Mission Mittelmoräne

Seit Jahren versucht der Berner Wissenschaftler Gerhart Wagner sein Mittelmoränenmodell zu etablieren – bisher vergeblich. Nun hat der 94-Jährige seine Theorie in einem Buch zusammengefasst.

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Gäbe es den Wettbewerb «Schweizer ­Senioren forschen», hätte Gerhart Wagner bestimmt schon einen halben Trophäenschrank mit Preisen gefüllt. Seit seiner Pensionierung vor bald 30 Jahren hat der ehemalige Rektor des Berner Neufeldgymnasiums unaufhörlich weitergearbeitet. Bekannt geworden ist er vor allem durch den Pflanzenklassiker «Flora Helvetica», den er mit Konrad Lauber im Hauptverlag herausgebracht hat. Die Botanik ist aber bloss eines der Interessengebiete des Doktors der Zoologie. 1996 hatte ihm die Uni Bern die Ehrendoktorwürde verliehen, weil er «wesentliche Beiträge zur Botanik, Zoologie und Geologie» geleistet hatte. Ja, die Geologie: Die hat es ihm besonders angetan. Und nun hat der 94-Jährige ein Buch veröffentlicht, das er als sein Vermächtnis bezeichnet. «Mittelmoränen – Heute und in der Eiszeit» lautet der ­Titel. Darin ist seine Theorie zusammengefasst, die aus seiner Sicht bisher nicht die nötige Anerkennung gefunden hat.

Ausgehend von ersten Untersuchungen im Worblental bei Bern, war Wagner zur Erkenntnis gelangt, Mittelmoränen würden «masslos unterschätzt». Er sagt, einzelne frühe Autoren hätten sie zwar als geländebildende Faktoren beschrieben, danach seien sie aber praktisch in Vergessenheit geraten. Dafür wurde die Grundmoräne zur «Mutter der Gletschersedimente» erklärt. Eine Mittelmoräne entsteht dort, wo zwei Gletscher zusammenfliessen – sofern sie Seitenmoränen haben. Solche bilden sich, wenn Gletscher von Bergen überragt werden, von denen Geröll aufs Eis hinabstürzt.

Der Zorn der Geologen

Wagner betrachtet Mittelmoränen als Schuttförderbänder: Während eines Stadiums, wenn eine Gletscherzunge längere Zeit an Ort bleibt, bilde der von ihnen herangeführte Schutt sichtbare Formen. In 100 Jahren häufe sich auf diese Weise am Rand oder am Ende eines Gletschers der gesamte Schutt von fünf Kilometern Mittelmoräne auf. Ermutigt durch das Lob, das er für seine ersten geologischen Arbeiten noch erhalten hatte, blickte Wagner über das Worblental hinaus und erschrak selber, wie er sagt, über die immer grössere Zahl analoger Entdeckungen. Befeuert wurde sein Eifer durch den emeritierten ETH-Geologieprofessor René Hantke. Dieser gestand ihm eine Entdeckung zu. Es sei klar Wagners Idee gewesen, sagt dieser, Mittelmoränen als «potente Schuttzubringer» zu interpretieren.

Die beiden spannten immer öfter zusammen, und weil sie Mittelmoränen als landschaftsbildend verstanden, lieferten sie neue Erklärungen für die Entstehung hoch gelegener Schotterflächen. Oder stellten fest, Drumlins, die rundlichen Hügel, seien nicht ausschliesslich unter Gletschern entstanden, sondern bestünden vielfach aus Material, das zuvor von Mittelmoränen abgelagert und danach vom Gletscher nochmals überfahren wurde. Und da Wagner und Hantke überdies postulierten, Gletscher würden gar nicht so stark in die Tiefe erodieren, wie das angenommen werde, rüttelten sie endgültig an theoretischen Grundpfeilern der Quartärgeologie.

Das war zu viel. Im Jahr 2003 verfassten acht Schweizer Quartärgeologen eine vernichtende Replik auf eine von Wagners Veröffentlichungen. Er bringe Begriffe durcheinander, argumentiere ausschliesslich und einseitig, operiere fast durchwegs nur mit Behauptungen und berücksichtige die neusten Forschungen nicht. Mehr oder weniger unverblümt liessen sie ihn wissen, er wäre besser bei seinen Blumen geblieben.

Wagner war am Boden zerstört. Er rappelte sich aber wieder auf und forschte weiter. Seither hatte er jedoch Mühe, seine Arbeiten in Fachzeitschriften unterzubringen. Deshalb auch war es ihm wichtig, das Buch zu schreiben – wobei er inzwischen schon wieder einen Dämpfer verkraften musste.

