Milliardär macht die Schweiz zu Polarforscher-Nation

Der 65-jährige Wahlschweizer Frederik Paulsen fördert eine einzigartige Expedition in die Antarktis – und will selber dabei sein.

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Er ist charmant, ganz Gentleman, hat etwas Staatsmännisches. Den Abenteurer sieht man dem elegant angezogenen, grauhaarigen Mann auf den ersten Blick nicht an. Vor wenigen Tagen war Frederik Paulsen noch am Nordpol, war mit britischen Freunden in einem Ballon über die Eiswüste gefahren. Nun steht der schwedische Milliardär und Wahlschweizer im warmen Konferenzsaal im Bundesmedienzentrum in Bern und gibt ruhig ein Interview nach dem anderen.

Eben hat Paulsen bekannt gegeben, er finanziere neben dem neuen Schweizer Polarinstitut an der ETH Lausanne eine einzigartige Expedition in die Antarktis im Dienste der Wissenschaft und unter Schweizer Führung. Voraussichtlich ab Dezember werden Polarforscher den antarktischen Kontinent innert dreier Monate auf einem russischen Eisbrecher umrunden. Sie werden dabei in Gebiete vorstossen, von denen es bisher noch keine oder nur wenige Messdaten gibt.

Die Polarregionen sind für Paulsen zur Leidenschaft geworden. Einen «arktischen Enthusiasten» nennt ihn Konrad Steffen, Direktor des Eidgenössischen Forschungsinstituts WSL in Birmensdorf. Der renommierte Schweizer Polarforscher war im Januar 2014 mit Paulsen und einer Delegation von russischen Politikern und Direktoren europäischer Polarinstitute an den Südpol geflogen. «Er hat die Vision, den Menschen die polaren Regionen, die letzten weissen Flecken auf der Landkarte, näherzubringen», sagt Steffen.

Infografik: Die geplante Expeditionsroute Grafik vergrössern

Doch Paulsen will nicht nur viel Geld in Aufklärung und Bildung investieren. Er will selber dabei sein. Er sieht sich als Wissenschaftler, Abenteurer und Philanthropen. Und die Polarregionen bieten für ihn alles. «Die Expeditionen sind physisch anstrengend, die Wissenschaft intellektuell herausfordernd und die logistische Planung enorm», sagt Frederik Paulsen. Man spürt seinen Stolz, dass es zusammen mit dem Know-how und den Kontakten der ETH Lausanne gelungen ist, innert weniger Monate die Antarktis-Expedition zu planen.

Alle acht Pole bereist

Sein Vermögen machte der 65-jährige Abenteurer mit Ferring Pharmaceuticals. Es ist ein Familienunternehmen, 1950 in Malmö von seinem Vater gegründet. Dieser wuchs in Deutschland auf und trat als Student in den 30er-Jahren öffentlich gegen den Nationalsozialismus auf, wofür er im Gefängnis sass. Das bewog Paulsen senior in der Schweiz in ­Medizin zu promovieren und nach Schweden zu emigrieren. Inzwischen ist der Hauptsitz der Biotechnologiefirma im Saint-Prex VD angesiedelt.

Paulsen gilt als erster Mensch, der alle acht Pole bereist hat.

Als Frederik Paulsen als Chemiker und Betriebsökonom das Unternehmen seines Vaters 1988 als CEO übernahm, erwirtschaftete Ferring rund 15 Millionen Franken, im letzten Jahr betrug der Umsatz laut dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» gut 1,5 Milliarden. Rund 5000 Angestellte arbeiten für Ferring weltweit, davon 650 in der Schweiz. Die Bilanz schätzte Paulsens Vermögen 2015 auf 2,75 Milliarden Franken. Damit figuriert er auf der Liste der 300 reichsten Schweizer an 56. Stelle.

Heute ist Paulsen Verwaltungsratspräsident von Ferring, die operative Führung hat er abgegeben. Im Zentrum seines Lebens steht nun das Engagement für die Wissenschaft und seine Abenteuerlust für extreme Expeditionen, die ihn vor bald 18 Jahren gepackt hat. Er gilt als erster Mensch, der alle acht Pole bereist hat. Acht Pole? Ein überraschendes Palmarès. Tatsächlich werden in der Polarforschung auf beiden Hemisphären je vier Polstandorte unterschieden. Seine ungewöhnlichen Expeditionen hat Paulsen jedoch nie mit grossem Brimborium öffentlich gemacht. Paulsen wirkt eher zurückhaltend, will sich in keiner Weise in den Mittelpunkt drängen.

Ihn faszinieren Pioniertaten, die den Menschen wissenschaftlich und gesellschaftlich weiterbringen. In seinem 1995 gegründeten Verlag Editions Paulsen bringt er Bücher heraus, die «Abenteuer und Literatur» verweben sollen. Auch seine Reisen an die Pole sind in einem Buch verewigt. «Er ist sehr belesen und ein scharfsinniger Mensch, der die komplizierten Zusammenhänge der Naturwissenschaften genau kennt und kritisch hinterfragt», sagt WSL-Direktor Konrad Steffen.

