Katastrophe vor blutrotem Abendhimmel

Vor 200 Jahren explodierte östlich von Java der Vulkan Tambora so heftig, dass ein Jahr später in der Schweiz der Sommer ausfiel. Kann man heute für die Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung vom Tambora lernen?

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Der Ausbruch des Tambora von 1815, nach heutigem Wissensstand die wohl grösste Vulkaneruption der letzten 7000 Jahre, ist als wissenschaftliche Inspirationsquelle so frisch, als wäre er erst gestern geschehen. «Das Ereignis berührte das ganze Spektrum der Naturwissenschaft — Geologie, Physik, Chemie. Es hinterliess tiefe Spuren in der Gesellschaft», sagt Stefan Brönnimann, Professor für Klimatologie am Geographischen Institut der Universität Bern. «Der Tambora lehrt uns, unsere Umwelt als zusammenhängendes System zu verstehen.»

Ab kommendem Dienstag findet in Bern die viertägige internationale Konferenz «Vulkane, Klima und Gesellschaft» unter der Leitung Brönnimanns statt. Der Tambora, Teil des berüchtigten vulkanischen Feuerrings im Pazifik, steht selbstverständlich im Zentrum – auch darum, weil er quasi ein extremes Klimaexperiment verursachte, «das uns», so Stefan Brönnimann, «immer wieder hilft, unsere Erkenntnisse zu überprüfen».

Die unvorstellbare Gewalt der Explosion vom 10. April 1815 katapultierte die idyllische indonesische Tropeninsel Sumbawa an den Rand des Untergangs. Über 2000 Kilometer weit soll man das unheimliche Grollen gehört haben.

Den Deckel gelupft

Das aus dem Erdinnern aufschiessende, brühend heisse Magma jagte die obersten 1500 Höhenmeter des idyllischen Vulkans Tambora in die Luft wie eine lästige Kopfbedeckung, so dass der Kraterrand heute noch auf 2850 Metern über Meer liegt. Angeblich soll durch die Detonation so viel Energie freigesetzt worden sein, als wären drei Millionen Hiroshima-Bomben gleichzeitig gezündet worden.

Raketengleich schoss eine Säule aus Stein, Staub und Asche aus dem Schlot über 30 Kilometer in den Himmel. Sie sackte allerdings im Inneren zusammen und bedeckte die weitere Umgebung mit tödlichem Niederschlag. Im Schnellzugstempo raste eine Glutwolke über die Bergflanken.

Der Ausbruch löste Wirbelwinde aus, die Wälder und Häuser flachlegten. Mit der Erschütterung bäumte sich das Meer zu einem monströsen Tsunami auf. Mindestens 70'000 Menschen kamen auf Sumbawa und den Nachbarinseln direkt nach der Eruption ums Leben. Tagelang verdunkelte eine Aschewolke den Himmel über dem indonesischen Achipel, ehe sie zu Boden sank.

Das war die Katastrohe, wie sie die Menschen 1815 vor Ort in der pazifischen Inselregion erlebten.

Die Wirkung des Schwefels

Doch auch nachdem der Staub sich gelegt hatte, wirkte der Tambora weiter. Und wie! Sein langer Arm griff aus nach Nordamerika und Westeuropa. Die heftige Explosion führte dazu, dass grosse Mengen Schwefelgas über die erdnahe Troposphäre hinaus bis in die Stratosphäre transportiert wurden. Dort, 25 bis 30 Kilometer vom Erdboden entfernt, gibt es kein Wetter und keine Wolken mehr, mit der Folge, dass Schadstoffe nicht ausgeregnet werden.

Sie können deshalb sehr lange schweben und ihre Wirkung über ein oder zwei Jahre ungehindert entfalten. Der Schwefel bildet in der stratosphärischen Umgebung kleinste, nahezu unsichtbare Partikel, die einen Teil der Sonnenstrahlung quasi in den Weltraum zurückwerfen. Salopp gesagt: Aus dem Output des Tambora enstand hoch über der Erde eine Art schwefliger Sonnenschutz, den man lokal am Boden als Abkühlung wahrnahm. Weil stratosphärische Winde diesen riesigen Schwefelschild zuerst rings um die Tropen und dann allmählich Richung Pole transportierte, spürte man ihn mehrere Monate nach dem Ausbruch auch in der Schweiz – indem der Sommer 1816 komplett ausfiel.

Kriegserschöpfte Menschen

Allerdings war den Menschen in der Schweiz dieser Zusammenhang nicht bewusst, als sie «ihrer» Katastrophe in die Augen sahen. Über Stratosphärenzirkulation wusste man damals noch nichts, einen Zusammenhang zwischen dem nicht stattfindenden Sommer und dem Tambora-Ausbruch stellten Wissenschaftler erst 1913 her. Abgesehen davon stand der Bevölkerung damals die Not ohnehin schon bis zum Hals. Das Volk war psychisch und physisch ausgezehrt durch die von Napoleon angezettelten Kriege in den Jahren zuvor. Zudem setzte den Menschen seit 1810 eine Serie unüblich kühler Sommer zu. Verzweifelt hoffte man auf Besserung. Doch es kam noch schlimmer.

Während dem Sommer 1816 regnete es praktisch jeden Tag, die Temperaturen lagen ein bis zwei Grad unter dem Durchschnitt und jeden Monat schneite es bis auf den Gurten. Die Trauben- und Getreideernte musste abgeschrieben werden, Kartoffeln grub man im Herbst unreif aus dem Schnee.

