Schutzlose Natur

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Schweiz bei der Landfläche für Biotope europäisches Schlusslicht.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hier wächst die Schnee-Edel­raute, Hallers Küchenschelle, die Niedrige Rapunzel und noch so manch andere Rarität – die Region um Zermatt ist ein Hotspot der Biodiversität. All diese Arten sind «Endemiten»: Sie kommen nur in diesem Teil der Alpen vor. Einen besonderen Schutz geniessen sie jedoch nicht: Die Region von Zermatt ist kein Schutzgebiet von nationaler Bedeutung. «Weite Kreise der Öffentlichkeit sind der Ansicht, beim Erhalt der Biodiversität sei hierzulande alles bestens», sagt Werner Müller, Geschäftsführer von SVS/Birdlife Schweiz. «Aber das ist ein grosser Irrtum.»

Gemäss dem Anfang 2015 publizierten Bericht des Bundesrats «Umwelt Schweiz 2015» befindet sich die Biodiversität in der Schweiz in einem unbefriedigenden Zustand. «Mehr als ein Drittel aller untersuchten Arten sind bedroht», heisst es dort. Und wie der ebenfalls kürzlich von der Europäischen Umweltagentur EEA publizierte Bericht «Die Umwelt in Europa» zeigt, weist die Schweiz gerade mal 6,5 Prozent der Landesfläche als Schutzgebiete aus. In der Reihe der 38 untersuchten Länder Europas ist die Schweiz damit abgeschlagenes Schlusslicht. Länder wie Slowenien und Bulgarien, von denen man in Sachen Naturschutz nicht unbedingt eine Vorbildfunktion erwartet, schützen die Biodiversität auf mehr als 30 Prozent ihrer Landesfläche.

Sarah Pearson vom Bundesamt für Umwelt (Bafu), verantwortlich für den Aktionsplan zur Umsetzung der Strategie Biodiversität Schweiz, führt eine Reihe von Gründen an, weshalb die Schweiz gemäss EEA-Bericht nur 6,5 Prozent Schutzgebiete ausweist. «Auf europäischer Ebene können wir nur die nationalen Schutzgebiete anrechnen lassen», sagt Pearson. «Für Schutzgebiete auf kantonaler Ebene fehlen uns die genauen Daten.» Rechnet man zu den nationalen Schutzgebieten grob überschlagen die Biotope von regionaler und lokaler Bedeutung sowie Waldreservate und Schutzgebiete in Privatbesitz hinzu, kommt Pearson auf rund 11 Prozent der Landesfläche.

«Der öffentliche Druck auf die Politik fehlt»

Gemäss den sogenannten Aichi-Zielen für den weltweiten Artenschutz muss die Schweiz bis 2020 jedoch mindestens 17 Prozent der Landesfläche unter Schutz stellen. Zwar hat der Bundesrat anerkannt, dass die biologische Vielfalt eine wichtige Lebensgrundlage darstellt. Sie besitzt auch ökonomische Relevanz, etwa für den Tourismus und für die Standortattraktivität. «Der Bundesrat hat auch erkannt, dass man relativ schnell handeln muss», sagt Pearson. «Aber dazu braucht es Mehrheiten und politischen Konsens.»

Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts GFS Bern von 2013 gehen 74 Prozent der befragten Personen davon aus, dass die Bio­diversität in einem eher guten bis sehr guten Zustand ist, völlig konträr zu den Befunden der Fachwelt. «Somit fehlt der öffentliche Druck auf die Politik, die notwendigen Schritte zu unternehmen», sagt Walter Wagner, Leiter der Abteilung Bio­diversität beim WWF Schweiz.

Die Ursachen für den Rückgang der Biodiversität sind vielfältig: Siedlungsdruck, intensivierte Landwirtschaft, Strassenbau, Entwässerung, Schadstoffbelastung, Stauanlagen zur Stromerzeugung, Ausbreitung invasiver Arten, Klimawandel und Tourismus, um nur die wichtigsten Punkte zu nennen. «In der Schweiz verlieren wir nach wie vor Biodiversität», sagt Wagner. «Die Notwendigkeit weiterer Schutzgebiete ist damit offensichtlich.»

Traditionell hat die Schweiz viele kleine, isolierte Biotope ausgewiesen. Einem umfassenden Schutz der Biodiversität wird das jedoch nicht gerecht. Denn einige Arten leben von der Interaktion diverser Landschaftstypen. «Die Vernetzung der Biotope ist daher eine wichtige anstehende Aufgabe», sagt Pearson. In gewissem Umfang ist das auf lokaler Ebene in einzelnen «Smaragdgebieten» angestossen worden. Diese entstanden als Antwort der Schweiz auf die Berner Konvention von 1979 zum Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen in Europa. Die Smaragdgebiete sind in der Regel etwas grosszügiger dimensioniert als die Biotope von nationaler Bedeutung und können zum Beispiel eine Mischung aus Flachmoor, Hochmoor und Trockengebieten sein.