Dennoch ist man geneigt, manchmal mehr den Abenteurer in Paulsen zu sehen und weniger den Umweltschützer. So erzählt der Abenteurer von seiner gefährlichsten Expedition: Im August 2007 tauchte er zusammen mit zwei Russen in einem russischen U-Boot des Typs MIR am geografischen Nordpol 4261 Meter tief in den arktischen Ozean. Weltweit machte die Expedition allerdings vor allem aus politischen Gründen Schlagzeilen. Im Untergrund wurde eine russische Flagge fixiert. Die kanadische Regierung verurteilte diese Aktion in aller Schärfe. Die Russen markierten ihr Territorium. In der Polregion erwarten Wissenschaftler riesige Vorräte an Erdöl und Erdgas. Frederik Paulsen hatte mehr als die Hälfte der Kosten für das 2-Millionen-Vorhaben bezahlt. Er erhielt von der russischen Regierung für seine Teilnahme den «Orden der Freundschaft».

Eine zweite Familie

Hatte er selbst keine Skrupel, Hand geboten zu haben für einen weiteren Abbau fossiler, klimaschädlicher Ressourcen? «Das war rein privat finanziert, ich glaube kaum, dass jemand am Nordpol Öl finden will», rechtfertigt er sich. Er würde allerdings einen Arktisvertrag gutheissen, der die Exploration verbiete, fügt er hinzu. Drei- bis viermal pro Jahr geht er auf Expeditionen. Und wenn er nicht das Extreme sucht, so hilft er Bhutan, die reiche Textilkultur zu erhalten. Oder er investiert ins Geschäft mit sibirischem Wodka oder georgischem Wein. Paulsen ist ein Tausendsassa.

Auch in der Liebe ging er neue Wege: Vor wenigen Jahren hat der dreifache Vater nochmals eine Familie gegründet, mit Olga, einer jungen Ukrainerin, die in Russland Ökonomie studierte. Sie gebar ihm einen Sohn und eine Tochter, die heute fünf und zwei Jahre alt sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2016, 23:46 Uhr

Antarktis-Expedition

«Es ist Zeit, dass die Schweiz ein Polarinstitut erhält», sagt der schwedische Mäzen und Pharma-Unternehmer Frederik Paulsen. Selbst Singapur und China hätten eine solche Institution. Manche mögen sich wohl fragen, warum ausgerechnet das Binnenland Schweiz in die Polarforschung investieren soll. Für Detlef Günther, Vizepräsident der ETH Zürich, ist es wissenschaftlich nur logisch: «Wir haben in der Schweiz viele individuelle Forschungsgruppen, die Polarforschung betreiben, mit dem ­Institut lässt sich die Wissenschaft effi­zienter koordinieren.»

22 Forschungsprojekte

Den Praxistest wird das neu gegründete Schweizer Polarinstitut (SPI), das an der ETH Lausanne ansässig ist, bereits Ende Jahr machen können. Dann startet die ehrgeizige Umrundung der Antarktis während dreier Monate. Mehr als 50 Forschende aus 30 Ländern werden daran beteiligt sein. 22 Forschungsprojekte – von Teams unter anderem aus der Schweiz, Grossbritannien, Frankreich und Australien – wurden aus über 100 Eingaben dafür ausgewählt. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie Plankton im Südpolarmeer zusammengesetzt ist. Die Mikroorganismen nehmen das Treibhausgas CO2 aus der Atmosphäre auf und spielen deshalb eine wichtige Rolle beim Klimawandel. Geplant sind weiter Untersuchungen bedrohter Tierarten. Oder wie stark die Gewässer um die Antarktis durch Mikroplastik verschmutzt sind. Ein Thema ist auch, wie Wellen die Küsten formen.

Die Expedition soll weitere zuverlässige Daten liefern, um die Auswirkungen des Klimawandels besser verstehen zu können. Die Folgen der Erderwärmung sind laut Klimaforscher in den Polar­regionen bereits sichtbar. «Sie gehören zu den sensibelsten Regionen der Welt», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Seit 1960 ist die Eisausdehnung in der Arktis im September um 40 Prozent geschrumpft. Noch nie war es am Nordpol so warm wie im vergangenen Winter. In den nächsten 40 Jahren wird die arktische Region vermutlich eisfrei sein, wenn nicht drastische Massnahmen ergriffen werden. Das Schweizerische Polarinstitut will in Zukunft die Polar­forschung auf beide Pole ausdehnen.

Finanzierung zehn Jahre gesichert

Zudem erhoffen sich Schweizer Klimaforscher, mithilfe des Instituts verstärkt internationale Unterstützung zu erhalten. «Wir sind dann auf gleicher Augenhöhe mit der internationalen Forschergemeinschaft», sagt Thomas Stocker. Die Berner Klimaforscher planen ein ehrgeiziges Projekt in der Antarktis. Sie wollen ihren Eisbohrkern-Weltrekord, nämlich die CO2-Messreihe über 800'000 Jahre, deutlich verbessern. Mithilfe neuer Bohrungen wollen sie das Klima der letzten 1,5 Millionen Jahre rekonstruieren.

Für die nächsten zehn Jahre ist die Finanzierung des Schweizerischen Polarinstituts dank der Unterstützung des Milliardärs und Unternehmers Frederik Paulsen gesichert. Er wird 7 bis 10 Millionen investieren für die Professur. Die Partnerinstitutionen, die ETH Lausanne und Zürich, das Eidg. Forschungsinstitut WSL in Birmensdorf und die Universität Bern werden jedes Jahr 100'000 bis 200'000 Franken beisteuern. (lae)

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