Raffiniert im Töten

Die Jagdspinne braucht kein Netz. Ihre Beute spürt sie dank hervorragendem Vibrationssinn auf. Mit einem Sprung stürzt sie sich auf das Opfer, wenn nötig in der Luft, und tötet es mit ihren Giftklauen.

">Spannweite von 10 Zentimetern: Für den Menschen wäre allerdings erst das Gift von einem Dutzend Jagdspinnen tödlich.

Spannweite von 10 Zentimetern: Für den Menschen wäre allerdings erst das Gift von einem Dutzend Jagdspinnen tödlich. Bild: Screenshot: Youtube

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Die Forschung beginnt in einem Kellerraum des Zoologischen Instituts der Universität München: Dort hat Mechthild Melchers für ihre Dissertation Jagdspinnen gezüchtet. Die Biologin startete 1960 mit drei Weibchen, die per Zufall mit exotischen Früchten aus Mittelamerika auf den Grossmarkt in München gelangt und bei einer routinemässigen Kontrolle der Obstkisten aus Übersee aufgefallen waren. Etwas später kamen Männchen hinzu. Die gefundenen Spinnen legten Tausende von Eiern und vermehrten sich prächtig.

«Die Laborspinnen, mit denen wir heute arbeiten, stammen ursprünglich aus der Münchner Zucht», sagt Wolfgang Nentwig von der Universität Bern, der dort seit mehr als zwei Jahrzehnten zusammen mit seiner Frau Lucia Kuhn-Nentwig den Giftcocktail der Jagdspinne Cupiennius salei erforscht. Um an das Toxin zu gelangen, werden feine Glaskapillaren über die Giftklauen der zuvor betäubten Spinne gestülpt. Durch elektrische Reizung fliesst dann eine kleine Menge Gift heraus, das biochemisch untersucht werden kann. Mehr als 300 Substanzen hat das Berner Forscherteam bereits in dem Gift gefunden, mit dem die Jagdspinne Kakerlaken, Fliegen und Ameisen lähmt. Es sei erstaunlich, wie wirkungsvoll dieses Gemisch sei, so Wolfgang Nentwig. Einige Substanzen würden nur die Membranen der Beutetiere zerstören, während andere dagegen gezielt Ionenkanäle hemmen. Durch diese Kombination aus verschiedenen Wirkungsmechanismen brauche die Spinne letztlich nur eine äusserst geringe Menge an Gift und komme mit sehr wenig Energie aus.

Angriff auf die Beute

Spinnen bevölkern seit Millionen Jahren die Erde. Weltweit gibt es mehr als 40 000 Arten. Zum Beutefang haben sie im Laufe der Zeit unterschiedlichste Methoden entwickelt, die meisten von ihnen unter Einsatz von Seidenfäden. Ganz ohne Netz kommt jedoch die handtellergrosse Jagdspinne Cupiennius salei aus, die auf Bananenstauden oder Bromelien lebt und in der Nacht Insekten fängt. Und zwar mit höchster Präzision und einem aussergewöhnlichen Gespür für Vibrationen.

Seit mehr als 50 Jahren fasziniert sie die Forscher, weil sie eine raffinierte Jagdtechnik hat. Doch viele Menschen erschauern beim blossen Anblick der haarigen Spinne aus Mittelamerika, die eine Spannweite von circa 10 Zentimetern besitzt. Grosse Angst vor ihnen müsse aber niemand haben, sagt Wolfgang Nentwig. Denn für den Menschen sei ein Biss ähnlich gefährlich wie ein Wespenstich. Erst das Gift von mindestens einem Dutzend Spinnen könnte tödlich sein. Wie die Spinne ihre Beute in der Dunkelheit mithilfe ihres aussergewöhnlichen Vibrationssinns findet, untersuchen Forscher an der Universität Wien seit langem. Nun haben die Wiener Neurobiologen Clemens Schaber und Friedrich Barth in Zusammenarbeit mit Stanislav Gorb von der Universität Kiel dazu Messungen im Mikronewton- und Nanometerbereich durchgeführt und die Ergebnisse vor kurzem im «Journal of the Royal Society Interface» publiziert.

Anhand des Reizmusters der Vibrationen und Luftströmungen ist die auf Pflanzen lauernde Jagdspinne in der Lage, ihre Beute im Sprung aus der Luft zu fangen. «Das erfordert ein hohes Mass an Koordination, das durch die zuständigen Nervenzellen biologisch optimal gesteuert wird», erklärt Clemens Schaber.

Sensor für Vibrationen

Die Spinne Cupiennius salei verfügt über rund 3000 membranbedeckte Spalten in ihrer Aussenhaut. Diese sogenannten Spaltsensillen sind über sie verteilt. Besonders empfindliche Vibrationssensoren hat sie jedoch in der Nähe der Gelenke ihrer acht Beine. Werden diese auch nur wenige Millionstelmillimeter durch geringste Erschütterungen eines Insekts irgendwo auf einem Blatt der Bananenstaude zusammengedrückt, können die Nervenzellen der Spinne dies registrieren.

Je nachdem, welche Art von Schwingungen den Nervenreiz auslöst, kann die Spinne sogar Feinde und Beutetiere voneinander unterscheiden. Zudem schützen Sinneshaare an den Beinen, welche die Bewegungen der Luft messen, das Tier vor Fehlalarm. Denn der Wind reizt die Haare gleichmässig, sodass ein Beutesprung ins Leere ausbleibt.

Gekonnte Partnersuche

Erstaunlich ist, dass männliche Jagdspinnen ihre Geschlechtspartnerinnen anhand von Vibrationssignalen sogar aus Entfernungen von mehreren Metern aufspüren und sich dann zielgerichtet zum Weibchen bewegen. Bei der Balz trommelt das Männchen mit einem artspezifischen Vibrationsmuster auf die Stämme von Bananenstauden, die das Weibchen erkennt und beantwortet.

«Die Richtungsdetektion erfordert höchste Präzision, da die Signallaufzeitunterschiede zwischen den acht Beinen immer wieder neu berechnet werden müssen», sagt Clemens Schaber. Eine falsche Bewegung könne dies durcheinanderbringen und sogar gefährlich sein. Denn es sei möglich, dass das Weibchen das sich nähernde Männchen dann für ein Beutetier halte und töte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2011, 12:09 Uhr

Wie die Jagdspinne Fische tötet

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