Auf seinen Wunsch hin ist das Werk in den Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft Bern besprochen worden. Redaktor Thomas Burri, selber Geologe, lobt Wagner zwar für sein unermüdliches Schaffen, seine Eloquenz und sein wissenschaftliches Feuer, letztlich aber bleibt seine Kritik vernichtend – ein Tiefschlag mit Samthandschuhen. Wagner stelle seine allein auf dem Erscheinungsbild der Ablagerungen beruhende Arbeitsweise über jene der modernen Geologen, schreibt Burri. Auf Ablagerungsprozesse zu schliessen, ohne den Gesteinsinhalt zu studieren, sei «im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlich». Vor allem lasse sich die Bildung von Mittelmoränenablagerungen heute nirgends beobachten. Während Gletscherstadien entstünden vorab Endmoränenwälle. Zudem werde Moränenmaterial nicht nur auf der Eismasse transportiert, sondern finde sich überall darin, insbesondere nahe der Basis. Und beim Abschmelzen des Eises werde dieses Material nicht punktuell, sondern linear oder flächenhaft abgelagert. Der von Wagner propagierte Normalfall, von Mittelmoränen angehäufte Hügel, ist laut Burri höchstens ein Ausnahmefall, «sofern er überhaupt existiert».

Schönes Buch, klare Sprache

Was also bietet das Buch noch, wenn die ihm zugrundeliegende Theorie von Fachleuten gnadenlos zerpflückt wird? Zunächst ist es ein schönes Buch mit zahlreichen Bildern, Kartenausschnitten und grafischen Darstellungen. Und vielleicht das Wichtigste – unabhängig ­aller Theorien: Wagner liefert nicht nur eine in bemerkenswert klarer Sprache verfasste Gletscherkunde, er ermöglicht es seinen Leserinnen und Lesern, ihre Umgebung mit anderen Augen zu betrachten – und zu erkennen, welch unerhörte Dinge sich da, wo sie wohnen, vor unendlich langer Zeit abgespielt haben.

Wagner weist auf eiszeitliche Ablagerungen hin, die es ihm erlauben, seine Theorie zu veranschaulichen. Dabei ist er fast überall fündig geworden – nicht nur im Raum Bern: im Wallis (z. B. im Aletschgebiet und im Vorfeld des Zmuttgletschers), am Genfersee (z. B. im Seebecken und bei St-Prex), im Kanton Zürich (z. B. die Drumlins im oberen Glattal) oder sogar im Ausland (z. B. in Nord­italien bei Ivrea). Selbstverständlich betrachtet er alles aus seiner Optik. Erhebungen in der Stadt Zürich, etwa Katz und Lindenhof, die als Überreste einst durchgehender Wälle interpretiert werden, sind aus seiner Sicht separate Aufschüttungen – von Mittelmoränen.

Abgesehen davon, ob Mittelmoränen ihren Schutt tatsächlich derart punktuell ablagern können, wie Wagner das vermutet, bleibt für Laien am Schluss wahrscheinlich eine Frage offen: Werden Mittelmoränen als Schutttransporteure tatsächlich unterschätzt? Für Flavio Anselmetti, neuer Professor für Quartärgeologie und Paläoklimatologie in Bern, sind die Prozesse im Umfeld von Gletschern «äusserst komplex». Er habe deshalb etwas Mühe damit, wenn jemand mit einer Einzeltheorie alles erklären wolle. Es gebe Gletscher, die viel Material oben und solche, die viel Material unten transportierten. «Eine generelle quantitative Lehrmeinung gibt es nicht, und gute Lehrbücher differenzieren.» Seiner Ansicht nach sei dem Einfluss des Schutttransports auf der Oberfläche im Allgemeinen aber «sicher eine geringere Bedeutung» beizumessen als dem Transport am Grund und im Innern des Gletschers. Seine grösste Differenz zu Wagner und Hantke bestehe aber im Konzept der glazialen Tiefenerosion, welches von den beiden weitgehend abgelehnt wird.

Anselmetti und auch Burri verweisen auf Artikel der internationalen Forschergemeinde. Darin finden sich in der Tat Aussagen, die dem Schutttransport innerhalb des Gletschers und an seinem Grund eine wichtige, meist dominante Stellung einräumen. Wagner, der die neuste Literatur kennt, lässt sich dadurch nicht verunsichern. Die meisten dieser Resultate beträfen arktische Gletscher, die wenig bis keine Mittelmoränen aufweisen, für alpine Gletscher seien sie nicht relevant, sagt er lapidar. Und: Auch Burris Rezension könne seinem Modell nichts anhaben, er wische ja nicht Befunde vom Tisch, sondern nur Theorien. Und es klingt, als würde er sich fragen, warum es ausser Hantke und ihm niemand begreifen wolle, als er ein letztes Mal auf die «simple Tatsache des Normalfalls» hinweist: den Schutttransport auf der Oberfläche, «die aller­einfachste, sichtbarste und wirksamste Transportart bei alpinen Gletschern». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 17:46 Uhr

Mittelmoränen – Heute und in der Eiszeit,
Gerhart Wagner, Hauptverlag, 49 Fr.

Gerhart Wagner, Berner Wissenschaftler.
Bild: Valérie Chételat

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