Klug genug, um Hilfe zu suchen

Mantarochen gehören zu den cleversten Fischen. Darauf deuten ihr grosses Gehirn und ihr komplexes Verhalten hin.

Ein Mantarochenweibchen sucht Hilfe bei Tauchern. Das Tier wurde von einem Fischerhaken verletzt und musste von Schnorchlern befreit werden. Video: Tamedia (AP)

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Im ersten Moment sah die Situa­tion bedrohlich aus: Ein riesiges Mantarochenweibchen mit einer Spannweite von rund drei ­Metern schwimmt am Ningaloo-Korallenriff vor der Küste Westaustraliens langsam auf Jake Wilton zu. Angst hat der Taucher allerdings keine: Mantas sieben kleine Tierchen aus dem Wasser, Menschen stehen nicht auf ihrer Speisekarte. Neugierig aber sind die Fische trotzdem, die wie ein fliegender Teppich durch das Wasser gleiten. Da schauen sie sich einen Taucher auch mal ganz aus der Nähe an.

Bei dieser Begegnung scheint aber mehr als nur Neugier im Spiel zu sein. Jake Wilton hat das Gefühl, das Weibchen habe einen triftigen Grund für diese An­näherung, den er dann auch gut erkennt: Unter einem Auge des Tieres haben sich mehrere Angelhaken verfangen, das Weibchen könnte also Hilfe suchen, vermutet der Taucher. Dieses Verhalten wiederum erfordert relativ komplizierte Geistes­gaben, die auch einige Biologen zunächst einmal eher nicht bei Fischen vermuten.

Grösstes Gehirn aller Fische

Allerdings sind Mantarochen auch nicht irgendwelche Fische, steckt in ihrem Kopf doch ein aussergewöhnlich grosses Denkorgan: Sie haben aber nicht nur das grösste Gehirn aller Fische, sondern bringen bezogen auf ihr Körpergewicht ähnlich viel Gehirnmasse auf die Waage wie Tiere, die im Ranking der Geistesriesen weit oben rangieren, von Schimpansen und Gorillas über Elefanten und Delfine bis hin zu Raben und Papageien.

Vielleicht hat der Manta­rochen am 250 Kilometer langen Ningaloo-Riff also tatsächlich gezielt Hilfe gesucht – und sie auch bekommen: Immer wieder taucht Jake Wilton zu dem etwa 30 Jahre alten Weibchen und löst vorsichtig einen Angelhaken nach dem anderen aus der Haut des Tieres. Dabei schwebt die ­ältere Rochendame nahezu bewegungslos mit weit ausgebreiteten Flügeln vor dem Taucher. Als ob sie wüsste, dass der Mensch ihr tatsächlich hilft und sie selbst still halten sollte, um die Verletzungsgefahr beim Entfernen der Angelhaken möglichst gering zu halten.

Die Flecken am Bauch sind individuell und helfen, Mantarochen zu identifizieren. Foto: Alamy Stock Photo

«Mantarochen sind sich solches Verhalten durchaus gewöhnt», erklärt Sonia Bejarano, die am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) in Bremen die Ökologie tropischer Riffe untersucht und immer wieder Mantarochen trifft.

So wie viele andere Fische leiden Rochen oft unter Parasiten, die sich von aussen in ihre Haut bohren oder beissen. Und ähnlich wie sich bei uns Menschen Ärzte auf unterschiedliche Fachbereiche spezialisiert haben, gibt es auch im Meer meist kleinere Fisch­arten, aber auch Garnelen, die oft viel grössere Tiere wie Haie und Rochen von solchen Schädlingen befreien. Genau wie Ärzte und Therapeuten ihre ­Behandlung in spezialisierten Praxisräumen anbieten, unterhalten diese Spezialisten unter Wasser Putzer­stationen. «Das sind oft Korallen­berge, die aus einem Sandboden wachsen», ­berichtet die ZMT-Forscherin.

