Hintergrund

«Lawinenunfälle mit Gruppen sind selten»

Nach dem Drama im Walliser Val D’Hérens ist die Zahl der Lawinentoten in dieser Saison mit elf überdurchschnittlich hoch. Die ausgerufene Gefahrenstufe 3 ist tückisch.

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Seit Weihnachten herrscht in den Schweizer Alpen Ausnahmezustand. Nach dem starken Schneefall an den Feiertagen verging beinahe kein Tag ohne Lawinenabgang. Elf Menschen kamen seither in den Schneemassen ums Leben.

Das jüngste Drama im Walliser Val D’Hérens am Sonntag war gleichwohl eines der schlimmsten. Sechs Personen bestiegen gemeinsam mit einem Bergführer den Gipfel des Pointe de Masserey. Beim Abstieg löste sich eine Lawine und begrub vier Personen unter sich. Drei davon starben später im Spital – darunter auch der Bergführer. Eine weitere Person kämpft ums Überleben. Der Unfall ereignete sich im Rahmen eines zweitägigen Lawinenkurses, wie der Schweizer Bergführerverband heute mitgeteilt hat.

Verbandspräsident Pierre Mathey zeigt sich einen Tag nach dem Drama im Unterwallis sprachlos: «Ich habe selten einen so schwarzen Tag erlebt. Unfälle geschehen im Moment sogar in Gegenwart von Profis», sagt er gegenüber der Zeitung «Le Nouvelliste» (Artikel online nicht verfügbar). Der Tod des Bergführers zeige, wie schwierig die Situation im Moment sei.

Schwierige Lage

Laut Thomas Stucki vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) kommt es selten vor, dass ganze Gruppen von einer Lawine mitgerissen werden. «Unfälle mit mehreren Personen sind selten. In den meisten Fällen handelt es sich um Einzelpersonen, meistens um jene, die die Lawine ausgelöst haben», sagt er. Die aktuelle Lage in den Schweizer Alpen sei nicht einfach einzuschätzen, auch nicht für erfahrene Personen.

Die zwei tödlichen Lawinenunfälle ereigneten sich zwei Tage nachdem die Walliser Verantwortlichen für Bergrettung in Sitten an einer Pressekonferenz vor der gefährlichen Situation abseits der Pisten gewarnt haben. 90 Prozent der Lawinen würden von den Opfern selbst ausgelöst, sagte Mathey am Freitag. Zudem erinnerte er an die Goldene Regel, dass jeweils nur eine Person einen Hang befahren sollte.

Ein Drittel der Unfälle in Stufe 3

Trotz den Warnungen wagen es zurzeit viele Wintersportler, abseits der Piste zu fahren. Besonders gefährlich ist dies laut Stucki im Unterwallis, in Nord- und Mittelbünden und im Unterengadin. Das SLF beurteilt die Lawinengefahr in den genannten Gebieten als erheblich. Massgeblich für die Einschätzung der Lage sind die Auslösebereitschaft und die Verbreitung von Gefahrenstellen. Beide nehmen mit zunehmender Gefahrenstufe zu.

In Stufe 1 (gering) sind grosse Einwirkungen von aussen wie Sprengungen nötig, bis es überhaupt zu einem Abgang kommt. Bei Stufe 5 sind viele grosse und sehr grosse Lawinenabgänge ohne äussere Einflüsse typisch. «Diese Stufe kommt in der Katastrophensituation zum Einsatz. Dann gehen die Lawinen bis in die Täler und viele Verkehrswege und Siedlungsgebiete sind gefährdet», sagt der Lawinenexperte. Grossräumig ausgerufen wurde sie zum letzten Mal im Lawinenwinter 1999.

Als dritte von fünf Stufen liegt die aktuelle Stufe «erheblich» in der Mitte. Dies ist laut dem Lawinenexperten nicht ideal und mindert die Signalwirkung. «Die Gefahrenstufe 3 gilt während rund eines Drittels des Winters. Darin ereignet sich rund die Hälfte aller Lawinenunfälle», sagt er. Lediglich zwölf Prozent der Unfälle passieren in der Stufe 4 (gross) und 5 (sehr gross). Die Bandbreiten, die die Stufen beinhalten, führen immer wieder zu Diskussionen.

Überdurchschnittlich viele Opfer

22 Menschen sterben im Durchschnitt pro Saison bei Lawinenunfällen in der Schweiz. Mit bisher elf Lawinentoten sieht die Bilanz zum heutigen Zeitpunkt tragisch aus. «Im Mittel gibt es bis Mitte Februar etwa 11 Lawinentote», sagt Stucki. Trotz allem hat die Zahl 22 für ihn auch eine positive Bedeutung. Denn im 80-jährigen Mittel liegt die Zahl der durchschnittlichen Lawinentoten pro Saison bei 25. «Die Abnahme in den letzten Jahren zeigt, dass Massnahmen wie Ausbildung, Sensibilisierung und Warnung wirkungsvoll sind», sagt er. Dies trotz der stetig und deutlich zunehmenden Zahl an Schneesportlern, die sich ausserhalb der Pisten aufhalten.

Sicher ist, dass die Situation in den Schweizer Alpen noch eine Weile kritisch bleiben wird. Laut Stucki muss dies jedoch nicht bis Ende der Saison so bleiben. «Fallen in den betroffenen Gebieten grosse Mengen Neuschnee, könnte es zu Spontanabgängen kommen», erklärt er. Dies wäre kurzfristig gefährlich, mittelfristig würde dies die Lage aber entspannen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2014, 15:50 Uhr

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