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Schlechte Spermien, viel Gift

Die Analyse der Fruchtbarkeitsstudie bei angehenden Rekruten zeigt, dass Männer mit geringer Spermienqualität mehr Umweltgifte im Urin haben. Zwischen der Deutsch- und der Westschweiz gibt es markante Unterschiede.

Bildung der männlichen Samenzellen in den Hoden.

Bildung der männlichen Samenzellen in den Hoden. Bild: Keystone

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Seit sechs Jahren testen Forscher die Schweizer Männer auf ihre Fruchtbarkeit. Jetzt ist die nationale Studie in der Halbzeit angelangt. Am vergangenen Donnerstag haben die am Projekt beteiligten Wissenschaftler an einer Tagung an der Universität Zürich erstmals vertiefte Analysen präsentiert. «Es gibt beunruhigende Fakten», sagt der verantwortliche Forscher Alfred Senn von der Faber-Stiftung in Lausanne. Unter anderem wurden Blut- und Urinproben von Männern mit besonders schlechter Spermienqualität untersucht. Resultat: Diese Männer hatten im Durchschnitt erhöhte Konzentrationen an Umweltgiften.

Bei diesem Biomonitoring haben die Forscher die Proben von 247 Studienteilnehmern ausgewählt. 102 davon hatten eine tiefe Spermienkonzentration, nämlich weniger als 20 Millionen Samenzellen pro Milliliter, die restlichen lagen darüber, im Mittel bei 70 Millionen pro Milliliter. Deren Urin- und Blutproben sandten die Forscher an ein spezialisiertes Labor in Deutschland und liessen darin eine Reihe von bekannten Umweltgiften messen. Bei zwei Stoffklassen wurden die Forscher fündig: Die Konzentrationen von Abbauprodukten von bestimmten Plastikweichmachern, sogenannten Phthalaten (siehe rechts), war bei der Gruppe von jungen Männern mit schlechter Spermienqualität durchschnittlich um 30 bis 50 Prozent höher. Auch Bisphenol A fanden die Forscher bei Männern mit schlechtem Samenmaterial in höheren Konzentrationen.

Über 1500 Männer getestet

«Wir waren überrascht, wie hoch die Konzentrationen waren», sagt Senn. Ob aber wirklich ein direkter Zusammenhang zwischen den Giftkonzentrationen und der Samenqualität besteht, kann der Forscher noch nicht sagen. Vorerst handelt es sich nur um eine Beobachtung. Die Unterschiede sind zwar statistisch signifikant. Bei einigen Probanden mit guten Spermienwerten aber fanden sich zum Teil ebenso hohe Giftkonzentrationen – und umgekehrt.

Die anderen Ergebnisse der Studie bestätigen die vor zwei Jahren veröffentlichten Zwischenergebnisse. Mittlerweile haben sich über 1500 angehende Rekruten nach der Aushebung zu einer Samenspende im Dienste der Wissenschaft bereit erklärt. Ziel sind 3000 Männer aus allen Regionen der Schweiz. Die Spermienproben werden auf bestimmte Indikatoren ausgewertet, die einen Hinweis auf die reproduktive Kraft der Männer geben: die Spermienkonzentration, die Form der Spermien, ihre Geschwindigkeit.

Gemäss Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte ein gesunder Mann mindestens 20 Millionen Spermien pro Milliliter haben, ein guter Wert wären 60 Millionen/ml. Die jungen Schweizer Männer haben durchschnittlich 47 Millionen/ml. Frappant sind jedoch die regionalen Unterschiede: Junge Männer aus der Westschweiz haben bedeutend höhere Werte (knapp 53 Millionen/ml) als ihre Altersgenossen aus der Deutschschweiz (rund 39 Millionen/ml).

Die Gründe für diese Unterschiede sind nicht bekannt. Möglich wäre der unterschiedliche Lebensstil, aber auch, dass die Deutschschweizer mehr Umweltgiften ausgesetzt sind. Doch die Ursachen für verminderte Spermienqualität können auch weit zurückliegen: in den ersten Wochen der Schwangerschaft. In dieser Zeit bildet sich nämlich der Geschlechtsapparat der kleinen Buben aus – hormongesteuert natürlich. Gemäss einer Hypothese könnten Umweltgifte, denen die schwangeren Mütter ausgesetzt waren, die Fruchtbarkeit der Söhne im späteren Leben beeinflussen. Um das herauszufinden, werten die Forscher derzeit die Fragebögen zu den Lebensumständen aus, die sie den Probanden und ihren Müttern vorgelegt haben.

Entwicklung im Mutterbauch

Ein Indiz, das diese Hypothese stützt, ist die rasche Zunahme von Hodenkrebs in den vergangenen 25 Jahren. Hodenkrebs ist zwar eine seltene Krebsart und gut heilbar. Doch seine Entstehung ist eng mit der Bildung des Geschlechtsapparates im Mutterbauch verbunden, denn auch die Hoden werden in der frühen Embryonalphase angelegt – ausgehend von einer Stammzelle, aus der sich auch die Samenzellen entwickeln.

Die neusten Daten zum Hodenkrebs präsentierte Jean-Michel Lutz vom Nationalen Institut für Krebsepidemiologie und Registrierung. Besonderes auffällig: Auch beim Hodenkrebs ist die Deutschschweiz mehr betroffen als die Westschweiz. Hier stiegen die Neuerkrankungen um rund 30 Prozent auf jährlich 11,4 Neuerkrankungen pro 100'000 Männer in den Jahren 2003 bis 2007. In der Westschweiz dagegen verharrte die Rate auf 8,7 Fällen.

Dass sich die geografische Verteilung der Hodenkrebsrate so auffällig mit den Resultaten aus seiner Studie deckt, besorgt den Fruchtbarkeitsexperten Alfred Senn: «Das kann zwar noch Zufall sein, aber es lohnt sich, dem auf den Grund zu gehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2011, 10:18 Uhr

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