Island erklärt seinen ersten Gletscher für tot

Der 700 Jahre alte Gletscher Okjökull ist ein Opfer des Klimawandels. Nur noch eine Gedenktafel erinnert an das geschmolzene Eis.

Diese Satellitenaufnahmen der Nasa zeigen den Okjökull 1986 und 2019. Der Status als Gletscher wurde dem isländischen Berg inzwischen aberkannt. (Foto: AFP)

Diese Satellitenaufnahmen der Nasa zeigen den Okjökull 1986 und 2019. Der Status als Gletscher wurde dem isländischen Berg inzwischen aberkannt. (Foto: AFP)

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Eine Schönheit ist er nicht, der Ok-Berg. Keine dramatischen Steilhänge wie seine Brüder auf der anderen Seite des Tales, keine majestätischen Gipfel, und anders als bei ihnen auch kein in der Sonne glitzernder weisser Mantel mehr. Verschwunden sind die anderswo Wasser spendenden Gletscherzungen, in denen mitunter eisig blaue Adern schimmern. Stattdessen liegt da eine Geröllhalde, sanft ansteigend. Der Schutt unzähliger Vulkanausbrüche, klein gerieben durch mehrere Eiszeiten, über den ein Trauerzug nun mühsam hoch stapft, nein: eigentlich ist es mehr ein Hüpfen, von Stein zu Stein, ein wenig so, als überquere man ein Flussbett, drei Stunden lang, bergauf.

Eine endlose Steinwüste. Es kommt einem der Gedanke, dass man sich so die Zukunft des Planeten nicht vorstellen möchte, und dann wieder der Satz von Oddur Sigurdsson, dem einzigen Isländer wohl, der dem Berg in den letzten Jahren etwas Beachtung schenkte: «Sentimentalität kommt nicht infrage!» Der Geologe Oddur Sigurdsson ist einer der Ältesten im Zug, aber er marschiert ganz vorn.

Ein Aktivist hat eine Botschaft an die Staatschefs, die sich am Dienstag in der isländischen Hauptstadt zum Klimagipfel treffen. Er steht auf der einstigen Eisfläche. Foto: EPA

Der Ok ist der Berg, ein ehemaliger Vulkan, und weil Jökull das isländische Wort für Gletscher ist, ist der Okjökull der Gletscher vom Ok-Berg. Oder vielmehr: Er war es. Zu seinen Lebzeiten teilte der Gletscher das Schicksal seines Berges, die Menschen konnten ihn sehen von unten, aber sie nahmen ihn kaum war. Doch, in den Landkarten Islands war er verzeichnet, und die Schulkinder lernten seinen Namen: Ok, das ist das isländische Wort für Joch.

Der Okjökull war nie ein Riese wie der Vatnajökull, dessen Eiskappe an manchen Stellen tausend Meter dick ist und der sich über mehr als 8000 Quadratkilometer erstreckt, auch hat er die Menschen nie so fasziniert wie der schneebedeckte Snaefellsjökull im Westen der Insel, jener Gletscher, dessen Leuchten an manchen Sonnentagen bis in die Hauptstadt Reykjavik zu sehen ist. Bemerkenswert, dass er es ausgerechnet jetzt zu Ruhm bringt, der Okjökull, wo es ihn nicht mehr gibt. Weil er nicht mehr lebt. Da oben, im alten Vulkankrater, liegt nur mehr totes Eis. So nennen das die Geologen, wenn ein Gletscher nach Jahren der Schmelze so viel an Masse verloren hat, dass er sich nicht mehr bewegen kann.

