«Nur so viel Antibiotika wie nötig»

Für Delfinspezialistin Katrin Baumgartner bleibt der Tod der Conny-Land-Delfine auch nach dem Gutachten rätselhaft. Sie kann sich nicht vorstellen, wie Antibiotika das Hirn schädigen können.

«Auf Kommando pinkeln Delfine sogar, damit man ihnen Urin für eine Untersuchung im Labor abnehmen kann»: Delfin im Conny-Land während einer Show.

«Auf Kommando pinkeln Delfine sogar, damit man ihnen Urin für eine Untersuchung im Labor abnehmen kann»: Delfin im Conny-Land während einer Show. Bild: Keystone

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Im vergangenen November starben innerhalb einer Woche im Freizeitpark Conny-Land der 8-jährige Delfin Shadow, der aus eigener Zucht stammte, und der etwa 30-jährige Chelmers, der ein Wildfang war und 1987 aus Florida importiert wurde. Am Montag gab die Staatsanwaltschaft Thurgau bekannt, dass laut einem Gutachten vom Institut für Veterinärpathologie der Universität Zürich die beiden Delfine an Gehirnschädigungen gestorben waren, ausgelöst durch ein Antibiotikum. Der obduzierende Zürcher Tierarzt darf nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft keine Auskunft geben.

Frau Baumgartner, wie kann ein Antibiotikum einen Hirnschaden auslösen?
Ich weiss nicht, welches Antibiotikum zum Einsatz gekommen sein könnte, sodass ein pathologischer Hirnschaden entstanden ist. Denn normalerweise können diese Medikamente die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden und somit auch keine Schäden im Hirn anrichten. Das ist beim Menschen sehr ähnlich. Da ich den pathologischen Befund jedoch nicht gesehen habe und auch die verstorbenen Tiere nicht kenne, kann ich zu dem Vorfall nichts Genaueres sagen.

Bekommen Delfine im Zoo häufig Antibiotika?
Nicht häufiger als andere Tiere im Zoo. Sie erhalten es nur bei Bedarf und dann so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Zum Beispiel hatte einer von meinen Delfinen eine Bronchitis. Ich habe ihm nicht nur Antibiotika, sondern auch Pilzmittel verabreicht. Danach ging es ihm wieder besser, und er hat sich erholt. Zuvor muss man Blut abnehmen sowie einen Abstrich am Blasloch machen, um zu bestimmen, welches Antibiotikum auf den Keim reagiert.

Lässt sich ein Delfin eine medizinische Untersuchung so ohne weiteres gefallen
Delfine sind die am besten untersuchten Tiere im Zoo. Sie sind auf solche Situationen sehr gut vorbereitet und haben es geübt. Deshalb lassen sie sich auch freiwillig untersuchen. Egal, ob Ultraschall oder Röntgenaufnahme. Auf Kommando pinkeln sie sogar, damit man ihnen Urin für eine Untersuchung im Labor abnehmen kann.

Geht das bei anderen Tieren auch?
Inzwischen haben wir durch die Delfine gelernt, dass wir es auch mit anderen Tieren so machen können. Ich kann einem Nashorn ohne Narkose Blut abnehmen, einer Giraffe die Klauen schneiden oder einem verrotzten Pinguin einen Rachenabstrich machen. Das ist grossartig und viel besser für die Gesundheit der Tiere.

Werden die Tiere nach einem Gesundheitscheck mit Futter belohnt?
Das muss nicht unbedingt sein. Zum Beispiel atmet ein hustender Delfin auf Kommando über ein Zeichen aus dem Blasloch aus, damit in der darübergehaltenen Petrischale eine Probe aufgefangen werden kann, um mögliche Krankheitserreger zu bestimmen. Wir haben danach in die Hände geklatscht und den typischen Pfiff zur Verstärkung des positiven Verhaltens ertönen lassen. Das reicht ihm als Belohnung. Manchmal kriegen die Grossen Tümmler aber auch Fisch. Eine Giraffe findet dagegen Knäckebrot oder eine kleine Massage sehr angenehm. Jedes Tier braucht andere Zuwendung.

Delfinarien werden immer wieder von Tierschützern kritisiert, unter anderem auch wegen des gechlorten Wassers. Wie schlimm ist dies für die Tiere?
In Nürnberg hatten wir früher Chlorwasser und jetzt eine moderne Desinfektionsanlage mit Ozon und Eiweissabschäumern. Bisher habe ich noch keinen Unterschied bei den Tieren festgestellt. Doch Delfinarien und der Zoo sind ein sehr emotionales Thema. Ich habe deshalb extra noch meinen Fachtierarzt in Tierschutz gemacht, um zu zeigen, wie wichtig dies für uns ist.

Sind Delfine in Gefangenschaft aggressiv?
In freier Wildbahn sind Delfine auch nicht so freundlich, wie man denkt. Es sind Raubtiere, die sich gegenseitig Verletzungen zufügen, viele von ihnen haben Kieferbrüche. Es ist Wahnsinn, was sich da draussen alles abspielt.

Einer der beiden Tierärzte, der die Delfine behandelt hat, war durchs Fernsehen bekannt. Ist er seriös?
Selbstverständlich. Ich kenne Manuel Garcia Hartmann wie auch alle anderen Zootierärzte sehr gut. Wir sind eine kleine Gemeinschaft. Wir machen unseren Job aus Leidenschaft und leben für die Tiere. Ich habe schlaflose Nächte, wenn ein Tier ernsthaft krank ist. Wir machen alles nach bestem Wissen und Gewissen. Natürlich können dabei auch mal Fehler passieren. Das ist normal, aber sicher nicht mit Absicht.

Haben Sie auch schon bei Tiersendungen mitgemacht?
Ja, bei einer Serie im ZDF. Einerseits ist dies ganz interessant. Anderseits ist es nicht immer angenehm, im Rampenlicht zu stehen. So klopfte mir vor kurzem eine unbekannte Frau im Supermarkt auf den Rücken und fragte mich, wie es dem Schaf gehe. Ich wusste erst gar nicht, was sie meinte. Das Tier war vor einem Jahr krank und kam in einer Sendung. Ich bin froh, dass ich kein Promi bin und nicht häufiger solche Situationen im Alltag habe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2012, 08:03 Uhr

Katrin Baumgartner: Seit 1996 arbeitet die Fachtierärztin für Zoo- und Wildtiere im Tiergarten Nürnberg, der ein Delfinarium mit sechs Grossen Tümmlern hat. (Bild: PD)

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