Hintergrund

Invasion der Quälgeister

Asiatische Buschmücke und Tigermücke verbreiten sich in der Schweiz immer weiter. Sie sind aggressiver als die heimischen Arten – und sie können Krankheiten verbreiten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als wäre es das Normalste auf der Welt, krempelt der Moskitoforscher Christian Kaufmann den Ärmel des Laborkittels hoch und hält seinen Arm in den Behälter, in dem sich Hunderte von Asiatischen Buschmücken tummeln. Im Nu wittern ein paar blutrünstige Weibchen die proteinreiche Nahrung, die sie für die Reifung ihrer Eier dringend benötigen. Zielstrebig landen sie auf der Haut des Wissenschaftlers und setzen dort ihre dünnen, langen Stechrüssel an.

«Sie haben schon lang nichts mehr zu saugen bekommen», sagt Kaufmann. Der Insektenforscher von der Vetsuisse- Fakultät der Universität Zürich, der die Mücken im Labor züchtet, kann seinen Arm gerade noch rechtzeitig wieder herausziehen. «Mit verschiedenen Versuchen wollen wir unter anderem herausfinden, warum sich ausgerechnet die Asiatische Buschmücke bei uns so stark ausbreitet», sagt der Mückenspezialist Alexander Mathis, der die Forschungsgruppe leitet. Denn in Japan, wo diese Mückenart eigentlich heimisch ist, vermehrt sie sich nicht so erfolgreich wie hierzulande.

34 Mückenarten in der Schweiz

Um überhaupt erst einmal feststellen zu können, welche Moskitoarten in der Schweiz neu hinzugekommen sind, suchen die Forscher auch im Freien in Pfützen und Gewässern oder in künstlichen Wasserbehältern nach Eiern und Larven. Zudem setzen sie für die adulten Tiere beispielsweise Fallen mit Trockeneis ein: Wenn das Kohlendioxid verdampft, lockt das Gas Stechmücken an, weil Menschen und Säugetiere es beim Ausatmen erzeugen.

In der Schweiz gibt es gemäss den Zählungen 34 verschiedene Mückenarten, die hier heimisch sind. Seit ein paar Jahren sind jedoch zwei exotische Arten definitiv hinzugekommen – im Tessin die Tigermücke und in der Nordschweiz die Asiatische Buschmücke. Beide Invasoren können gefährliche Erreger wie etwa das West-Nil-Virus übertragen. Menschen, die sich damit anstecken, können im Extremfall an einer Hirnhautentzündung erkranken. Symptome sind etwa Fieber und allgemeines Unwohlsein, ähnlich wie bei einer Grippe.

Streifen am Kopf und an den Beinen

«Bei den meisten Infizierten verläuft es jedoch glimpflich, und sie haben keine Krankheitserscheinungen», sagt Mathis. Dennoch bestehe das potenzielle Risiko einer Infektion mit dem Erreger nicht nur in den USA, in Italien oder Griechenland, sondern im Prinzip auch in der Schweiz. Mit Virenmaterial, das vom Labor Spiez bezogen werden konnte, wird die Möglichkeit einer solchen Übertragung derzeit im Sicherheitslabor der Universität im Detail untersucht.

Die schwarzbraune Asiatische Buschmücke ist noch grösser als die Tigermücke, besitzt aber wie Erstere auffällige Streifen am Körper und an den Beinen. Auf dem Brustrücken hat sie drei gelbliche Längsstreifen, während die Tigermücke nur einen weissen auf schwarzem Hintergrund hat. In Amerika wurde die Buschmücke 1998 eingeschleppt und hat sich seither dort in 31 Staaten ausgebreitet. In der Schweiz tauchte sie 2008 in Lenzburg erstmals auf. Inzwischen ist sie nicht nur im Kanton Aargau, sondern auch im Kanton Zürich und weiteren 13 Kantonen vertreten.

Mücken leben unweit ihrer Schlupfgebiete

In der Stadt Zürich kommt sie inzwischen häufiger vor als die Gemeine Hausmücke. Bei Stichproben vor zwei Jahren wurden ihre Larven in 38 Prozent aller möglichen Brutgefässe entdeckt. Auf dem Friedhof in Schwamendingen finden die Weibchen zum Beispiel besonders optimale Bedingungen, um nach einer erfolgreichen Blutmahlzeit irgendwo bis zu 100 Eier abzulegen. Denn in vielen Vasen, Giesskannen oder Becken befinden sich noch Wasserrückstände, sodass die Larven der Asiatischen Buschmücke dort sogar bis zu 69 Prozent anzutreffen sind.

Doch damit nicht genug: Im Wald sind sogar 90 Prozent aller Baumhöhlen, die im Rahmen der Studie untersucht worden sind, von ihren Larven besiedelt. Die adulten Mücken leben danach unweit ihrer Schlupfgebiete. Ganz anders sei die Situation auf dem Friedhof Sihlfeld, weil man dort alle Gefässe leere, sagt die Biologin Stefanie Wagner, die potenzielle Brutgebiete in der Stadt Zürich genauer unter die Lupe genommen hat. Diese Massnahme sei äusserst effizient und nachhaltig.

