Mit Viren und Wespen den Wein retten

Die Kirschessigfliege verdirbt die Ernten von Beeren, Steinobst und Trauben. Forscher suchen nach Methoden zur Bekämpfung des Schädlings. Winzer und Früchteproduzenten hoffen derweil auf einen kalten Winter.

Die Weinessigfliege bevorzugt frühreife, dunkelhäutige Trauben, in die Weibchen seine Eier legt. Foto: Fredrik von Erichsen (Keystone)

Die Weinessigfliege bevorzugt frühreife, dunkelhäutige Trauben, in die Weibchen seine Eier legt. Foto: Fredrik von Erichsen (Keystone)

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Sie ist zwar höchstens fünf Millimeter kurz, trotzdem verursacht die Kirsch­essigfliege grosse landwirtschaftliche Schäden. Das Weibchen hat einen sägenden Stachel und legt damit ein bis drei Eier in gesunde, dünnhäutige Früchte. Daraus schlüpfen weisse Maden, die bereits nach zwei Tagen gierig das Fruchtfleisch fressen. Betroffen sind vor allem Kirschen, Himbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren, Zwetschgen, Pflaumen und dieses Jahr neu auch Trauben.

Der Schädling vermehrt sich rasend schnell, sodass in kurzer Zeit ein Teil der Ernte unbrauchbar wird. Ein Weibchen allein deponiert während seiner Lebenszeit insgesamt etwa 400 Eier. Die Trauben fallen ein, beginnen vorzeitig zu gären und schmecken nach Essig. Das bedeutet für Weinfreunde einen sensorischen GAU und für die Produzenten ein finanzielles Fiasko. Die Kirschessigfliege stammt aus Ostasien, wie der lateinische Namen Drosophila suzukii richtigerweise vermuten lässt. 2009 wies man sie zum ersten Mal in Europa nach, zwei Jahre später tauchte sie auch in der Schweiz auf, wahrscheinlich via Import von Früchten.

Noch im Frühsommer gingen die Winzer hierzulande von einer besonders reichen Lese aus. Doch es kam anders. Aufgrund des milden Winters und des nassen Sommers konnte sich der importierte Schädling ab Mitte August überaus intensiv vermehren. Gemäss ersten Schätzungen wurden landesweit zwischen 10 und 15 Prozent des Traubenguts befallen. Das hatte vielfach einen doppelt so hohen Arbeitsaufwand als üblich zur Folge, da die verdorbenen Beeren aussortiert werden mussten. Die Schäden variieren jedoch stark von Region zu Region, vor allem aber unter den Rebsorten. Frühreife, dunkelhäutige Trauben mit weicher Schale waren begehrte Angriffsziele. So wurden einzelne Rebflächen mit Cabernet Dorsa, einer Kreuzung der Sorten Blaufränkisch und Dornfelder, im Schaffhauser Weingebiet sogar zu 100 Prozent befallen.

Insektizide ausverkauft

«Wir wurden echt überrascht», sagt Kaspar Wetli, Präsident des Branchenverbands Deutschschweizer Weine und Geschäftsführer eines Winzerunternehmens im Sankt Galler Rheintal. Bisher sei die Kirschessigfliege im Weinbau nicht von Belang gewesen. Die Winzer reagierten denn auch vorerst zögerlich, dann plötzlich überhastet. In vielen Betrieben kamen Insektizide zum Einsatz. Die zwei offiziell und auch im Biolandlandbau erlaubten Pflanzenschutzmittel mit Pyrethrinen und Spinosad als Wirkstoff waren wegen der hohen Nachfrage innert kurzer Zeit ausverkauft. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erteilte daraufhin die Sonderbewilligung für zwei weitere Produkte. Sie sind im Rebbau nicht erprobt, werden aber als unbedenklich eingestuft. Auch diese Mittel waren bald nicht mehr verfügbar.

Drosophila suzukii befällt gesunde Früchte vorzugsweise kurz vor der Reife. Weil aber wegen der erforderlichen Wartefristen unmittelbar vor der Ernte kein Insektizid mehr eingesetzt werden darf, sind vorbeugende Massnahmen entscheidend. «Wer diese Prophylaxe seriös durchführte, hatte weniger Probleme», sagt der Entomologe Patrik Kehrli, Spezialist für Insektenschädlinge am eidgenössischen landwirtschaftlichen Forschungsinstitut Agroscope in Changins VD. Zur Vorsorge zählt hauptsächlich das Entlauben der Traubenzonen, weil die Kirschessigfliege gerne im Schatten verweilt. Wichtig ist auch das frühzeitige Entfernen befallener Früchte aus dem Rebberg.

