Hintergrund

Palmöl im Biodiesel gefährdet Regenwälder und Klima

In Biotreibstoffen wird immer häufiger billiges Palmöl aus den Tropen verwendet. Steigt der Verbrauch wie bisher, wird die weitere Abholzung von Regenwäldern in Kauf genommen.

Abholzung: Der Regenwald wird immer weiter zurückgedrängt.

Abholzung: Der Regenwald wird immer weiter zurückgedrängt. Bild: Dita Alangkara /Keystone

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Erst wurde Biodiesel aus Palmöl vor allem in Blockheizkraftwerken verbrannt. Seit die Industrie das Pflanzenöl besser raffinieren kann, wird Palmöl in Europa auch beim Treibstoff für Fahrzeuge immer beliebter. Die Biotreibstoff-Industrie hat im Zeitraum zwischen 2006 und 2012 in der EU den Einsatz von Palmöl um 365 Prozent gesteigert, wie eine eben veröffentlichte Studie des kanadischen Umweltforschungsinstituts IISD (International Institute for Sustainable Development) zeigt.

Noch ist der Anteil an Palmöl am Biodiesel relativ klein, der Hauptrohstoff in der EU ist Rapsöl. Doch das könnte sich ändern. Die Nachfrage nach Palmöl hat stark zugenommen: Sein Anteil am Rohstoffmix für Biodiesel stieg im Untersuchungszeitraum von 8 auf 20 Prozent. Das habe primär mit der Zunahme der Biodiesel-Produktion zu tun, die durch entsprechende Anreize von verschiedenen Staaten gefördert werde, schreiben die IISD-Autoren.

Wesentlich billiger als Raps

«Biodiesel aus Palmöl wird noch attraktiver werden», sagt Andreas Pastowski vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Der Grund: Die Produktion des Pflanzenöls aus der Ölpalme in Südostasien ist deutlich billiger als Rapsöl von EU-Staaten oder brasilianisches Sojaöl. Im Juli kostete eine Tonne Palmöl gegenüber Raps 27 Euro-Cent weniger. Zudem bringen Palmölplantagen laut der UNO-Ernährungsorganisation FAO pro Hektar fünf- bis zehnmal mehr Öl als Rapsfelder hervor. Kommt noch hinzu, dass Ölpalmen vorwiegend in tropischen Regionen wachsen und die Ernte entsprechend unabhängig von wechselnden Klimabedingungen ist.

Ginge es nach den Umweltorganisationen, so müsste der Import von Palmöl generell verboten werden. Das weltweit wichtigste Pflanzenöl findet sich in einer grossen Palette von Industrieprodukten, in Fertigsuppen über Frittierfett bis zu Lippenstift und Waschpulver. Um die steigende Nachfrage zu decken, wird für den Bau von Palmölplantagen vielfach tropischer Regenwald geopfert. Gut 85 Prozent der Jahresproduktion stammt aus Indonesien und Malaysia. Im indonesischen Kalimantan wachsen heute auf weiten Flächen Ölpalmen, wo früher Wald stand. Solche Landveränderungen schlagen auch in der Treibhausgas-Bilanz zu Buche: Ölpalmen speichern bedeutend weniger Kohlendioxid. Das Treibhausgas bleibt dabei in der Atmosphäre zurück, was den globalen Anstrengungen entgegenwirkt, CO2-Emissionen zu reduzieren.