Beim Transport von Altreifen importiert

Doch nicht nur auf dem Friedhof in Schwamendingen schwirren die kleinen Biester in Scharen umher, sondern auch am Irchel. Bei einem Freilandversuch mit drei Studierenden an einem sonnigen Nachmittag im Jahr 2011 sassen auf den mutigen Probanden innerhalb von zehn Minuten insgesamt 55 Asiatische Buschmücken, auch Aedes japonicus genannt, und lediglich 2 Vertreter der heimischen Art Aedes geniculatus. «Gestochen haben sie nicht», sagt Stefanie Wagner, da sie zusammen mit Kollegen die Plagegeister für die Untersuchung im Labor sofort mit einem Schlauch abgesaugt und eingefangen habe.

Die lästigen Blutsauger aus Asien, die sich selbst am helllichten Tag ihre Opfer suchen – und deren Stiche schmerzhafter sind als die der heimischen Hausmücke und grosse rote Flecken und allergische Reaktionen verursachen können –, scheinen die hier herrschenden Temperaturen im Winter nicht zu stören. Im Gegensatz zur Tigermücke können ihre Eier sogar ohne weiteres mehrere Wochen lang Minusgrade überstehen. Hinzu kommt, dass die kleinen Vampire im Freien und in Innenräumen unterwegs sind. So gibt es auch immer wieder Meldungen von Mücken, die die Leute zu Hause belästigen.

Wahrscheinlich seien die Eier der exotischen Mückenart vor ein paar Jahren beim Transport von Altreifen in die Schweiz gekommen, vermutet Mathis. Mindestens in Belgien sei dies so gewesen: Dort kämen die fremden Insekten nur lokal in zwei Dörfern in der Nähe von Pneubetrieben vor, wo sie jetzt systematisch bekämpft werden. Erstaunlich sei, dass die invasive Mückenart sich dort im Gegensatz zur Schweiz nicht weiter ausbreite. Warum dies so sei, wisse man bisher noch nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2013, 08:11 Uhr

(Bild: TA-Grafik ib / Quelle: ECDC)

Daniel Fischer ist Leiter der Sektion Biosicherheit im Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich und Mitglied der interkantonalen Arbeitsgruppe zu gebietsfremden Tieren und Pflanzen.

«Wir nehmen sie zu spät wahr»

Experte Daniel Fischer sagt, bei der Bekämpfung invasiver Insekten komme es aucf die kleinsten Details an

Warum siedeln sich in der Schweiz immer mehr exotische Insekten an?

Das Problem verschärft sich zunehmend: Durch den weltweiten Austausch von Waren, darunter vor allem Verpackungs- oder Pflanzenmaterial, gelangen die Tiere in fremde Gegenden.

Auffallend ist, dass sich viele asiatische Insekten bei uns breitmachen.

Es gibt auch viele südamerikanische oder gar afrikanische Tiere, zum Beispiel bei den Ameisen. Die Herkunft spielt bezüglich der Kontinente keine Rolle. Aber natürlich haben nur solche Insekten bei uns eine Chance, die aus ähnlichen Klimazonen kommen und die den harten Winter überstehen.

Kann das Eindringen der Insekten überhaupt verhindert werden?

Das Problem ist, dass wir zuerst gar nicht wahrnehmen, wenn ein gebietsfremdes Insekt eindringt. 99 Prozent der Eindringlinge sterben wieder ab, aber einige können sich ausbreiten. Erst dann entdeckt man die Tiere – meist per Zufall.

Wie sehen die konkreten Schutz- und Kontrollmassnahmen der Behörden aus?

Bei den Insekten unterscheidet man zwischen Quarantäneorganismen und Nichtquarantäneorganismen. Erstere sind gefährliche Schädlinge der Wald- und Landwirtschaft. Diese werden weltweit streng kontrolliert und überwacht, das funktioniert ziemlich gut. Dann gibt es eine Vielzahl anderer Insekten wie Mücken, Zünsler oder Käfer. Diese verursachen zwar keine Schäden an den Nutzpflanzen, bedrohen jedoch die biologische Vielfalt und weitere Schutzgüter. Dort ist die Überwachung nicht so gut.

Was kann man tun, wenn die Insekten einmal im Land sind?

Die weitere Verbreitung, Sekundärverbreitung genannt, hängt entscheidend von der Biologie der Insekten ab. Diese unterscheidet sich von Art zu Art. Häufig spielen kleinste Details eine grosse Rolle. Die Asiatische Buschmücke oder der Buchsbaumzünsler etwa verbreiten sich ohne Zutun des Menschen. Sie fliegen bis zu 40 Kilometer pro Jahr. Dagegen können wir fast nichts ausrichten. Hier gilt es, die Populationsentwicklung zu verfolgen oder allenfalls wertvolle Güter gezielt zu schützen. Bei anderen Arten wie Ameisen oder dem Asiatischen Laubholzbockkäfer, die pro Jahr nur wenig wandern, kann ein rasches und konsequentes Eingreifen zur erfolgreichen Tilgung eines Bestandes führen. (mma)

Artikel zum Thema

Wie man Schädlinge sanft bekämpft

Wenn im Frühling die Obstbäume blühen, kommen auch die Schädlinge langsam auf Touren. Um sie wieder loszuwerden, geben Forscher in Wädenswil Empfehlungen zur umweltschonenden Bekämpfung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Kleiner Punk: Ein junger Buntspecht sitzt in Rafz auf einem Baumstamm. (18.Juni 2018)
(Bild: Leserbild: Peter Koch) Mehr...