Lange auf Kundschaft warten müssen die Putzerfische und Garnelen normalerweise nicht. Oftmals stellen sich Haie, Rochen und andere Unterwassergrössen sogar geduldig und vor allem ­völlig friedlich an und warten, bis sie an der Reihe sind. Bei der Behandlung selbst halten zum Beispiel Rochen einige Minuten lang völlig still, während die Putzspezialisten sorgfältig ihre Haut absuchen und dabei sogar bis in die Kiemen oder ins Maul vordringen, wo Parasiten besonders lästig und gefährlich sind. «Stillhalten ist für einen Mantarochen daher kein ungewöhn­liches Verhalten», sagt die Forscherin Sonia Bejarano.

Sie erkennen auch Menschen

Solche Putzerstationen sind obendrein in vielen Regionen sehr beliebte Touristen-Attraktionen. Taucher wie Jake Wilton führen Gruppen von Schnorchlern dorthin. Manchmal nähern sich die grossen Rochen und Haie neugierig den Menschen, aber ohne ihnen gefährlich zu werden.

Mit der Zeit gewöhnen sich die Tiere natürlich an die Menschen und vor allem an die Taucher wie Jake Wilton, die regelmässig Touristengruppen zu ­ihnen führen. Das könnte auch erklären, weshalb die ältere Mantarochendame sich für Hilfe an Wilton und nicht an seine Tauchpartnerin, die Meeresbiologin Monty Halls, wandte.

Vielleicht hatten sich vorher ja die Putzerfische an ihrer ­Station im Ningaloo-Korallenriff vergeblich am Entfernen die ­Angelhaken versucht, die sehr wahrscheinlich von Sportfischern stammten. Um die störenden und gefährlichen Dinger loszuwerden, näherte sich der Mantarochen dann dem Taucher, den er ja ohnehin von der Putzerstation schon kannte.

Jake Wilton hatte eine besondere Begegnung mit einem Mantarochenweibchen. Foto: Facebook

Dazu musste das Weibchen ­allerdings Jake Wilton wieder ­erkennen. Genau solche Fähigkeiten haben Verhaltensforscher bei Tieren mit einem so grossen Gehirn schon häufig beobachtet. Schimpansen und Gorillas, Elefanten und Delfine, aber auch Mantarochen leben – ähnlich wie es auch Frühmenschen taten – in überschaubaren Gruppen mit etlichen Mitgliedern. Diese Tiere kommunizieren häufig mit anderen und erkennen die verschiedenen Partner auch wieder. «Dafür braucht man schon einige Geisteskräfte», erklärt Heike Zidowitz, die sich bei der Naturschutzorganisation WWF in Hamburg um Haie und Rochen kümmert.

Um ihren Weg zu finden, brauchen die schweren Riesen ein gutes Orientierungsvermögen und ein gutes Gedächtnis. 

So wie sie ihre Artgenossen identifizieren, können diese Tiere auch Menschen voneinander unterscheiden. Viele von ihnen schaffen es sogar, sich selbst im Spiegel zu erkennen. Forscher sehen das am Verhalten ihrer Probanden: Reagieren diese auf ihr Spiegelbild ähnlich wie auf ein ihnen fremdes Tier und ­drohen ihm oder begrüssen den vermeintlich Fremden, haben sie den Test nicht bestanden. Doch genau wie Raben und Papageien, Delfine und Elefanten oder auch zweijährige Menschenkinder scheinen Mantarochen ihr Spiegelbild rasch zu erkennen. Das berichteten Csilla Ari und Dominic Agostino von der Medicine University of South Florida im US-amerikanischen Tampa schon vor drei Jahren.

