Jede Ölkatastrophe wird zur chronischen Belastung

Die Natur erholt sich auch nach Jahrzehnten nicht vollständig, wie das Beispiel Exxon Valdez zeigt.

Der Ölteppich im Golf von Mexiko ist mittlerweile auf 23 000 Quadratkilometer angewachsen.

Der Ölteppich im Golf von Mexiko ist mittlerweile auf 23 000 Quadratkilometer angewachsen. Bild: Reuters

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Die Nordamerikaner sprechen von Lord und Lady und meinen damit die Kragenente mit dem schmucken Harlekinmuster. Sie ist ein unscheinbares Tier, hat aber heute die volle Aufmerksamkeit verdient - in diesen Tagen, in denen Tausende von Helfern versuchen, die ökologisch sensiblen Küsten Louisianas vor dem nahenden Erdölteppich zu schützen. Die Kragenente ist bis heute ein Opfer des Öldesasters 1989 in Alaska. Sie steht für die chronischen Folgen nach Ölkatastrophen.

Kurz nach der Havarie des Öltankers Exxon Valdez vor gut 20 Jahren liess die Konzernleitung des Ölkonzerns Exxon verlauten, bereits in wenigen Jahren würde nichts mehr an die Katastrophe erinnern. Für Daniel Esler vom Zentrum für Wildtierökologie der amerikanischen Simon-Fraser-Universität ist die Kragenente - neben zahlreichen anderen Beispielen - eine weitere Bestätigung, dass Wildtiere viel länger an den Folgen von Ölverschmutzungen leiden können als bisher angenommen.

«Wenn das Öl die Strände von Louisiana erreicht, kann das die Reproduktion der Meeresorganismen über längere Zeit negativ beeinflussen», erklärt Jan Roelof van der Meer von der Universität Lausanne. Auch wenn das Ökosystem im Golf von Mexiko nicht vergleichbar mit jenem Alaskas und das Meerwasser hier zudem wärmer sei.

Ölalarm durch Bakterien

Der Wissenschaftler bezieht sich auf seine Erfahrungen im Katastrophengebiet der Exxon Valdez. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam hat er Proben von natürlich kohlehaltigen Meeressedimenten im betroffenen Gebiet des Prince William Sound auf Polyaromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) untersucht. Das sind zum Teil langlebige und Krebs auslösende Bestandteile von Erdöl oder Kohle.

Mithilfe von genetisch veränderten Bakterien belegten die Wissenschaftler im Labor: Nicht die PAKs der Kohle, sondern nur jene von Ölrückständen der Exxon Valdez können gesundheitliche Schäden bei Organismen verursachen - vorausgesetzt, sie sind wasserlöslich. Die Bakterien, welche die Forscher einsetzen, sind sogenannte Biosensoren: Sie fressen quasi Ölbestandteile und beginnen dabei zu leuchten.

Die ausgesendete Lichtmenge gibt den Grad der Verschmutzung an. «Es gibt im Gebiet der Havarie verschiedene Zonen, wo Erdöl in den Boden versickert ist. Das ist heute zwar unsichtbar, kann das Ökosystem aber nach wie vor schleichend schädigen», sagt der Lausanner Forscher Jan Roelof van der Meer. Experten schätzen, dass etwa 80 000 Liter Öl in Form von Asphalt und Teerklumpen im Boden der Küste Alaskas verborgen sind.

Zweifel an den Resultaten

Die Studie hat Anfang Jahr eine Diskussion entfacht. Wissenschaftler, die einst für Exxon arbeiteten, zweifeln die Resultate vehement an und halten nach wie vor an der These fest: Die Ölbestandteile in den Sedimenten, welche Tiere gesundheitlich schädigen, seien natürlichen Ursprungs.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass es bei manchen Tieren in Alaska chronische Vergiftungen gibt. Zu ihnen gehören auch die Kragenenten. In einer neuen Studie in der Fachzeitschrift «Environmental Toxicology and Chemistry» ist der Unterschied zwischen Vögeln in verseuchten und sauberen Zonen eindeutig: Das Öl der Exxon Valdez hinterlässt in den Lebern der untersuchten Enten heute noch Spuren.

«Entfernen kann man nur das Öl, das bis etwa einen Meter in den Boden dringt. Deshalb ist selbst nach zwanzig Jahren immer noch Öl im Boden nachweisbar», sagt Jan Roelof van der Meer.

Teil des Öls verdampft

Wie stark die Küstengebiete von Louisiana betroffen sein werden, kann derzeit niemand abschätzen. Bis jetzt hat der Ölteppich einige unbewohnte Inseln erreicht. Ein Teil des Erdöls wird verdampfen. «Für Meerestiere giftige Bestandteile werden auf dem offenen Meer und auch an der Küste durch Bakterien abgebaut», sagt Jan Roelof van der Meer. Es braucht allerdings Wochen, bis sich grosse Bakterienstämme angesammelt haben.

Ein anderer Teil des Öls kann sich im Wasser auflösen. Was zurückbleibt, sind kleine Teer- und Asphaltkügelchen, die auf den Meeresboden sinken oder an Land gespült werden. Teer und Asphalt bauen hingegen keine Bakterien ab. Sie verkleben die Tiere - meistens tödlich. Helfen kann nur, wenn die Ölmasse abgespritzt oder weggewaschen wird.

Doch auch wenn alles unternommen wird wie nach der Katastrophe der Exxon Valdez: Alle Spuren lassen sich nicht verwischen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2010, 13:04 Uhr

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