Knapp, knapper – Sand

Der Rohstoff Sand ist weltweit begehrt. So begehrt, dass ein regelrechter Kampf um ihn entbrannt ist. Der Schwarzmarkt floriert, und die Natur leidet.

Bis zu 15 Milliarden Tonnen Sand werden jährlich weltweit abgebaut: Eine Sandabbauanlage in Indonesien.

Bis zu 15 Milliarden Tonnen Sand werden jährlich weltweit abgebaut: Eine Sandabbauanlage in Indonesien. Bild: Reuters

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Sand ist fast überall. In Glas. In Zahnpasta. In Kosmetika, Flugzeugrümpfen, Nahrungs- und Putzmitteln. In Chips, wie sie in Handys, Computern und Kreditkarten verwendet werden. Und vor allem: in Beton. Rund 200 Tonnen Sand sind für ein mittelgrosses Haus nötig, rund 30 000 Tonnen Sand für einen Kilometer Autobahn. Weltweit verbrauchen wir laut Experten fast so viel Sand wie Wasser. Und der Verbrauch nimmt wegen des globalen Baubooms ständig zu.

Genau das ist aber das Problem. Denn Sand ist ein endlicher Rohstoff, der mit jedem Jahr begehrter wird. Laut dem britischen Geologen und Sand-Experten Michael Welland hat sich ein regelrechter Krieg um Sand entwickelt. Der Schwarzmarkt floriere. Im Tourismusland Marokko etwa baue «die Mafia rund 45 Prozent der Sandstrände ab, radikal und profitorientiert − ein ökologisches Fiasko», sagte er dem Fernsehsender Arte. Laut Wellands Schätzungen werden derzeit zwei Tonnen Beton pro Erdbewohner und Jahr produziert. Das entspreche 10 bis 15 Milliarden Tonnen Sand, die pro Jahr aus der Natur entnommen werden − aus Flussbetten, Kiesgruben und immer mehr vom Meeresboden. «Dieser immense Bedarf hat schwerwiegende Folgen auf lokaler und globaler Ebene», sagt Welland. «Seit Jahrzehnten wird Raubbau betrieben, und natürlich verschlimmert das ständige Anwachsen von Erdbevölkerung und Wirtschaft die Situation noch.» Viele Menschen seien sich des schrumpfenden Sandvorrates jedoch nicht einmal bewusst, darunter «leider auch politische Entscheidungsträger».

Warum aber nimmt man nicht Wüstensand für Beton, wenn der Meeressand knapp wird? Weil er sich dafür nicht eignet. Dem Wind ausgesetzt, runden sich Sandkörner in der Wüste ab und verfestigen sich nicht als Baustoff − im Gegensatz zum rauen Sand aus dem Meer. So erklärt sich, warum beispielsweise Dubai trotz seiner Wüsten von Sandimporten abhängt, etwa aus Australien. Auch Singapur importiert laut Welland tonnenweise Sand aus den Nachbarländern − ungeachtet der mittlerweile eingeführten Verbote. Der Stadtstaat will expandieren, sprich bauen. Seit den 1960er-Jahren ist Singapurs Fläche um 20 Prozent gewachsen. Eines von Singapurs Nachbarländern ist Indonesien. Das Land hat den Sandexport genau wie Kambodscha und Vietnam verboten, seither wird der Rohstoff illegal abgebaut, und der Schmuggel blüht.

Das Ausmass des durch den Bauboom ausgelösten «weltweiten Problems» ist laut Greenpeace Schweiz «enorm». Nur Hidayati von Greenpeace Indonesien sagt: «Die Situation ist kritisch. Viele tropische Inseln schrumpfen dramatisch und drohen im Meer zu versinken.» Vor der indonesischen Küste seien wegen des illegalen Sandabbaus 83 Inseln in Gefahr. Das ganze Ökosystem und die Korallenriffe seien bedroht und sogar die Meeresströmungen könnten sich verändern, wenn man den Schmuggel nicht unterbinde, sagt Hidayati.

Auch Europa ist betroffen

Auch andere Umweltschützer sind entsetzt über die Szenen, die sich an den pittoresken Inselstränden während der Nacht abspielen: Schmuggler legen mit ihren Booten an, baggern Sand ab und fahren direkt in den Hafen von Singapur. Dort warten internationale Händler.