Ein bunter Trauerzug

So bunt war selten ein Trauerzug wie der, der am Sonntag die Hänge des Ok hochstakste: Alles Neon der Outdoor-Industrie versammelte sich an diesem Tag zu Ehren des Okjökull und machte Gletscherforscher, Künstler, Politiker, Aktivisten, Schüler und Journalisten zu leuchtend grünen, orangen, pink Tupfern am Berg. Der zitronengelbe Punkt, das war Oddur Sigurdsson, der Geologe. Unweit von ihm, in leuchtendem Rot, Andri Snaer Magnason, der Schriftsteller. Der Geologe und der Schriftsteller, zwei besonders enge Freunde des Okjökull: Der eine hatte dem Gletscher den Totenschein ausgestellt, der andere ihm die Grabinschrift verfasst, fünf Zeilen auf einer kupfernen Gedenktafel, die heute unterhalb des Gipfels angebracht werden sollte. Oben, kurz unterhalb des Gipfels, zog nach einer Schweigeminute der Geologe und Gletscherforscher Oddur Sigurdsson tatsächlich einen Totenschein aus der Tasche, den er dem Ok-Gletscher ausgestellt hatte. «Tod durch Menschenhand», las er vor. Keiner kennt die Gletscher Islands so wie Sigurdsson. Dreissig Jahre lang hat er sie jedes Jahr besucht, einmal im Frühjahr, einmal im Herbst, hat sie aus dem Flugzeug heraus fotografiert, hat sie als Erster alle identifiziert und kartografiert.

Den Glaziologen, also den Gletscherforschern, gilt ein Gletscher als lebend, wenn er sich bewegt, nach vorne schiebt, um aber von seiner eigenen Masse in Bewegung gehalten zu werden, muss er dick genug sein. Dazu braucht es eine Eisdecke von mindestens vierzig bis fünfzig Meter. Im Jahr 2000, sagt Sigurdsson, habe er erstmals den Ok-Gletscher vermessen. Der mass damals schon nur mehr knapp vier Quadratkilometer, nur ein Viertel seiner ursprünglichen Grösse. «Ich sah, wie der Ok-Gletscher viel schneller schrumpfte, als ich mir das hätte vorstellen können», sagt Sigurdsson. 2014 kletterte er mit einem isländischen Fernsehteam hoch, um ihn noch einmal in Augenschein zu nehmen – und erklärte ihn zu totem Eis.

Der Mensch hat all das CO2, das die Natur in Millionen von Jahren in der Erde gespeichert hat, innerhalb von 200 Jahren in die Atmosphäre entlassen. Das ist zu viel, zu schnell.

Der Okjökull ist nicht der erste Gletscher Islands, der in den letzten Jahren verschwand. Aber die anderen waren meist namenlos, und er ist der bislang grösste. «Er ist ein Symbol für das, was passiert», sagt Sigurdsson. «Für das, was auf uns zukommt.» Man darf annehmen, dass Oddur Sigurdsson Gefühle hat, aber mit Kategorien wie Trauer brauch man ihm als Wissenschaftler nicht zu kommen. «Sentimentalität kommt überhaupt nicht infrage!», wischt er eine vorsichtige Nachfrage beiseite.

Stattdessen Fakten. 1995, sagt er, sei ein Wendepunkt gewesen. Seither schrumpfen die von ihm beobachteten Gletscher. Noch bedecken die Gletscher Islands ein Zehntel der Fläche des Landes. Würde man ihr Eis über Island verteilen, dann bedeckte eine 30 Meter dicke Eisschicht das Land. Kaum vorstellbar. Noch weniger vorstellbar: In weniger als 200 Jahren, sagt Sigurdsson, werden sie alle verschwunden sein. «Solche Wandel gab es immer in der Natur, aber noch nie in dieser Geschwindigkeit.» Der Mensch hat all das CO2, das die Natur in Millionen von Jahren in der Erde gespeichert hat, innerhalb von 200 Jahren in die Atmosphäre entlassen. Das ist zu viel, zu schnell.

Zumal mit den Gletschern Islands derweil ebenfalls in Rekordgeschwindigkeit die in Alaska schmelzen und die in Spitzbergen und die noch unendlich viel gewaltigeren Eiskappen Grönlands und der Antarktis. Ja, er wolle die Menschen aufrütteln, sagt Sigurdsson. Er höre oft, wir müssten handeln, bevor es zu spät ist, da wolle er eines klarstellen: «In vielerlei Hinsicht ist es bereits zu spät. Es werden Katastrophen auf uns zukommen, die wir nicht mehr verhindern können.» Und weil er weiss um den doch eher entmutigenden Effekt dieser Sätze, fügt er noch einen hinzu: «Wir können sie allerdings abmildern.»