Müller von SVS/Birdlife Schweiz spricht von drei Instrumenten, die beim Biodiversitätsschutz Hand in Hand gehen müssen. Das ist erstens eine Art Basisschutz der Natur auf der ganzen Fläche, etwa durch nachhaltige, biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft, durch naturnahen Waldbau und ökologische Ausgleichsflächen im Siedlungsraum. «Dieser Schutz auf der ganzen Fläche hilft vor allem den häufigeren Arten», sagt Müller. «Die gefährdeten und national prioritären Arten benötigen daher als zweites Instrument spezielle Schutzgebiete, die nach Möglichkeit untereinander vernetzt sind.» Für einige besonders spezialisierte und gefährdete Arten reicht auch das nicht aus. «Diese müssen drittens gezielt gefördert werden, um Gefährdungsursachen zu eliminieren», sagt Müller. Diese drei Instrumente sind zwar Teil der Strategie Biodiversität Schweiz. «Wie weit der Aktionsplan dies umsetzt, muss sich zeigen.»

Für die anstehenden Aufgaben stellt der Bundesrat ab 2017 für Sofortmassnahmen jährlich 20 bis 40 Millionen Franken zur Verfügung. «Dies ist ein erster Schritt, um die grossen qualitativen Defizite bei den bestehenden Schutzgebieten zu beheben, reicht jedoch nicht für die Ziele der Biodiversitätsstrategie», sagt Pearson. Den von Aichi vorgegebenen Zeitplan wird die Schweiz jedenfalls kaum einhalten können. Dazu war das Vorgehen in den letzten Jahrzehnten zu zögerlich: Laut Bundesrat ist der Aufbau und Unterhalt von Schutz- und Vernetzungsgebieten bis 2040 umzusetzen, nicht wie von Aichi gefordert bis 2020. «Es ist nicht möglich, in fünf Jahren alle neuen Schutzgebiete zu identifizieren und raumplanerisch umzusetzen», sagt Pearson.

Für viele Arten hat die Schweiz eine besondere Verantwortung

Eine der ersten Massnahmen wird die Aufwertung und Sanierung ­bestehender Schutzgebiete sein. Denn ohne weitere Investitionen würde deren Qualität weiter leiden, sagt Pearson. Zentral für den Schutz der biologischen Vielfalt sei zudem die Frage, wie gut oder schlecht die Kantone bei der Realisierung neuer Schutzgebiete mitwirken. In diesen Wochen beginnt das Bafu dort mit der Vorkonsultation. Auf Basis der Resultate will das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation Uvek dem Bundesrat in rund einem Jahr eine ­Vernehmlassungsvorlage zum Aktionsplan Biodiversität Schweiz samt Finanzierungskonzept und Gesetzesanpassungen vorlegen, damit der Bund zusätzliche Finanzmittel bereitstellen kann.

Stefan Eggenberg, Direktor des nationalen Daten- und Informationszentrums der Schweizer Flora (Info Flora) begrüsst zwar die Arbeit des Bafu und die Tatsache, dass Umweltgruppen und Fachleute ihre Anliegen in den Aktionsplan Bio­diversität einbringen konnten. Er ist dennoch skeptisch, ob die Biodiversitätsstrategie ein Erfolg wird.

Aus Sicht der Flora sieht er grosse Mängel in der Berner Konvention. Deren Resolutionen listen diejenigen europäischen Lebensräume und Arten auf, die besonderer Schutzmassnahmen bedürfen. Die Liste dient als Grundlage für die Ausweisung von Smaragdgebieten. «Es gibt aber einen ganzen Strauss von Arten, die durch die Berner Konvention nicht geschützt sind und somit von den Smaragdgebieten nicht abgedeckt werden», sagt Eggenberg. «Dazu gehören viele Arten, für welche die Schweiz eine besondere Verantwortung trägt, da sie nur hier vorkommen.» Ein Beispiel ist die Region Zermatt mit den vielen endemischen Arten.

Noch mehr Kummer macht dem Botaniker jedoch die Finanzierung. Im Rahmen des Aktionsplans Biodiversität würden Bundesgelder nur dann zur Verfügung gestellt, wenn die Kantone entsprechende Beträge zuschiessen. «Wenn die Kantone dazu nicht bereit oder nicht in der Lage sind, kann der Bund noch so viel Geld sprechen, es wird nicht passieren», sagt Eggenberg. «Das ist der grosse Klumpfuss des Aktionsplans.»

Erschienen am 19.4.2015 in der (SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.04.2015, 12:01 Uhr

Artikel zum Thema

Artenschwund stärker als befürchtet

Hintergrund Die Populationsgrösse und die Verbreitungsgebiete vieler Pflanzenarten sind in den letzten drei Jahrzehnten in der Schweiz stark geschrumpft. Nun will der Bundesrat den Rückgang der Biodiversität stoppen. Mehr...

Biobauern vernachlässigen Artenvielfalt

Konventionelle Bauern kennen strengere Vorschriften bezüglich Biodiversität als Biobauern. An der heutigen Delegiertenversammlung von Bio Suisse sollen neue Richtlinien eingeführt werden. Mehr...

38. und letzter Platz für die Schweiz

Das sollte uns zu denken geben: Der europäische Umweltbericht vergleicht Länder punkto Schutzgebiete – und sieht die Schweiz abgeschlagen am Schluss der Tabelle. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home 10 wilde Wohnideen

Outdoor Leichter trainieren nach Magenbypass-Operation

Die Welt in Bildern

Das grösste Kunstwerk der Welt aus Strohhalmen: Zwei Frauen aus Vietnam posieren für ein Foto vor der Kunstinstallation «Abschied des Plastik-Meeres» des kanadischen Künstlers Benjamin Von Wong, die aus 168'000 Plastik-Strohhalmen besteht. (17. März 2019)
(Bild: Thanh NGUYEN) Mehr...