Jagd-Touristen schiessen ausgerechnet die stärksten Böcke

Für viel Geld kann man in den Walliser Alpen Steinböcke jagen. Das lukrative Geschäft hat für die Tiere ungeahnte Folgen.

Revierkampf: Ohne ein imposantes Gehörn hat ein Steinbock auch bei den Weibchen fast keine Chance.Foto: Stefan Gerth (Keystone)

Revierkampf: Ohne ein imposantes Gehörn hat ein Steinbock auch bei den Weibchen fast keine Chance.Foto: Stefan Gerth (Keystone)

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Wer auf den Dächern Europas den König der Alpen schiessen möchte, kann dies seit knapp 30 Jahren für ein paar Tausend Franken im Wallis tun. Alles ist bei einer solchen Trophäen-Safari perfekt organisiert. Natur pur inklusive Abschussgarantie. Denn der lokale Wildhüter weiss genau, wo die Tiere sich gerade aufhalten, sodass der zahlende Gast nur noch anvisieren, schiessen und natürlich zahlen muss.

Dieses lukrative Geschäft bringt dem Wallis jedes Jahr rund 650'000 Franken ein. Denn vor allem werden Böcke mit einem prächtigen Gehörn geschossen, die mehr als elf Jahre alt sind. Je länger der Kopfschmuck ist, umso mehr kostet es. Der Jagdtourist zahlt vor der Pirsch einen Vorschuss von 6500 Franken und später bar die Differenz je nach gemessener Hornlänge der Trophäe. Eine Praxis, die seit 1991 offiziell üblich ist.

Die Rundschau vom 6. November 2019 berichtete über die Steinbock-Jagd im Wallis. Video: SRF

Aufgrund einer Reportage im Schweizer Fernsehen ist diese Art der Jagd-Safari nun erneut ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Da einige reiche Ausländer offenbar ohne jeglichen Respekt vor dem Tier und auch der Ernsthaftigkeit der Jagd einfach kurz ins Wallis reisen, um die schönsten und stärksten Tiere der Kolonie für ihre Sammlung zu Hause zu erlegen. So wurde bereits eine Petition mit mehreren Tausend Unterschriften lanciert, und auch Staatsrat Jacques Melly äusserte sich, dass die Trophäenjagd nicht mehr dem Zeitgeist entspreche.

120 Tagesjagden pro Jahr

Im Wallis ist der Bestand an Steinwild mit rund 5300 Tieren konstant. «Um die Grösse der Kolonie zu regulieren, können daraus jedes Jahr acht bis neun Prozent geschossen werden», sagt der Walliser Jagdinspektor Peter Scheibler.

Während in Frankreich oder Italien der Alpensteinbock streng gemäss der Berner Konvention geschützt ist, darf er in der Schweiz trotz dieses Status mit einer Bewilligung gejagt werden. In Graubünden wurden allein 2018 insgesamt 460 Tiere und im Wallis 387 abgeschossen. Bei den Steinwildabschüssen im Wallis gibt es neben dem üblichen Losverfahren für dortige Jäger mit Walliser Patent auch jährlich 100 bis 120 Tagesjagden, die im Prinzip jeder Jäger kaufen kann.

«Die Tarife sind jeweils vom Staatsrat festgelegt», sagt Peter Scheibler. 2018 seien 51 Prozent der Tages-Bewilligungen an Jäger aus dem Wallis, 8 Prozent an Jäger aus anderen Kantonen und 41 Prozent an ausländische Jäger gegangen. Begleitet werden sie vom zuständigen Berufswild­hüter. Von den dabei 53 erlegten Böcken seien 8 im Alter von 11 Jahren, 13 im Alter von 12 und 32 Böcke zwischen 13 und 16 gewesen, also praktisch fast am Ende ihrer natürlichen Lebenserwartung.

«Ohne imposantes Gehörn hat ein Steinbock keine Chance, sich mit einem Weibchen zu verpaaren.»Raphaël Arlettaz, Naturschutzbiologe

Nur rund drei bis fünf Prozent aller Tiere in einer Kolonie sind Böcke, die älter als elf Jahre sind und somit im besten Alter für eine erfolgreiche Fortpflanzung. Sie sind diejenigen, die sich gemäss der Rangordnung vor allem reproduzieren und ein Weibchen ergattern. Dank ihres Alters und der langen Hörner sind sie in der Dominanzhierarchie jetzt ganz oben und gehören zu den Stärksten und Mächtigsten.

Doch was bedeutet es aus evolutionsbiologischer Sicht, wenn nicht nur die Weibchen auf diese alten Männchen mit der besonderen Hornpracht aus sind, sondern auch Trophäenjäger sich für diese kapitalen Alt-Böcke interessieren? Wie verändert eine solche selektive Jagd die Sozialstruktur und den Fortbestand der jeweiligen Population?