Keine falsche Gletscherromantik

Andri Snaer Magnason, der 46-jährige Dichter und Schriftsteller, ist da von anderem Gemüt. Den Satz, es sei zu spät, wolle er nicht in den Mund nehmen, sagt er. Er hat sein Leben lang für die Umwelt gekämpft. «Wenn ich Krebs hätte und eine Überlebenswahrscheinlichkeit von nur einem Prozent – ich würde kämpfen», sagt er. «Vielleicht betrüge ich mich da selbst, vielleicht aber liegt das auch in der Natur von uns Isländern.» Die waren mehr noch als andere Völker immer den Naturgewalten ausgesetzt, den Vulkanen und den Gletschern. «All unsere Pläne waren sowieso zum Scheitern verurteilt.»

Gletscherromantik wird man in den isländischen Überlieferungen übrigens nirgends finden. Gletscher waren etwas Furchterregendes, Feindseliges. Solange sie wuchsen, schluckten sie Wiesen und Farmen, bedeckten fruchtbare Felder mit Geröll, und wenn sie eine ihrer gefürchteten Sturzfluten ausspien, dann konnten diese Wasserfluten in Masse und Wucht für ein paar Stunden konkurrieren mit den grössten Flüssen der Erde.

 «Wenn ich Krebs hätte und eine Überlebenswahrscheinlichkeit von nur einem Prozent – ich würde kämpfen. Vielleicht liegt das in der Natur von uns Isländern.»Andri Snaer Magnason, Dichter und Schriftsteller

Organisiert haben die Gedenkveranstaltung für den Ok-Gletscher am Sonntag Cymene Howe und Dominic Boyer, zwei Anthropologen der texanischen Rice-Universität. Als sie Andri Snaer Magnason fragten, ob er den Text für die Gedenktafel schreiben könnte, habe er lange nachgedacht, sagt der Autor: Wie um alles in der Welt schreibt man den Nachruf für einen Gletscher, wie verabschiedet man sich von etwas, das der Mensch für ein Symbol der Ewigkeit hielt? Er erzählt, wie er das letzte Mal mit Freunden einen Gletscher bestieg: «Oben angekommen, dachte ich: Dass ich hier stehen kann, ist auch eine Folge der technologischen Entwicklung, der Superkraft, die das Öl uns gegeben hat. Sie hat dafür gesorgt, dass es uns gut geht, dass meine Freunde und ich nicht hungern müssen und hier auf diesem Gletscher stehen können. Die Kraft, die mir ermöglicht, dass ich auf dem Gletscher Spass haben kann, sorgt gleichzeitig dafür, dass ich ihn zerstöre.»

Als er die Inschrift dann schrieb, sagte Magnason, sei er nicht mehr nervös gewesen: «Ich dachte, wir spazieren da zu zehnt hinauf, mehr Leute bekommen das eh nicht zu sehen.» Von wegen. Plötzlich waren der Ok-Gletscher und sein Dahinscheiden weltweit in aller Munde. Zeitungen in China, Korea, Saudiarabien berichteten. Die Organisatoren hatten – zu ihrer eigenen Überraschung – einen Nerv getroffen.

Und jetzt kommt das Klima ganz von allein. Friedlich liegen sie da im Krater, die Überreste des Okjökull, weiss und kreisrund, an manchen Sellen etwas angeschmutzt, zu Fuss in zwanzig Minuten zu umrunden, auch im Tod noch der schönste Fleck des Berges. Nur ein paar Schritte entfernt findet man seit Sonntag eine kupferne Gedenktafel, die auch das poröse Vulkangestein noch überleben wird, in das sie eingelassen ist. «Ein Brief an die Zukunft» hat Andri Snaer Magnason seine Zeilen auf der Tafel überschrieben. «Dieses Monument ist Zeugnis dafür, dass wir wissen, was geschieht und was getan werden muss», steht da. «Ihr allein wisst, ob wir es getan haben.»

Erstellt: 18.08.2019, 20:48 Uhr

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