Es war die letzte grosse Hungerkrise in der westlichen Welt, von der die Schweiz stark betroffen war, weil sich, indirekt beeinflusst durch den Tambora-Ausbruch, die Wetterextreme in einer relativ schmalen Zone von Frankreich über die Schweiz bis Süddeutschland konzentrierten.

Grasen mit dem Vieh

Der Berner Historiker Daniel Krämer hat sich für seine Dissertation intensiv mit dem «Jahr ohne Sommer» in der Schweiz befasst. Die Menschen, schreibt er, ernährten sich von Kartoffelschalen oder Schnecken, sie kochten Nesseln auf, und im Sommer grasten sie mit dem Vieh auf der Weide. Die explosionsartig steigenden Getreidepreise schnitten die ärmeren Schichten praktisch vom Nahrungsmittelmarkt ab. Es kam auch zu einem demogaphischen Einschnitt: Die Zahl der Todesfälle stieg, diejenige der Geburten sank.

Zehntausende flohen 1816 und 1817 als Wirtschaftsflüchtlinge aus der Schweiz. In die Vereinigten Staaten schafften es allerdings nur wenige. Schon nur die Schifffahrt den Rhein hinunter zu den Nordseehäfen konnte sich kaum ein Emigrant leisten.

Verletzliche Nordostschweiz

In diesen Krisenjahren «begegnete man in der Schweiz Szenen, wie wir sie heute aus der Dritten Welt kennen», sagt der Klimahistoriker Christian Pfister, «die Menschen hungerten und starben kläglich.» Für einen Klimahistoriker wie Pfister, emeritierter Professor für Klima- und Umweltgeschichte an der Universität Bern, ist der Ausbruch des Tambora fast so etwas wie ein Musterfall im globalen Massstab.

Besonders interessiert sich Pfister für die kleinräumigen regionalen Muster der Krise. Wallis und Tessin blieben wegen ihrer Südlage von den katastrophalen Niederschlägen weitgehend verschont. In der Westschweiz vermochten die Obrigkeiten die Folgen die Notlage abzufedern, weil sie ein Netz von Getreide-Lagerhäusern aufgebaut hatten. Die Nordostschweiz hingegen traf der Ernteausfall frontal: Auf Kosten der Landwirtschaft hatte sich dort bereits ein exportorientiertes Textilgewerbe etabliert, das Getreide importierte man von marktorientierten Bauern in Bayern und Baden-Württemberg. Der ausbleibende Sommer 1815 störte aber diese Handelsbeziehung. Aus Angst vor Aufständen der eigenen Bevölkerung angesichts der knappen Vorräte drosselten die Deutschen ihre Exporte – und die Nordostschweiz versank in einer dramatischen Hungersnot.

Link in die Gegenwart

«Man muss sich vergegenwärtigen, dass man damals nicht einfach von irgendwo her Nahrungsmittel beschaffen konnte», sagt Pfister. «Dafür waren Verkehrswege und –mittel noch nicht da.» Deshalb war das Muster der Verletzlichkeit sehr kleinräumig. Auf einer Strecke, die man heute mit dem Zug in zwei Stunden durchfährt, traf man 1816 auf die bare Katastrophe und gleich daneben auf eine nur mässigen Nahrungsmittelengpass.

Trotzdem, so Pfister, lasse sich das Bild grundsätzlich auf mögliche Folgen des Klimawandels von heute übertragen – im globalen Massstab. Zwar könne man heute Versorgungsschwierigkeiten mit Importen von der anderen Seite der Welt kompensieren, so Pfister, «aber wenn sich die Situation zuspitzt, ist im Vorteil, wer wirtschaftlich die stärkere Position hat».

Auch für Klimatologen hält der Tambora einen Link in die Gegenwart bereit: Die Idee, das Klima künstlich zu kühlen, indem man von Menschenhand dauerhaft Schwefel in die Stratosphäre befördert. Diese Art Geoengineering wird ernsthaft diskutiert – als eine Art Notlösung, wenn die Bemühungen der UNO zur globalen Reduktion der Treibhausgas-Emissionen auch weiterhin scheitert. Allerdings nähme man derzeit noch nicht abschätzbare Nebeneffekte in Kauf. Etwa die Versauerung der Ozeane oder eine Abschwächung der Monsunwinde. Und: Wir müssten immer häufiger mit einem milchigen Himmel vorlieb nehmen.

Kulturelle Inspiration

Geradezu ein Versprechen ist es indessen, wie der Tambora-Katastrophensommer künstlerische Innovation förderte. Die englische Schriftstellerin Mary Shelley verbrachte mehrere Wochen am Genfersee, wo sie ungeduldig auf schönes Wetter wartete. Deprimiert vom Dauerregen gab sie sich der Lektüre von Geistergeschichten hin, die sie zur Figur von Frankenstein inspirierten. Konzert Theater Bern huldigt diesem Tambora-Exploit derzeit mit einem Tanztheater.

Aber das war längst nicht alles: Der wegen dem Schwefelschild milchige Abendhimmel in Europa führte 1816 zu unglaublich prachtvollen, blutroten Sonnenuntergängen. Den englischen Star-Maler William Turner trieben sie zu Höchstleistungen an. Er veredelte die Katastrophe zur Pracht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.04.2015, 18:11 Uhr

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