Preise und Ehre für den Erfinder des ökologischen Fussabdrucks

Der Basler Mathis Wackernagel hat Formeln entwickelt, mit denen wir unseren Ressourcenverbrauch berechnen können. Inzwischen lebt er in den USA – und knüpft Verbindungen zu den Mächtigen dieser Welt.

«Ich kämpfe nicht gegen etwas.» Mathis Wackernagel, Erfinder des ökologischen Fussabdrucks.

«Ich kämpfe nicht gegen etwas.» Mathis Wackernagel, Erfinder des ökologischen Fussabdrucks. Bild: Thomas Burla

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Es war ein intensives Wochenende für Mathis Wackernagel. Am Freitagabend erhielt er in Vaduz (FL) den Grossen Binding-Preis als Anerkennung für die gesellschaftliche und umweltpolitische Bedeutung seiner Erfindung, des ökologischen Fussabdrucks. Kuratoriumsmitglied Martin Boesch, der die Laudatio hielt, sagte, das Konzept werbe nicht nur weltweit um Nachhaltigkeit, «sondern entwickelt auch eine dramatische mediale Breitenwirkung und löst dadurch umweltpolitische Weichenstel­lungen aus». Der Binding-Preis ist mit 50'000 Franken dotiert. Er kommt nur zehn Tage nach dem mit 300'000 Franken ausgestatteten Blue Planet Prize, dem renommiertesten Wissenschaftspreis im Umfeld Nachhaltigkeit, den Wackernagel in Japan entgegennehmen durfte.

Am Samstagabend feierte Mathis Wackernagel in Basel, wo er aufgewachsen ist, seinen 50. Geburtstag. Umgeben von Familie und Freunden – und fünf Lehrerinnen und Lehrern, die ihm besonders wichtig sind. Heute fliegt er zurück nach Oak­land bei San Francisco, wo er mit seiner Frau und seinem Sohn lebt.

Vier Mal die Schweiz

Der ökologische Fussabdruck, von Wackernagel zusammen mit dem Kanadier William Rees, seinem Doktorvater an der University of British Columbia in Vancouver, ins Leben gerufen, zeigt, wie sehr wir über unsere Verhältnisse leben. Wie viele Schweizen – als Mehrzahl von der einen Schweiz, die wir zur Verfügung haben – müsste es geben, um all das, was wir von der Natur brauchen, zu regenerieren? (Aktuell sind es vier.)

«Das war damals unser grosser Trick», sagt Wackernagel. «Wir berechneten nicht irgendwelche hypothetischen Zahlen, wie viele Menschen in der Schweiz leben können. Wir fragten: Wie gross müsste die Schweiz sein, um ihre Bewohner, so wie sie heute leben, versorgen zu können.»

Der Klimawandel ist nur das Symptom

Daraus hat sich seit den Anfängen 1989 eine weltweit anerkannte Methode entwickelt. In gut einem Dutzend Ländern rund um den Globus ist die Berechnung des ökologischen Fussabdrucks von Regierungsinstitutionen verifiziert worden. Das Schweizer Bundesamt für Statistik beispielsweise publiziert Jahr für Jahr unseren Fussabdruck. «Die Interpretation ist der nächste Schritt», sagt Wackernagel. «Zusammen mit den Verantwortlichen dieser Länder wollen wir herausfinden, was dies für die Zukunft heisst. Wir fragen: Was bedeuten diese Ressourcentrends für den Wirtschaftsstandort Schweiz? Wie kann der Trend in die richtige Richtung gekehrt werden?»

Der Klimawandel, sagt Wacker­nagel, sei nicht das Problem. Erosion, Wasserknappheit, Versteppung und Überfischung auch nicht. «Dies sind alles nur Symptome für ein alles beherrschendes Thema: Wir brauchen mehr, als die Erde auf Dauer geben kann.»

An den Schaltzentralen der Macht

In einem Interview, das Mitte dieses Jahres im Informationsheft «forum» des Bundesamtes für Raumentwicklung erschien, betont Wackernagel, er sei kein Kämpfer. «Und vor allem kämpfe ich nicht gegen etwas.» Er ist auch nicht Messias, Mahner, Rufer in der Wüste. «Ich sehe mich als Forscher», sagt er. Er fühle sich, als stecke er mitten in einem spannenden Krimi, und versuche herauszufinden, wo die Lösung liegt.

Mathis Wackernagel ist heute weltweit in Lehre und Forschung tätig, zeitweise als Professor an der Cornell University in Ithaca, New York. Und vor allem knüpft er Verbindungen in die Schaltzentralen der Macht: zu den Regierungen und den Zentralbanken. Die Entscheidungsträger sollen erkennen, welche Konsequenzen es hat, wenn ein Land jahrelang seine Ressourcen ausbeutet. Die Wirtschaftskrise in Griechenland, Portugal, Italien, Spanien – Wackernagel bringt sie in engen Zusammenhang mit dem viel zu grossen Fussabdruck dieser Länder.

Ein ETH-Ingenieur, der zum grünen Träumer wurde, auf den aber niemand hört? Die US-Wirtschaftsagentur Bloomberg, die über 300'000 Analysten weltweit mit Daten und Kennzahlen beliefert, übernimmt nun auch den ökologischen Fussabdruck in ihre Bulletins. Denn mit Füssen verhält es sich so: Sie gehen Schritt für Schritt vorwärts (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.11.2012, 16:34 Uhr

Die Binding-Stiftung in Basel

Die Sophie und Karl Binding Stiftung wurde durch das Ehepaar Binding 1963 mit Sitz in Basel gegründet. Der Jurist Karl Binding (1911–1994) wurde in Frankfurt am Main geboren und stammt aus der gleichnamigen traditionsreichen Brauereifamilie. Während des Zweiten Weltkrieges zog er in die Schweiz. 1951 heiratete Karl Binding die ebenfalls aus Frankfurt stammende, jung verwitwete Sophie von Opel-Hübscher (1902–1989). Ihr erster Ehemann war Hans von Opel gewesen, ein Enkel des Gründers der Opel Autowerke, der seit dem Verkauf der Autowerke an General Motors 1929 in Liestal wohnte. Nach seinem frühen Tod hinterliess er seiner Gattin ein Vermögen, das später die Grundlage der Sophie und Karl Binding Stiftung bilden sollte. Sie verfolgt das Ziel, in der ganzen Schweiz Projekte aus den Bereichen Umwelt, Soziales, Bildung und Kultur zu unterstützen. Im Stiftungsrat sitzen unter anderem Bernhard Christ und Ueli Vischer. Bekannt ist der Binding-Preis für Waldpflege, der seit 1987 vergeben wird.

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