Pflanzen haben ein Grundrecht auf die eigene Fortpflanzung

Die eidgenössische Ethikkommission hat Pflanzen eine Würde zugesprochen. Jetzt stellen Botaniker die Rechte von Pflanzen zur Debatte.

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Darf man noch mit gutem Gewissen Salat essen und den Rasen mähen? So fragten polemische Kritiker nach der Publikation des Berichts der eidgenössischen Ethikkommission für den Ausserhumanbereich (EKAH) zur Würde der Pflanzen in diesem Frühjahr. Für die Kritiker war es eine Provokation, dass das Bundes-Fachgremium Pflanzen eine Würde zugesteht.

Dabei hatte die Kommission klargestellt, dass mit der Anerkennung eines Eigenwerts von Pflanzen als unsere Mit-Lebewesen ihre Nutzung nicht zwangsläufig eingeschränkt oder gar verhindert wird. Vielmehr gehe es darum, beim Umgang mit Pflanzen wie bei der Nutzung von Tieren eine Güterabwägung vorzunehmen.

Pflanzen grundlos zu zerstören, sei unstatthaft, Pflanzen zu ernten und zu essen, hingegen moralisch in Ordnung. Wo allfällige Grenzen der Pflanzennutzung sind, beantwortete die Kommission jedoch nicht.

Die Grundrechte von Pflanzen

Das versuchen jetzt eine Reihe von Pflanzenwissenschaftlern, Biologen, Philosophen, Gartenbaufachleuten und Landwirten. In ihren «Rheinauer Thesen» versuchen sie, so etwas wie Grundrechte von Pflanzen festzuschreiben. Zu diesen «Anspruchsrechten», so ihr Terminus, gehört das Recht auf die eigene Fortpflanzung, das Recht auf Eigenständigkeit, auf Evolution, auf das Überleben der eigenen Art, auf respektvolle Forschung und Entwicklung und das Recht, nicht patentiert zu werden.

«Pflanzen, Tiere und Menschen haben die gleichen Wurzeln: Die fast drei Milliarden Jahre dauernde Evolution von einzelligen Lebewesen zu einer einzigartigen Vielfalt von Lebensformen», sagt Florianne Koechlin, bekannte Gentech-Kritikerin, Mitglied der eidgenössischen Ethikkommission und eine der Initiantinnen der «Rheinauer Thesen». Diese gemeinsame Geschichte führe zu vielen Übereinstimmungen auf der Zellebene. Doch daneben gebe es auch klare Unterschiede. So seien Pflanzen zum Beispiel ortsgebunden und betrieben – anders als Tiere und Menschen – die Fotosynthese. So schafften sie erst die Grundlage für die Ernährung und damit die Existenz von Tier und Mensch.

Die Sprache der Limabohne

Pflanzen aber nur als eine Art lebende Automaten mit programmierten Reaktionen zu betrachten, greife zu kurz: Laut den neusten botanischen Erkenntnissen würden gewisse Pflanzen zum Beispiel über Duftstoffe miteinander kommunizieren, so Koechlin. An der Universität Jena etwa seien Forscherinnen und Forscher daran, die «Sprachkenntnisse» der Limabohne zu ergründen. Dabei hätten sie bereits rund 100 Duftstoff-Vokabeln identifiziert, mit denen die Bohne auf verschiedene Umweltreize reagiere.

Koechlin beschreibt die Jenaer Forschungen in ihrem neu erschienenen Buch «PflanzenPalaver». Pflanzen könnten auch aus Erfahrungen lernen und verfügten über eine Art Erinnerung. Ihr Wachstum und ihre Reaktionen auf die Umwelt seien jedenfalls keine ausschliesslich genetisch fixierten Reflexe. «Über die Empfindungsfähigkeit von Pflanzen wissen wir noch sehr wenig. Zu behaupten, Pflanzen hätten kein Empfindungsvermögen und könnten keine Schmerzen verspüren, ist so spekulativ wie die gegenteilige Behauptung», sagt Koechlin.

«Weil wir nicht wissen, ob und wie Pflanzen Schmerzen empfinden, muss unser Umgang mit ihnen von Rücksicht geprägt sein», folgern die Thesenautoren.

Für neues Verständnis

Rein naturwissenschaftlich könne das Wesen einer Pflanze nicht vollständig erfasst werden. Die Autorinnen und Autoren der «Rheinauer Thesen», zu denen neben Koechlin unter anderen auch Eva Gelinsky von Pro Specie Rara, Martin Ott, Präsident des Stiftungsrats des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) und Meisterlandwirt des Guts Rheinau, der Philosoph Beat Sitter-Liver und Edgar Wagner, emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie der Universität Freiburg im Breisgau, gehören, plädieren deshalb für ein neues, umfassenderes Verständnis von Pflanzen.

Grenzen respektieren

«Wenn wir Pflanzen Anspruchsrechte zugestehen, dann heisst das nicht, dass wir sie nicht mehr essen oder in anderer Weise verwenden dürfen. So wenig wie die heute den Tieren zugestandenen Rechte bedeuten, sie grundsätzlich aus dem Ernährungskreislauf auszuschliessen. Es bedeutet vielmehr, dass wir ihr Eigensein respektieren und dass es auch im Umgang mit Pflanzen Grenzen gibt», so ihr Fazit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2008, 21:36 Uhr

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