Lesevergnügen zum Staunen

Überraschung, Unterhaltung und Wissenswertes liefern neue Bücher über alte Menschen, Nordmänner, Zahlenmogeleien oder den Klimawandel.

Natürliche Wasserstelle mitten in der Sahara: Das Guelta d’Archei im Nordosten des Tschad. Foto: Michael Martin

Natürliche Wasserstelle mitten in der Sahara: Das Guelta d’Archei im Nordosten des Tschad. Foto: Michael Martin

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«Eingefrorene Nase in der Wüste»
Kamele sollen innerhalb von nur 15 Minuten bis zu 200 Liter Wasser aufnehmen können, Staub aus der Sahara düngt den Amazonas-Regenwald, Wüstenbäume wie die Senegal-Akazien liefern einen Stoff, der unentbehrlich ist für Cola, weil das Gummiarabikum dafür sorgt, dass der schwarze Farbstoff nicht verklumpt. Wer durch die Einöde reist, kann im Sand sogar steinernes Handwerkszeug von Menschen aus der Jungsteinzeit finden. Der Geograf und Fotograf Michael Martin ist von Wüsten fasziniert, seit er als Jugendlicher mit dem Mofa nach Marokko reiste. Sein Buch ist eine Mischung aus Reiseberichten, wissenswerten Hintergrundinformationen und dramatischen Bildern. Die hat er zum Teil mit vollem Einsatz fotografiert. Einmal fror dabei Michael Martin seine Nasenspitze an der Kamera fest – und das in der Wüste. (afo)

Michael Martin Das Wesen der Wüste, Ludwig-Verlag, 285 S., ca. 31 Fr.

«Die Wikinger trugen keine Hörner an den Helmen»
Unser Bild von den Wikingern war lange Zeit von historischen Quellen geprägt, die Zeitgenossen verfasst hatten, die den Wikingern nicht gerade wohlgesonnen waren. Das liegt daran, dass die Nordmänner selbst kaum schriftliche Spuren hinterlassen haben. Seit die Archäo­logie mehr zur Forschung über die frühen Skandinavier beiträgt, wandelt sich das Bild. Zwar waren die Wikinger durchaus für Überfälle und Raubzüge verantwortlich, aber sie waren vor allem auch weit gereiste, welt­offene Handelsleute, die mit ihren raffiniert konstruierten Schiffen bis nach Nordamerika und ans Schwarze Meer gelangten und sich teilweise in fernen Ländern niederliessen. Die Aufsatzsammlung «Die Wikinger» gibt einen guten, leicht zu lesenden Überblick über den aktuellen Wissensstand. Informationen findet man nicht nur zu der Lebensweise und zum Glaubenssystem der Wikinger, sondern auch zu aktuell viel diskutierten Themen wie die Stellung der Frau in den frühen skandinavischen Gesellschaften und zu noch weniger erforschten Bereichen wie den weitreichenden Reisen der Wikinger in den Osten. (abr)

Joern Stäcker, Matthias Toplak Die Wikinger, Propyläen-Verlag, 480 S., 36 Fr.

«Das Geheimnis der 100-Jährigen»
Was ist das Rezept für ein gutes, erfülltes Leben? Und was ist das Geheimnis, bis ins hohe Alter von 100 oder mehr rüstig und geistig fit zu bleiben? Das sind zentrale Fragen, die alle Menschen umtreiben, ganz besonders aber die Journalisten Klaus Brinkbäumer und Samiha Shafy. Auf der Suche nach Antworten zu diesen essenziellen Fragen haben der ehemalige Chefredaktor des «Spiegels» und die Schweizer «Spiegel»-Redaktorin auf der ganzen Welt Hundertjährige besucht, darunter auch mehrere Schweizer. Herausgekommen ist ein ins­pirierendes, kurzweiliges Buch mit dem ungewöhnlichen Titel «Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben», das zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln anregt. Etwa, wenn die 108-jährige New Yorkerin Helen Kahn erzählt, dass sie Salat und Gemüse verachte, dafür kurz ange­bratene Hamburger, Schokolade und Cocktails möge. Und ja, sie habe 80 Jahre lang geraucht. Klar, mit diesem Lebensstil würden die wenigsten 100 Jahre alt werden. Aber ein bisschen Spass darf schon sein, wie auch der 100-jährige Walter Diethelm bestätigt: «Man sollte sündigen, aber nicht zu viel.» (nw)

K. Brinkbäumer, S. Shafy Das kluge, lustige, gesunde, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben, S. Fischer, ca. 35 Fr.

«Meerschweinchen als Klimaretter»
Wenn man sich die neuesten Zahlen des «Emission Gap Report» vor Augen führt, den das Umweltprogramm der UNO letzte Woche veröffentlicht hat, dann kann man sich schon etwas hilflos dem Klimawandel ausgesetzt fühlen. Um die globale Erwärmung auf rund 1,5 Grad zu begrenzen, müsste die Emission der Treibhausgase demnach künftig jedes Jahr um 7,6 Prozent sinken. Dabei sind die Emissionen nach wie vor am Steigen. Und es gibt wenig Hinweise, dass die Politik das Ruder schnell genug herumreisst. Doch sind wir dem Klimawandel wirklich hilflos ausgeliefert? Nein, sagt Christof Drexel in seinem Buch. Um rund ein Drittel können wir unseren CO2 allein durch einen bewussten Lebensstil reduzieren. Anhand kurzer Hintergrundtexte und zahlreicher Grafiken zeigt das Buch sehr anschaulich, was jeder in den Bereichen Ernährung, Mobilität, Urlaub, Freizeit, Haushalt, Wohnen und sonstigem Konsum unternehmen kann, um das Klima weniger stark zu belasten. Was Meerschweinchen damit zu tun haben, erfährt man übrigens im Kapitel über die CO2-Bilanz von Haustieren. (jol)

Christof Drexel Warum Meerschweinchen das Klima retten, GU, 208 S., ca. 24 Fr.