«Ohne imposantes Gehörn hat ein Steinbock keine Chance, sich mit einem Weibchen zu verpaaren», sagt der Naturschutzbiologe Raphaël Arlettaz von der Uni Bern. Erst im Alter von circa zehn Jahren sei das Männchen sexuell konkurrenzfähig. Das Fehlen von attraktiven, erfahrenen, alten Böcken könne sich somit sehr ne­gativ auf die ganze Population auswirken. «Wenn dadurch vermehrt unerfahrene Junge zum Zuge kommen, könnte dies für das Weibchen mehr Stress bedeuten», gibt Arlettaz zu bedenken. Obendrein sei dadurch auch nicht mehr gewährleistet, dass die Kräftigsten und Robustesten sich fortpflanzen würden. Die meisten von ihnen hätten wie in einem Harem gleich mehrere Weibchen. Wenn jedoch zu viele Alte aus einer Kolonie geschossen würden, funktioniere am Schluss das ganze System nicht mehr.

Inzucht bei Steinböcken

«Im Wallis wurden im Zeitraum von 2005 bis 2017 jährlich im Durchschnitt 41 Prozent der Böcke älter als 10 Jahre durch die Trophäenjagd eliminiert», ergänzt Arlettaz. Das sei ein grosser Anteil der wichtigsten Individuen für die gesamte Population.

Anders als etwa Hirsche oder Gämsen tragen Steinböcke ihre Kämpfe zwischen zwei konkurrenzierenden Männchen hauptsächlich noch vor der Paarungszeit aus. Bei den Auseinander­setzungen stellen sie sich auf die Hinterbeine, halten den Kopf schief, um dann krachend mit ihren langen Hörnern aufeinanderzuprallen. Immer wieder versuchen beide dabei, den Gegner von einem höheren Platz anzugreifen, sich so lang hangabwärts zu treiben, bis sie sich an einer geeigneten Stelle wieder gegenüberstehen und einer von beiden als Sieger hervorgeht.

Noch vor der Brunft ist somit die Dominanzhierarchie geklärt, sodass es zwischen den Männchen im Winter fast keine aggressiven Auseinandersetzungen mehr gibt. Denn untergeordnete Böcke lassen ihren dominanten Mitstreitern den Vorrang und machen ihnen den Zugang zu empfängnisbereiten Geissen meist nicht mehr streitig.

«Sind aufgrund von Trophäenjagden jedoch keine klaren Verhältnisse mehr da, kann es auch noch während der Paarungszeit zu Rivalenkämpfen kommen», erklärt der Evolutionsbiologe Lukas Keller von der Universität Zürich. Dies sei in der kalten Jahreszeit energetisch wesentlich anstrengender für die zwei Konkurrenten und auch gefährlicher, da es dann im steilen Gelände schneller zu Abstürzen kommen könne. Eine Verzö­gerung in der Brunft könne auch dazu führen, dass die Kitze später als üblich geboren werden würden.

Um den Einfluss der Trophäenjagd auf die Steinbockpopulation im Wallis zu untersuchen, braucht es noch mehr wissenschaftliche Daten. «Lieber mehr Fakten als Emotionen», sagt Keller, der zusammen mit seinem Team länderüber­greifend bisher bereits 2000 Steinböcke in den Alpen genetisch analysiert hat. Interessant sei, dass sie dabei auch starke Effekte der Inzucht auf Steinbockpopula­tionen gefunden hätten. Eine Reduktion der Anzahl alter, fortpflanzungsfähiger Böcke könne das Phänomen noch verstärken.

Unklar sei bisher auch, ob die Immigration der alten Böcke aus benachbarten Kolonien aus dem Inland oder Ausland den Bestand im Wallis beeinflusse, sagt Arlettaz. Können die durch die Jagd-Safaris entstandenen Lücken in den jeweiligen Populationen damit genügend kompensiert werden?

Selfie mit Steinbock

Gemäss dem Walliser Jagdinspektor Scheibler entscheidet der Wildhüter, welches Tier gerade geschossen werde. Ein Beweis dafür sei auf einem Youtube-Video einer Jagd-Agentur zu sehen, sagt er. Dort sehe man, dass der Wildhüter die Touristin zuvor davon überzeugt habe, das jüngere, hinkende Tier zu schiessen anstatt den älteren Bock mit dem grössten Gehörn.

So wirbt eine Jagd-Agentur für eine Trophäen-Safari mit einem Wildhüter. Video: Youtube (Ovini Expéditions)

Die Frau scheint damit zufrieden zu sein – zumindest lässt sie sich strahlend mit dem erlegten Tier vor der klassischen Bergkulisse fotografieren.

Erstellt: 19.11.2019, 08:57 Uhr

Importierte Steinböcke

Nachdem es zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Schweiz keine Steinböcke mehr gab, konnten sie 1911 wieder angesiedelt werden. Mit Erfolg: 2018 waren es schweizweit 17'832 Tiere. Im Jahr 1906 wurden die ersten Zuchttiere aus dem Gran Paradiso illegal importiert. Denn der damalige König von Italien lehnte das bundesrätliche Ersuchen um die Lieferung von ein paar Tieren ab, sodass Schmuggler beauftragt wurden. Insgesamt kamen an die 100 Kitze in die Schweiz, einige davon aber auch legal. (bry)

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