Vom Problem sind weltweit Länder betroffen, die Meeranstoss haben. In Europa beispielsweise Frankreich, Deutschland und Italien. In Frankreich kämpft das Kollektiv Le Peuple des Dunes mit insgesamt 31 Vereinen und 13 Gemeinden gegen die Ausbeutung des Sandes. Es will nicht zusehen, wie Konzerne kubikmeterweise Sand vom Meeresboden absaugen und damit die Umwelt zerstören, so etwa die bretonische Firma Roullier: Diese plant, während 20 Jahren jährlich 40 000 Kubikmeter Sand unmittelbar vor der Küste bei Trébeurden zu fördern.

Mal abgesehen davon, dass Touristen wohl kaum ihre Ferien neben Baggern verbringen würden, rutsche für den Sand aus dem Meer Küstensand nach − mit verheerenden Folgen für Flora und Fauna, kritisiert das Kollektiv Le Peuple des Dunes. Der Sandaal, ein kleiner Fisch, der in Unterwasserdünen lebt, werde aussterben und damit als Hauptnahrung für einen grossen Teil der Fischpopulation der Bretagne wegfallen. Als Folge davon werde die Fischerei mit all ihren Arbeitsplätzen gefährdet. Kommt dazu, dass das neuerliche Aufschütten der Sandstrände oft nichts bringt, wie das Beispiel Waikiki Beach auf Hawaii zeigt. Wie das Nachrichtenportal Ingenieur.de berichtete, sollte der berühmte Strand von 520 Meter Länge nach Plänen aus dem Jahr 2010 seine einstige Breite aus dem Jahr 1985 zurückerhalten. Doch der neu aufgeschüttete Sand war zu feinkörnig − und wurde innert weniger Tage ins Meer weggeschwemmt.

Die bretonische Firma Roullier argumentiert in einem Bericht des Fernsehsenders WDR mit der Wirtschaftskraft, die es auszubauen gelte. Man werde den Sand lediglich begrenzt fördern, nämlich für die bretonische Agrarindustrie als Bestandteil von preiswertem Dünger. Nur glaubt das Kollektiv Le Peuple des Dunes der Firma nicht. Es sei bekannt, welche grossen Geschäfte sich angesichts seiner Knappheit mit Sand machen liessen. Komme dazu, dass der Sand vor der bretonischen Küste nicht den Bretonen gehöre. Daher würde die Firma den geförderten Sand ausschliesslich zu ihrem eigenen Profit verkaufen.

Nachfrage ist ungebrochen

Auch in der Schweiz ist das Problem der Sandknappheit bekannt. Der Baustoffkonzern Holcim ist sich nach eigenen Angaben «bewusst, dass es wie bei allen natürlichen Rohstoffen in bestimmten Regionen sicherlich auch bei bestimmten Sandsorten zu Knappheitssituationen kommen kann», wie Mediensprecherin Anja Simka sagt. Der Konzern hält Mehrheits- und Minderheitsbeteiligungen in rund 70 Ländern auf allen Kontinenten und verfügt über 148 Zement- und Mahlwerke, 470 Zuschlagstoffbetriebe, 1286 Transportbetonwerke und 99 Asphaltwerke.

Für die inländische Betonproduktion in den rund 40 Schweizer Werken verwendet man laut Simka «fast nur eigenen Sand und Kies aus der näheren Umgebung unserer Produktionsstandorte». Doch ganz ohne Import geht es auch bei Holcim Schweiz nicht: Einen «minimalen Anteil an Zuschlagstoffen (Sand, Kies und Schotter)» importiere man aus dem benachbarten Ausland. Der Grund dafür sei, dass die nötige Sandqualität aufgrund der unterschiedlichen Gesteinsbeschaffenheit und der geologischen Situation nicht immer in direkter Nähe der Produktionsstandorte vorhanden sei. So werde Sand «auch über weitere Distanzen transportiert», sagt Simka.

Laut dem Sandexperten Welland kann der Sand, der für Beton genutzt wird, nur zu einem Teil ersetzt werden − und zwar durch recycelten Beton. «Das sollten wir öfter tun», sagte er zum Nachrichtenportal Ingenieur.de. «Wir können Steine zerkleinern und so künstlich Sand herstellen.» Der Nachteil sei jedoch der grosse Energieverschleiss. Zudem koste Sand so wenig, dass die Recycling-Bemühungen derzeit nur wirtschaftliche Randerscheinungen seien, welche die grosse Nachfrage nicht stillen könnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2013, 10:26 Uhr

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