«Die grusligsten Heilmethoden der Medizingeschichte»
Quengelnde Kinder können ganz schön auf die Nerven gehen. Für gestresste Mütter war «Mrs. Winslow’s Soothing Syrup» früher ein – vermeintlicher – Segen. Dank eines Schusses Morphium war er «geeignet, jeden Menschen und jedes Tier» zu beruhigen, wie es in der Werbung hiess. Doch manchmal über­trieben es die Eltern auch mit der Sedierung der Säuglinge. Bald nannten Ärzte das von 1845 bis 1930 vermarktete Produkt «Baby-Killer». Der tödliche Morphium-Sirup ist eines von vielen Beispielen aus dem auf Deutsch erschienenen Buch «Abgründe der Medizin» von Lydia Kang und Nate Pedersen. Das US-Autorenduo vermittelt darin einen Einblick in die «allerübelsten Allheilmethoden aller Zeiten». Die Sprache ist locker bis (etwas sehr) flapsig, der Inhalt manchmal erheiternd, häufig aber haarsträubend bis entsetzlich: Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust, glühende Eisen gegen Liebeskummer, Operationen mit von Eiter und Blut verschmierten Geräten und ohne Narkose, radioaktive Zäpfchen, Arsen-Brotaufstrich für einen schönen Teint – die Liste des Grauens scheint endlos. (fes)

Lydia Kang und Nate Pedersen Abgründe der Medizin, Riva-Verlag, 352 S., ca. 30 Fr.

«Traue nie einer Statistik»
Zahlen sind klar und helfen, Zusammenhänge zu erkennen – aber nicht immer. Wo Fallstricke lauern, beschreibt die Ökonomin und Journalistin Sanne Blauw äusserst anschaulich in ihrem lesenswerten Buch. Während die britische Krankenschwester Florence Nightingale Mitte des 19. Jahrhunderts mit Zahlen und Grafiken belegte, dass die meisten Soldaten in den ihr anvertrauten überfüllten Spitälern an vermeidbaren Krankheiten starben, sind Aussagen über grosse Gruppen komplizierter. Statistiker nutzen dann Stichproben. Dabei ist die Auswahl der Teilnehmer entscheidend sowie die Umstände der Erhebung. Wurde etwa eine Gruppe von Studenten zum Sexualverhalten befragt, so stieg bei den Frauen die Anzahl der Sexualpartner um 70 Prozent, wenn sie glaubten, an einen Lügendetektor angeschlossen zu sein. Wow! Aber: 70 Prozent von welcher Zahl?, lehrt Blauw uns zu fragen. Ein anderes Beispiel sind Durchschnittswerte. Sie sind für Erhebungen ungeeignet, wenn die Zahlen weit auseinander liegen. So würden nämlich alle Passagiere eines Busses zu Milliardären, sobald Microsoft-Gründer Bill Gates zusteigt. (afo)

Sanne Blauw Der grösste Best­seller aller Zeiten, Deutsche Verlags-Anstalt, 218 S., ca. 29 Fr.

«Die Fussreise durch die Alpen»
In einer Zeit, in der die Erhebung von Umweltdaten auf die Spitze getrieben wird, ist das Buch von Dominik Siegrist richtig wohltuend. 119 Tage lang und 1800 Kilometer weit ist der Geograf zusammen mit Freunden von Wien nach Nizza gewandert. Das Projekt nannte sich Whatsalp, das Ziel war, den Zustand der Alpen zu erkunden. Ohne Messgeräte. Informationen lieferten die Sinne und seine zahlreichen Begegnungen mit Bauern, Forschern, Umweltaktivisten oder Tourismusmanager. Entstanden ist eine Art Wanderbuch, das doch keines ist. In lebendiger Sprache beschreibt er die einzelnen Etappen. Das Buch ist aber in erster Linie eine Dokumentation positiver und negativer Beispiele, wie Alpengemeinden versuchen, die Abwanderung und den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern. Etwa indem «Bioniere» in Ramsau in der Steiermark einen Bio-Golfplatz bauen. Oder die französische Gemeinde Tignes eine Indoor-Skihalle auf 2000 m.ü.M. plant. Siegrist ist als ehemaliger Präsident der internationalen Alpenschutzkommission Cipra kein unabhängiger «Alpenwanderer». Das Buch lässt aber dem Leser viel Spielraum, seine eigene Meinung zu bilden. (lae)

Dominik Siegrist Alpenwanderer, Haupt-Verlag, 229 S., ca. 29 Fr.

Erstellt: 02.12.2019, 17:54 Uhr

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