Schneller Klimaschutz hat eine brisante Folge

Der neue Bericht des Weltklimarats zeigt einleuchtend, dass weitere Verzögerungen das grösste Risiko für den Klimaschutz sind. Um den CO2-Ausstoss zu reduzieren, werde es wohl nicht ohne Atomstrom gehen.

Als besonders schädlich sieht der IPCC den Einsatz von Kohle: Kohlekraftwerk im deutschen Hamm. (14. November 2013)

Als besonders schädlich sieht der IPCC den Einsatz von Kohle: Kohlekraftwerk im deutschen Hamm. (14. November 2013) Bild: Keystone

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Die Wissenschaftler des Uno-Klimarates IPCC und die Regierungen der Uno-Klimarahmenkonvention haben es sich in den letzten Tagen nicht leicht gemacht. Bei der Zusammenfassung des dritten und letzten Teils des IPCC-Klimaberichts ging es um Massnahmen und Kosten des globalen Klimaschutzes. Schon bei den ersten beiden Teilen wurde nächtelang um Formulierungen gefeilscht. Auch diesmal war es nicht anders. Schliesslich geht es jeweils um Leitplanken, an denen sich die internationale Politik orientieren sollte – vor allem gut ein Jahr vor der wichtigen Uno-Klimakonferenz in Paris, an der ein neuer internationaler Klimavertrag für die Zeit nach 2020 vereinbart werden soll.

In den Augen der Wissenschaftler sind die Ergebnisse des heute vorgestellten Berichts eine Empfehlung, wie sich die internationale Klimapolitik in den nächsten Jahren ausrichten sollte. Wer die Arbeit jedoch im Detail liest, der erkennt eine deutliche Aufforderung, keine weitere Zeit mehr zu verlieren. Die Treibhausgas-Emissionen der letzten Jahre sind noch nie so stark angestiegen. Investieren wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren nicht massiv in Technologien, die den CO2-Ausstoss deutlich verringern, wird das von der Uno festgeschriebene Ziel nicht erreicht: Die Erde wird sich gemäss Klimamodellen weit mehr als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen – das ist ein Temperaturanstieg, der laut den meisten Klimaforschern manches Ökosystem auf der Erde aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Die bisherigen Zusicherungen der Industriestaaten und Schwellenländer bis 2020 erreichen bei weitem nicht die notwendigen Emissionsreduktionen. In diesem Fall rechnen die Klimaforscher mit einer Erwärmung gegen 3 Grad. Ist dieses Niveau einmal erreicht, so wird es wegen der Trägheit des Klimasystems schwierig – selbst bei starken Emissionsreduktionen –, mittelfristig eine Abkühlung zu erreichen.

Es geht wohl nicht ohne Kernkraft

Orientieren wir uns am politisch festgeschriebenen 2-Grad-Ziel, so führt jede Verzögerung weiterer scharfer Reduktionsmassnahmen zu einem weiteren Risiko: Der Zeitraum für die Emissionsminderung wird verkürzt. Das birgt die Gefahr, dass auf Technologien zurückgegriffen werden muss, die zwar in grossem Massstab CO2-Emissionen verhindern, aber teuer und unausgereift sind oder gesellschaftlich in vielen Regionen der Welt nicht akzeptiert. Dazu gehört die sogenannte CCS-Technologie (Capture and Storage), welche CO2 aus den Abgasen etwa von Kohlekraftwerken, aber auch von Holzkraftwerken abscheiden und im Untergrund speichern kann. Die Autoren des Berichts sprechen aber auch von der Kernkraft, ohne die es laut IPCC wohl nicht gehen wird.

Es gibt einen langen Katalog von Massnahmen: Die Energieeffizienz in der Industrie, in Gebäuden und beim Verkehr kann deutlich gesteigert werden. Ein Abholzungsstopp der Regenwälder hätte einen grossen Effekt. Der grösste kurzfristige Fortschritt wird jedoch laut IPCC erreicht, wenn in den nächsten zwei Jahrzehnten die weltweite Stromversorgung kontinuierlich von fossiler auf erneuerbare Energie umgestellt wird. Der IPCC sieht zwar auch in Erdgas als Kohleersatz eine Überbrückungsenergie. Allerdings sind sich die Fachleute uneinig, ob die Förderung von Gas durch die neue Technologie des Fracking die Umwelt und das Klima nicht weit mehr schädigt, als bisher angenommen wurde.

Kosten-Nutzen-Rechnung mit Unsicherheiten

Das beste Argument in der Politik für einen beschleunigten Systemwechsel in der weltweiten Energieversorgung wäre eine saubere Kosten-Nutzen-Berechnung. Auch das liefert der neue IPCC-Bericht. Allerdings werden auch diese Schätzungen für manche Regierungen zu ungenau sein, um entsprechend zu reagieren. Es liegt in der Natur der Sache, dass Voraussagen in die Zukunft stets mit grossen Unsicherheiten verbunden sind. Es ist schwierig abzuschätzen, wie sich die Bevölkerung und das Wirtschaftswachstum in den nächsten Jahrzehnten entwickeln werden. Es ist schwierig zu beurteilen, wie gross die wirtschaftliche Leistung der Natur geschwächt wird, wenn die Biodiversität durch den Klimawandel sinkt. Unmöglich ist, den Kostenfaktor eines Menschenlebens zu kalkulieren. Die IPCC-Autoren jedenfalls gehen davon aus, dass die Kosten massiv steigen, wenn kurzfristig weltweit die Massnahmen verschärft werden. Und dabei sind die positiven Nebeneffekte wie saubere Luft, ein geringerer Ressourcenverbrauch oder eine sicherere Energieversorgung nicht in die Rechnung eingeflossen.

Im Grunde reicht bereits eine grobe Abschätzung. Inzwischen wissen wir, wie immens die Schadenskosten sind nach Hurrikans, nach Überschwemmungen und Trockenperioden. Die Frage ist, ob wir bereit sind, diese mit dem Klimawandel erhöhten Risiken einzugehen oder ob wir heute schon investieren wollen, um diese Gefahren vorsorglich abzuwenden.

Erstellt: 13.04.2014, 15:24 Uhr

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Soll man noch einige Jahrzehnte auf Kernenergie setzen, um den CO2-Ausstoss genügend schnell reduzieren zu können?

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Martin Läubli ist Redaktor im Ressort Wissen des «Tages-Anzeigers».

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