren habe sich die Zahl der Tiger in Indien um 30 Prozent erhöht – die indische Regierung gab für den aktuellen Tigerzensus eine Zahl von 2226 Grosskatzen an. Unabhängige Wissenschaftler stellen die Angaben hingegen in Frage. Solche Zahlen zu veröffentlichen, schade der Erhaltung der Art auf lange Sicht, sagen sie.

«Dieser ganze Zirkus ist überflüssig», sagt Fachmann K. Ullas Karanth von der Gesellschaft zum Schutz der Tiger. «All das Brimborium darum, dass wir einen tollen Erfolg erzielt haben, ist lächerlich und unwissenschaftlich.» Die ersten Zahlen sickerten im Januar durch, jetzt liegt die gesamte Regierungsstudie vor.

Premier spricht von «guten Nachrichten»

Obwohl die offiziellen Zahlen so scharf in Zweifel gezogen werden, hat die indische Regierung noch einmal nachgelegt. Premierminister Narenda Modi sagte kürzlich, dass die Tigerpopulation in Indien «ungefähr um 40 Prozent gewachsen» sei. Das seien «gute Nachrichten». Wenn sie denn nur stimmten.

Die Tigerzählung weicht nämlich in einem entscheidenden Punkt von früheren Zählungen ab: Während früher nur die Tiger in Reservaten und Zoos gezählt wurden, werden jetzt auch die wild lebenden Grosskatzen berücksichtigt. «Ich würde eher sagen: Wir wissen jetzt von 30 Prozent mehr Tigern als: Es gibt 30 Prozent mehr Tiger», sagt Anurag Danda vom WWF. 30 Prozent mehr Tiere in vier Jahren sei rein biologisch kaum möglich. Die Katzen haben zwar eine hohe Geburtenrate, aber viele Jungtiere überleben nicht.

Zahlreiche Tigertötungen registriert

Weder Rückgang an Lebensraum noch die Wilderei haben abgenommen – mindestens 110 Tigertötungen sind in den Jahren 2011–2014 aktenkundig geworden, kaum weniger als die 118, die in den Jahren 2007–2010 registriert wurden. Weltweit glauben die Tigerexperten an eine maximal mögliche Erholung des Bestandes von 50 Prozent in zehn Jahren, was heruntergebrochen eine deutlich langsamere Vermehrung von Tigern bedeutet, als jetzt von der indischen Regierung behauptet.

Solche statistischen Auffälligkeiten sind nicht neu. Für die Jahre 2006–2010 hat Indien schon einmal angegeben, dass sich die Tigerpopulation um 17 Prozent erholt habe – obwohl der Lebensraum der Tiere in diesem Zeitraum um 40 Prozent kleiner geworden ist. Aber auch der WWF-Experte Danda gibt zu, dass die Zahl der Tiger zunimmt: «Wie sonst könnte es sein, dass es immer mehr Tiger ausserhalb der Reservate gibt?»

Mit Tigern leben gelernt

Kein anderes Land der Welt kümmert sich so intensiv um die Erhaltung der Art wie Indien. Mehr als zwei Drittel aller Tiger auf der Erde leben in Indien, obwohl der Subkontinent nur 25 Prozent der Fläche aller weltweiten Tigerreservate vorhält. Das liegt auch daran, dass die ländliche Bevölkerung in Indien über die Jahrhunderte gelernt hat, mit den nicht ganz ungefährlichen Raubtieren zu leben. Experten ziehen daraus den Schluss: Wenn Indien mit seinen rund eineinviertel Milliarden Einwohnern es hinbekommt, in Symbiose mit frei lebenden Tigern auszukommen, dann sollte das eigentlich jedes Land schaffen, in dem die Raubkatzen heimisch sind.

Tigerschützer haben dennoch ein Problem mit der jüngsten Zählung. Alan Rabinowitz von der New Yorker Umweltgruppe Panthera sagt: «Das schlimmste daran ist, dass die Entwickler und Wirtschaftsverantwortlichen jetzt sagen: «Wir haben alles richtig gemacht, jetzt können wir wieder ein bisschen auf die Bremse treten.» Indiens Wirtschaft wächst und entwickelt sich: Strassenbau, Erschliessung von Urwäldern und Bergbau sind auf dem Vormarsch. Das Budget des Umweltministeriums für 2015 und 2016 ist fast um ein Viertel kleiner als in früheren Jahren, und das staatliche Geld, das für den Tigerschutz ausgegeben wird, ist im laufenden Haushalt um 15 Prozent gekürzt.

Umstrittene Methode

Die jüngst herausgegebene Studie verheimlicht keineswegs, dass die Zahl von 2226 Tigern eine Schätzung ist. Sie ist hochgerechnet aus Beobachtungen, Sichtungen, fotografischer Dokumentation und der Registrierung von Tatzenabdrücken. Die Methode, die Tigerpopulation auf diese Weise zu messen, wird in Indien seit 2006 praktiziert und sie ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Gerade erst im Februar deckte eine Studie aus Oxford auf, dass die Methode zu falschen Ergebnissen führe. Ausserdem ist die Zählung der Tiger nicht von einer unabhängigen wissenschaftlichen Kontrolle begleitet.

Dagegen sagt der höchste indische Beamte für den Tigerschutz, Rajesh Gopal: «Die Kritik an der Tigerzählung ist Quatsch. 70 Prozent der 2226 geschätzten Tiger, also 1500 Tiere, sind per Foto nachgewiesen. Der Rest ist eine Hochrechnung, die den internationalen Regeln folgt. Die Gegner der Zählung sind nicht gerade fair.» Dass das konstatierte Wachstum der Population um 30 Prozent eine Übertreibung sei, gibt Gopal allerdings zu.

Auf dem Land wird die unbestreitbare Zunahme der Tigerpopulation mit gemischten Gefühlen gesehen. Manche Dörfler in den Tigergebieten tragen Gesichtsmasken mit stechendem Blick auf dem Hinterkopf – Tiger greifen immer von hinten an. Das klappt bisher ganz gut, sagt Nepal Sardar, der im Tigerreservat des östlichen Sunderban lebt. Anita Mondol dagegen hat ziemlich viel Angst vor den gelbschwarzen Räubern: Sie befürchtet, dass irgendwann ein Tiger durch das gewebte Dach ihrer Hütte durchbricht und Beute macht. Das sei schon früher passiert. Aber sie weiss auch: «Wenn es die Tiger nicht gäbe, gäbe es auch keinen Wald». Und von dem Wald lebt sie.

Erstellt: 18.04.2015, 14:45 Uhr

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