Spediteure aus dem Tierreich

Rund zwei Milliarden Zugvögel pendeln jährlich zwischen Europa und Afrika. Auch Gnus, Lachse und Schmetterlinge ziehen umher und treten plötzlich in Massen auf. So transportieren sie Nährstoffe und Energie.

Wanderzyklen in Kenia und Tansania: Zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Gnus durchstreifen auf der Suche nach frischem Gras das Serengeti-Mara-Ökosystem. Foto: iStockphoto

Wanderzyklen in Kenia und Tansania: Zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Gnus durchstreifen auf der Suche nach frischem Gras das Serengeti-Mara-Ökosystem. Foto: iStockphoto

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Ob zu Lande, zu Wasser oder in der Luft — überall auf der Welt brechen Tiere in bestimmten Zeiten des Jahres zu kräftezehrenden und riskanten Wanderungen auf. So fliegt etwa die Pfuhlschnepfe ohne Zwischenhalt in neun Tagen über den Pazifischen Ozean und legt eine Strecke von rund 11'000 Kilometern zurück. Sie ist Rekordhalterin des längsten Nonstop-Flugs von ihrem Brutplatz in Alaska bis nach Neuseeland.

Bekannt ist auch der auffällig orange und schwarz gezeichnete Monarchfalter für seine ausserordentlich weite Flugstrecke. Am Ende eines jeden Sommers ziehen mehr als 100 Millionen Individuen von Nordamerika los, um in wärmeren Gebieten zu überwintern. Dabei flattern viele der Wanderfalter mit mehreren Zwischenstopps sogar bis nach Mexiko und legen insgesamt eine Entfernung von bis zu 4750 Kilometer zurück. Im Frühling schafft es dagegen keiner von ihnen, die gesamte Rückreise in den Norden zu bewältigen. Denn dies würde ihre Lebensdauer bei weitem überschreiten.

Tierwanderungen gehören zu den faszinierendsten Schauspielen der ­Natur. Ständig migrieren rund um den Globus unzählige Arten und ziehen von einem Ort zum anderen, um dort beispielsweise bessere Bedingungen für die Aufzucht der Jungen, für die Nahrungssuche oder zum Überwintern zu finden. Vor allem wenn die Tiere in grosser Zahl gemeinsam aufbrechen und sich auf den Weg machen, verändern sie dort, wo sie sich gerade aufhalten, die jeweiligen Ökosysteme.

«Bisher wurde dieses Phänomen meist nicht untersucht, da man sich entweder auf die zurückgelegte Strecke oder auf die physiologische Anpassung der Tiere konzentriert hat», sagt Silke Bauer von der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach. Bei solchen Wanderungen werden gleichzeitig aber auch immer enorme Mengen an Nährstoffen, Energie und anderen Organismen hin und her geschleppt.

Riesige Herden in der Savanne

Man müsse sich mal vorstellen, sagt die Biologin, was eine einzige wandernde Herde Gnus mit bis zu Hunderttausenden Tieren an Gras wegfresse. Auf ihren Wanderungen seien sie aber auch eine potenzielle Beute für Raubtiere beziehungsweise Aasfresser, was das Nahrungsspektrum in den jeweiligen Gebieten zeitweise sehr stark verändere.

Gemeinsam mit der australischen Biologin Bethany Hoye berichtete die Sempacher Forscherin nun vor ein paar Tagen in einem Artikel der Fachzeitschrift «Science», welchen Einfluss ­diverse Migrationen im Tierreich auf die jeweiligen Ökosysteme haben. Besonders eindrücklich sind die Wanderungen und deren Folgen in der Vogelwelt. Denn rund zwei Milliarden Singvögel pendeln jährlich zwischen Europa und Afrika, weltweit sind jedes Jahr Schätzungen zufolge rund 50 Milliarden Zugvögel unterwegs.

Allein mit den Vogelschwärmen, die aus Regionen südlich der Sahara in hiesige Gebiete ziehen, verschieben sich 20'000 Tonnen Biomasse. «Und zwar im Winterhalbjahr jeweils in den Süden und den Rest des Jahres zurück in die Brutgebiete im Norden», sagt Bauer. In diesen Wochen kämen nun die ersten Zugvögel hierzulande wieder an.

Eine solche vorübergehende Invasion hat enorme Effekte auf die unmittelbare Umgebung. Denn die heimischen Rückkehrer fressen vor allem Insekten und dezimieren somit lokal deren Vorkommen. Aber auch die Zugvögel selbst und ihre Eier sind temporär verfügbare Nahrungsquellen für viele andere Tiere. Zugvögel beeinflussen das Ökosystem allerdings noch auf ganz andere Art und Weise. Denn gesamthaft gesehen hinterlassen sie Unmengen an Kot und Federn, was einerseits Nährstoffzufuhr für den Boden bedeutet, andererseits aber auch die Verbreitung von diversen Pflanzensamen, Pilzsporen, Schneckeneiern, Muschellarven sowie möglichen Krankheitserregern.

Königslachse als Futter

Spektakulär sind auch die Wanderungen der Pazifischen Lachse. Nach ihrer Geburt in Flüssen ziehen sie in das Meer und verbringen dort zwei bis drei Jahre. Zum Laichen kehren sie vom Meer zurück in ihre Geburtsgewässer. Kurz nach dem Ablaichen sterben sie jedoch, sodass in Alaska ab Mitte August Tausende Kadaver von Königslachsen oder Rotlachsen an der Oberfläche flussabwärts treiben und irgendwo von Adlern, Bären oder Wölfen gefressen werden.

Für viele Tiere sind Lachse dort eine wichtige Nahrungsgrundlage, um die harten und eisigen Winter zu überstehen. Denn die bis zu 260 Millionen Lachse, die nach Alaska ziehen, haben insgesamt eine Biomasse von bis zu 500'000 Tonnen.

Die Wanderung von Tieren ist ein komplexer ökologischer Vorgang, der nicht nur die Nahrungskette, sondern auch die Landschaft lokal massiv ver­ändern kann. So fressen die Wander­heuschrecken überall, wo sie landen, die Vegetation kahl. Ein Schwarm kann pro Quadratkilometer eine Dichte von 40 bis 80 Millionen Tieren enthalten und zum Teil bis zu 100 Quadratkilometer gross sein.

«Sie sind äusserst gefrässig und haben von allen pflanzenfressenden, wandernden Tieren vermutlich die schwerwiegendsten Folgen für Mensch und ­Natur», sagt Bauer. Denn eine Wanderheuschrecke vertilge jeden Tag die Menge ihres eigenen Körpergewichts. Und ein riesiger Schwarm am Horn von Afrika könne an einem einzigen Tag so viel an Vegetation vernichten, wie für die Ernährung von 400'000 Menschen ein ganzes Jahr reichen würde.

Erstellt: 16.04.2014, 02:45 Uhr

Guinness-Rekorde
von wandernden Tieren

Der kleinste Wanderer
Zooplankton (Ruderfusskrebse,Krabbenlarven...)
1 bis 2 mm lang

Der grösste Wanderer
Blauwal (Balaenoptera musculus)
24 bis 27 m lang

Die längste Strecke bei Säugetieren
Buckelwal (Megaptera novaeangliae)
bis zu 8500 km ein Weg

Die längste Strecke bei Insekten Monarchfalter (Danaus plexippus)
bis zu 4750 km im Herbst

Die längste beobachtete Rundreise
Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)
80'000 km

Die höchste Wanderung
Streifengans (Anser indicus)
bis zu 9000 m über dem Meeresspiegel

Der längste Nonstop-Flug
Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica baueri)
in 9 Tagen über den Pazifik


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