Bekämpfung mit Mikroben

Derzeit trägt Kehrli mit seinem Team die Erfahrungen von 2014 zusammen. Anfang nächstes Jahr sollen die Schweizer Winzer fundierte Empfehlungen erhalten, welche die Risiken und Massnahmen gesondert für bestimmte Regionen, Reblagen und Traubensorten aufführen. In den nächsten Jahren will Agroscope weitere Massnahmen prüfen, etwa ob engmaschige Netze auch im Weinbau die Abwehr des Schädlings gewährleisten können.

In Diskussion ist auch der Einsatz von Kleinstlebewesen wie Bakterien, Viren oder gewisse Pilzarten. «Selbstverständlich müssen solche zur Bekämpfung eingesetzten Mikroorganismen für den Menschen unbedenklich sein», sagt Patrik Kehrli. Im Auge hat der Agroscope-Forscher auch den Massenfang mit Fallen, welche die exotischen Fliegen mit einer attraktiven Köderflüssigkeit anlocken. In einer Essiglösung, verfeinert mit Rotwein und Beerensaft, sollen die winzigen Schädlinge ertränkt werden.

Die Wissenschaft hat Mitte September bundespolitische Unterstützung bekommen. Bruno Pezzatti, FDP-Nationalrat und Vorstandsmitglied des Schweizer Obstverbands, fordert den Bundesrat in einer Motion auf, künftig die Forschung und Beratung im Bereich der Kirsch­essigfliege deutlich auszubauen. Damit sollen «gegen diesen Schadorganismus innert nützlicher Frist nachhaltige Bekämpfungsstrategien entwickelt und in der landwirtschaftlichen Praxis verankert werden können».

Gemäss Pezzatti sei eine Mittelaufstockung beim BLW von 2,5 Millionen Franken über fünf Jahre nötig. Der Zuger FDP-Nationalrat begründet seinen Vorstoss mit den beträchtlichen ökonomischen Schäden, die das kleine Insekt dieses Jahr angerichtet habe. Die bisher verfügbaren Massnahmen hätten sich als nicht nachhaltig erwiesen.

Für die ferne Zukunft forscht die Biologin Jana Collatz von der Gruppe Bio­sicherheit bei Agroscope Reckenholz in Zürich. «Die Resultate sind kaum vor fünf Jahren zu erwarten», sagt die ETH-Dozentin. Mit ihrer Forschung will sie die Grundlage für eine ganzheitliche Abwehrstrategie gegen die Kirschessigfliege entwickeln, die ohne chemischen Rückstände auskommt und keine andern negativen Auswirkungen auf die Biosphäre und den Menschen zeigt.

Wein aus befallenen Trauben

«Wir möchten auf den Schädling einen natürlichen Gegenspieler ansetzen», sagt Collatz und denkt dabei an die Schlupfwespe. Diese Wespen bohren die Larve des Schädlings an, lähmen ihn und legen dort ihre Eier ab. Nach dem Schlupf ernährt sich die Wespenlarve von derjenigen des Schädlings, wodurch dieser ausgeschaltet wird. Doch welche der zahlreichen einheimischen Schlupfwespen­arten ist für eine solch tödliche Attacke gegen Kirschessigfliegen geeignet? Die Untersuchungen dazu sind langwierig, gilt es doch, neben der Wirksamkeit auch die mögliche Gefährdung der biologischen Vielfalt in zahlreichen Versuchen zu testen. Das durch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) finanzierte Projekt soll Ergebnisse liefern, die eine dauerhafte Bekämpfung der Kirschessigfliege und weiterer Schädlinge versprechen.

Ob die Kirschessigfliege den nächsten Schweizer Winter überstehen wird, hängt von den Temperaturen ab. Die Meteorologen sagen zwar eine sibirische Kälte voraus, welche die Population stark vermindern würde. Doch ebenso könnten sich wiederholt milde Wintermonate einstellen. Die Schädlinge würden dabei vermehrt überleben und nächstes Jahr vermutlich noch grössere Schäden anrichten. Bereits testet die GVS, eine grössere Kellerei in Schaffhausen, die Weinbereitung aus teilweise befallenen roten Trauben. 1200 Kilogramm davon wurden herkömmlich durch Maischegärung verarbeitet. Noch ist der Saft kein Wein, doch GVS-Geschäftsführer Pedro Nett wagt bereits eine Prognose: «Wir sind eher pessimistisch und erwarten einen Essigstich.»

Erstellt: 03.11.2014, 18:54 Uhr

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