«Auch andere Verhaltensweisen beanspruchen die geistigen Kapazitäten der Mantarochen», sagt Heike Zidowitz. So wandert eine der beiden bekannten Mantarochenarten, der Riesenmanta (Mobula birostris) im Laufe seines bis zu 40 Jahre dauernden Lebens viele Tausend Kilometer weit durch die tropischen Weltmeere. Um ihren Weg zu finden, brauchen die bis zu zwei Tonnen schweren Riesen, die eine Spannweite von sieben Metern erreichen können, ein gutes Orientierungsvermögen und ein gutes Gedächtnis. Nur ein kluges Tier meistert derartige Herausforderungen.

Ursprünglich kaum Feinde

Dabei sind die Fische in Gruppen unterwegs und können sich möglicherweise auch bei ihren Sprüngen aus dem Wasser ­miteinander verständigen: «Sie könnten mit dem Aufschlagen auf der Wasseroberfläche über grössere Distanzen mit anderen Tieren der Gruppe in Kontakt bleiben», sagt Zidowitz. Manchmal schlagen die Rochen auch mit ihren Flügeln auf das Wasser oder ­brechen die Strömung und erzeugen so ebenfalls Geräusche, mit denen sie kommunizieren könnten, vermuten ­einige Meeresbiologen.

Auch wenn es um den Nachwuchs geht, sind die geistigen Fähigkeiten der beiden Mantarochenarten gefragt: So treffen sie sich zur Paarung nur in bestimmten Gebieten. Ähnlich wie manche Vogelarten pflegen dort sowohl der Riesenmanta wie auch der mit bis zu viereinhalb Metern Spannweite erheblich kleinere, aber immer noch gigantische Riffmanta eine aufwendige Brautwerbung. Dabei umzingeln zum Beispiel mehrere der erheblich kleineren Männchen ein Weibchen oder schwimmen hinter der Dame ihres Herzens wie ein Geleitzug her. Dabei ­führen die Tiere eine Art Unterwasserballett auf.

Mantaweibchen bekommen alle zwei bis fünf Jahre ein einzelnes Junges. Aussergewöhnliche Verluste können diese Arten nur sehr langsam ausgleichen.

Kommt es zur Paarung, entwickelt sich im Eileiter ein gutes Jahr lang zunächst ein Ei und ­daraus dann ein Jungmanta, der zwar mit einer milchigen Flüssigkeit versorgt wird, aber bereits selbst atmen muss. Bei seiner Geburt ähnelt ein kleiner Riesenmanta bereits verblüffend einem Erwachsenen, wiegt rund neun ­Kilogramm und hat weit mehr als einen Meter Durchmesser. Trotzdem dauert es noch etwa 15 Jahre, bis ein Riesenmantaweibchen erwachsen ist und selbst Nachwuchs bekommt.

Da Mantaweibchen lediglich alle zwei bis fünf Jahre ein einzelnes Junges bekommen, können diese Arten aussergewöhnliche Verluste nur sehr langsam ausgleichen.

Solche Verluste müssen allerdings nicht nur Mantarochen, sondern auch andere Rochen­arten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten recht häufig verkraften: Sie haben zwar abgesehen von grossen Haien und Orcas kaum natürliche Feinde, werden aber vor allem in Asien als Spezialität oder als Ingredienzien für die traditionelle Medizin gezielt gefangen. Viele Tiere verenden auch als Beifang in den Netzen der Fischer. «­Manche regionalen Bestände der Riesenmantas sind daher in den letzen Jahrzehnten dramatisch eingebrochen, weltweit wird ein Rückgang von bis zu 30 Prozent vermutet», sagt die WWF-Expertin Zidowitz.

Erstellt: 20.01.2020, 17:19 Uhr

In Zahlen

630
Mit so vielen Arten machen die ­Rochen rund die Hälfte aller Knorpelfischarten aus. Die zweite grosse Gruppe in dieser Tierklasse sind die Haie.

15 Jahre
dauert es, bis ein Riesenmantaweibchen erwachsen ist und selber Nachwuchs bekommen kann. Sie bekommen alle zwei bis fünf Jahre ein einzelnes Junges.

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