Wie vierzig Hiroshima-Bomben

Neue Studien zeigen detailliert die Zerstörungskraft des Meteoriten, der im Februar über Tschelyabinsk explodierte. Manche der Forscher warnen vor weiteren Gefahren aus dem All.

Feuerball über Tscheljabinsk: Videoaufnahme eines Youtube-Nutzers.


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Es geschah am frühen Morgen, am 15. Feb­ruar dieses Jahres. Ein extrem greller Blitz schreckte die Menschen in Tscheljabinsk, einer Stadt am Ural, auf. Es folgte ein lang gezogener Feuerball, als ob ein Komet auf die Erde stürzte. Es waren Fragmente eines Asteroiden, die unerwartet über dicht besiedeltem Gebiet explodierten. Eine enorme Druckwelle erreichte die Region, nachdem das Objekt aus dem All auf einer Höhe zwischen 24 bis 30 Kilometer auseinanderbrach. Es war ein Bolide, so nennen Astrophysiker extrem helle Objekte beim Eintritt in die Erdatmosphäre. Die Schockwelle war noch 120  Kilometer vom Feuerball entfernt spürbar. In Tscheljabinsk wurden über 3600 Häuser erschüttert, Tausende Fenstergläser zerbrachen, das Dach einer Fabrik stürzte zusammen, schreibt ein internationales Forscherteam im eben erschienenen Fachmagazin «Science», das in 50 Dörfern eine Bestandesaufnahme machte. Hunderte Menschen seien dabei gemäss einer Internetumfrage verletzt worden oder fühlten eine ungewöhnliche Wärme im Körper, zwei Dutzend klagten über einen Sonnenbrand. Der Feuerball sei 30-mal heller als die Sonne zu diesem Zeitpunkt gewesen, erklären Wissenschaftler aktuell in der Fachzeitschrift «Nature».

Blitzstärke aus Video ermittelt

Für die Wissenschaft ist Tscheljabinsk bedeutender als die Katastrophe 1908, als deutlich grössere Teile eines Aste­roiden in die Erdatmosphäre eintraten und hoch über dem Fluss Tunguska in Sibirien explodierten – so wuchtig wie die Sprengkraft von mindestens 400 Hiroshima-Bomben. Die Stärke der Detonation über Tscheljabinsk ist zehnmal geringer, doch lieferte das Ereignis bedeutend mehr Daten als vor gut hundert Jahren.

Zudem verdampfte das Gestein des zerborstenen Asteroiden über Sibirien, während im Februar vermutlich ein Viertel der Masse nach der Explosion auf die Erde stürzte, was hilfreich war, um die Herkunft des Objekts zu rekonstruieren. Immer wieder kollidieren Fragmente von Asteroiden und Kometen verschiedener Grösse mit der Erde. Doch kein Ereignis wurde derart umfassend untersucht wie das von Tscheljabinsk. Zahlreiche Institute in Russland, aus den USA, Europa, China und Japan beteiligten sich an den Untersuchungen. Akustische und seismische Sensoren weltweit hatten die Schockwelle gemessen, Satelliten das Ereignis registriert. Zudem standen über 400 Videofilme von Beobachtern und Sicherheitskameras zur Verfügung. Anhand der Videobilder des Lichtschweifs rekonstruierten Wissenschaftler zum Beispiel die Stärke des Blitzes.

4 Milliarden Jahre alt

Die Auswertung all dieser Daten in Rekonstruktionen und Computermodellen ergibt eine erstaunlich detaillierte Lebensgeschichte: Sie beginnt vor 4452 Millionen Jahren, ungefähr 100  Millionen Jahre nach der Entstehung des Sonnensystems. Chemische Analysen und Röntgenuntersuchungen zeigten, dass die gefundenen Meteoritenstücke neben anderen Mineralien wenig Eisen enthalten und zur gewöhnlichen Klasse der sogenannten Chondriten gehört. Interessant ist jedoch, dass der Asteroid laut den Wissenschaftlern vor Hunderten Millionen Jahren durch einen Zusammenstoss mit einem anderen Objekt arg geschwächt wurde.

Wahrscheinlich stammt der Gesteinsbrocken von Tscheljabinsk aus dem Haupt-Asteroidengürtel, der sich zwischen den Planentenbahnen zwischen Jupiter und Mars befindet. Es ist durchaus möglich, dass er ein «Splitter» eines existierenden Asteroiden ist. Die Rekonstruktion der Umlaufbahn ergab, dass diese sehr ähnlich war wie jene des Asteroiden 86039, der zu den Objekten gehört, deren Umlaufbahn nahe an der Erde vorbeizieht. Als der Tscheljabinsk-Asteroid auf die Erdatmosphäre trifft, ist er ein Brocken mit einer Grösse von 17 bis 20 Metern und einem Gewicht von 10 000 Tonnen. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 19  Kilometern pro Sekunde rast er auf 30  Kilometer Höhe Richtung Erde, um wenig später zu explodieren. Der grösste Teil verdampft. Kleine Massen zwischen hundert Gramm und wenigen Kilogramm treffen auf die Umgebung von Tscheljabinsk. Ein Stück trifft das Dach einer Fabrik. Der Hauptbrocken, mehrere Hundert Kilogramm schwer, schlägt ein breites Loch in das 70 Zentimeter dicke Eis des Tschebarkulsees.

Das Ereignis im Ural veranlasst manche an den Untersuchungen beteiligte Forscher zu Warnungen vor den Gefahren aus dem All. Es sei ein Weckruf, schreiben Wissenschaftler in einer Mitteilung der Universität von Kalifornien in Davis. Zwar haben neue Modellierungen gezeigt, dass die bisherigen Zerstörungspotenziale solcher Objekte beim Eintritt in die Erdatmosphäre kleiner sind, als angenommen. Die bisherigen Schätzungen basieren auf Erfahrungen bei Detonationen von Nuklearwaffen.

Nicht überbewerten

Trotzdem glauben die Forscher, dass das Beispiel Tscheljabinsk zeige, dass auch kleinere Asteroiden zwischen 10 und 50 Metern Grösse auf der Erde gefährlich werden könnten. Derzeit beobachten die Teleskope etwa 500 Asteroiden in der Grössenordnung von Tscheljabinsk.

Thomas Schildknecht vom Astronomischen Institut der Universität Bern nimmt es etwas gelassener. Die Untersuchungen seien wissenschaftlich interessant, dürften aber nicht überbewertet werden, sagt der Astronomie-Professor. Es handle sich schliesslich um ein Einzelereignis. Zudem seien Abschätzungen über die Häufigkeit solcher erdnahen Objekte immer noch unsicher. Dafür brauche es mehr Daten, die seiner Ansicht nach vorhanden wären. Schildknecht glaubt, dass viele Informationen von militärischen Satelliten, die eigentlich für die Beobachtung nuklearer Explosionen oder Raketenstarts eingesetzt werden, gleichzeitig auch Feuerbälle explodierender Asteroiden registrieren.

Erstellt: 06.11.2013, 21:52 Uhr

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