Die EU hat zwar seit dem letzten Jahr ein Zertifizierungssystem für nachhaltig erzeugtes Palmöl zugelassen. Für Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace sind die Kriterien darin aber zu schwach. Die Abholzung von Regenwald werde nicht generell untersagt, sondern lediglich in Gebieten mit hoher ökologischer und kultureller Bedeutung, heisst es bei Greenpeace. Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Wegen der steigenden Nachfrage nach zertifiziertem Palmöl für Biodiesel fehlt nachhaltig produziertes Palmöl in anderen Produktionszweigen, wo es keine Öko-Regelungen gibt. Das fördert die Produktion aus Plantagen ohne Umweltauflagen. Die EU drückt zudem ein Auge zu, wenn es um die sogenannte indirekte Landnutzungsänderung, den Iluc-Faktor geht. Damit ist der negative Effekt gemeint, wenn Ackerland für die Herstellung von Energiepflanzen weichen muss und als Kompensation etwa Wald gerodet oder Sumpfgebiete trockengelegt werden.

Das wird sich nun möglicherweise ändern. Geht es nach dem Europäischen Parlament, soll in Zukunft bei der Berechnung der Emissionsbilanz für Agrotreibstoffe wie Biodiesel auch diese indirekte Landnutzungsänderung berücksichtigt werden, obwohl es wissenschaftlich heikel ist, den Effekt genau zu bestimmen.

Alternative Biotreibstoffe

Zudem hat das EU-Parlament beschlossen, dass bis 2020 nur maximal 6 Prozent der erneuerbaren Energie bei Treibstoffen von Agrokraftstoffen stammen dürfen, die aus Nahrungspflanzen wie Raps und Palmöl produziert werden. Die EU will bis zu diesem Datum einen Anteil von 10 Prozent an erneuerbaren Energieträgern beim Treibstoff erreichen. Bisher galten Biotreibstoffe wie Biodiesel aus Rapsöl und Bioethanol aus Zuckerrüben und Getreide als Benzinzusatz als wichtigster Beitrag dazu. Nun sollen Anreize geschaffen werden, um Optionen wie Biotreibstoffe aus landwirtschaftlichen Abfällen oder Elektrizität zu fördern.

Allerdings müssen die Richtlinien erst noch vom Ministerrat der 28 EU-Staaten abgesegnet werden. Die 6-Prozent-Regel ist laut dem Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft inakzeptabel, weil dadurch die einheimischen Bauern und Produzenten von Energiepflanzen bestraft würden. Allerdings wird es für die europäischen Raps-Bauern laut IISD ohnehin immer schwieriger, gegenüber dem billigen Import-Palmöl konkurrenzfähig zu bleiben. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass sich ein weiterer Anstieg des Palmölkonsums in der EU nur vermeiden lässt, wenn die Biodieselproduktion nicht mehr weiter zunimmt. Sonst werde dies zu einem weiteren Verlust an Regenwäldern und einem Anstieg von Treibhausgasen führen.

Erstellt: 18.09.2013, 18:17 Uhr

Biodiesel in der Schweiz
Vor allem aus Altspeiseöl

Die Einfuhr von Biodiesel aus Palmöl ist in der Schweiz nach den Anforderungen der Treibstoff-Ökobilanzverordnung praktisch nicht möglich. Wer in der Schweiz Biodiesel herstellt, verwendet Abfall- und Reststoffe wie Altspeiseöle und tierische Fette. Diese werden vorwiegend importiert. Der Anteil von Biodiesel am gesamten Treibstoffkonsum ist aber marginal.

Laut CO2-Verordnung müssen aber Anbieter von fossilen Treibstoffen ein Prozent der bei der Verbrennung entstehenden CO2-Emissionen im Inland kompensieren. Das ist laut dem Verband der Schweizerischen Biotreibstoffindustrie nur durch den Einsatz von Agrartreibstoffen zu erreichen. Bisher wurden zusätzliche Aufwendungen bei Agrartreibstoffen über die Stiftung Klimarappen abgegolten. Dies sei mit der neuen CO2-Verordnung weggefallen, sagt Ulrich Frei, der Geschäftsführer des Verbandes. Der Verband kämpft nun um neue Abgeltungsregelungen. Setzt man auf Biodiesel, so gibt es laut Frei in Europa ein genügend grosses Angebot, das auf Altspeiseöl basiert. (ml)

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