Streit um die Kuh als «Klimakiller»

Die Wissenschaft ist uneinig, ob Rinder massgeblich zum Klimawandel beitragen oder im Gegenteil sogar beim Erhalt der Natur helfen.

Schädlich fürs Klima oder nicht? Kühe und Rinder an einer Bündner Viehschau.

Schädlich fürs Klima oder nicht? Kühe und Rinder an einer Bündner Viehschau. Bild: Keystone

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Diese Tiere sollen helfen, die Schuldfrage zu klären. 144 Milchkühe, schwarz-weiss gefleckt, seit kurzem im Dienst der Wissenschaft und im Moment vor allem an Futtertrögen interessiert. Was die Tiere essen – und was später davon in irgendeiner Form wieder rauskommt –, das untersuchen Forscher der Universität Bonn. Mithilfe des Viehs im Landwirtschaftszentrum Haus Riswick bei Kleve am Niederrhein gehen sie der Antwort auf eine heftig umstrittene Frage nach: Sind Kühe wirklich Klimasünder, wie es oft heisst?

«Das Rind, das einst als heiliges Fruchtbarkeitssymbol verehrt und in jüngerer Vergangenheit als Wohlstandssymbol gefeiert wurde, vergiftet heute die Atmosphäre und die Lebensräume unseres Planeten», schreibt zum Beispiel der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin in seinem Buch «Das Imperium der Rinder». Alles unwahr, Rinder hülfen sogar, wertvolle Landschaften zu erhalten, argumentieren hingegen Kritiker. Das Problem bei dem inzwischen heftig tobenden Streit ist: Vermutlich haben beide Seiten recht – wenigstens zum Teil. Daran werden wohl auch die Versuchskühe am Niederrhein nichts ändern.

Methanrülpser schädigen Klima

Ausgangspunkt der Diskussion um den «Klimakiller Kuh» sind eine Handvoll biochemischer Fakten. Im Pansen von Kühen – und anderen Wiederkäuern wie Schafen und Ziegen – leben spezialisierte Bakterien. Sie verarbeiten die Zellulose im Gras zu Zucker und Fettsäuren. Dabei entstehen Abfallprodukte, unter anderen Methan. Das Gas gehört wie Kohlendioxid (CO2) zu den Treibhausgasen, da es in der Atmosphäre zur Erwärmung der Erde beiträgt. Ein Kilogramm Methan hat 21-mal so viel Treibhauswirkung wie die gleiche Masse CO2. Kühe entledigen sich des Methans, indem sie es ausrülpsen.

Lässt man natürliche Quellen wie Feuchtgebiete ausser Acht, seien Rinder und andere landwirtschaftliche Nutztiere für 18 Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich, hat die Welternährungsorganisation (FAO) vor fünf Jahren errechnet. Geht es ausschliesslich um Methan, entfielen sogar 37 Prozent auf das Vieh. Doch stehen die präzise wirkenden Berechnungen auf wackligem Fundament. Niemand hat je gemessen, wie viel Methan zum Beispiel eine Rinderherde im Sudan ausstösst. Viele Angaben des berühmt gewordenen FAO-Berichts basieren auf Schätzungen und Hochrechnungen.

Bernhard Piatkowski und Werner Jentsch vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie in Dummerstorf zum Beispiel kamen nach eigenen Messungen von Kuhausdünstungen zu dem Schluss, dass die auf der Erde gehaltenen Rinder nur für 20 Prozent der weltweiten Methanemission verantwortlich sind. Einer der Gründe für die Differenz zu den FAO-Daten liegt vermutlich in den verschiedenen Methoden der Forscher. Piatkowskis Kühe standen unbeweglich in engen Käfigen, in denen alle Gase exakt gemessen wurden. Derartige Untersuchungen sind zwar genau, aber nicht unbedingt auf einen normalen Stall übertragbar oder gar auf Herden in anderen Erdteilen. Trotzdem ist Piatkowski sicher: «Die weit verbreitete Behauptung von der Klimaschuld der Kuh entbehrt der wissenschaftlichen Bestätigung.»

Wichtig als Landschaftspfleger

Damit steht Aussage gegen Aussage. Entwirren lassen sich die Argumente beider Seiten nur, wenn man ins Detail geht. So kann eine Kuh weit mehr als zerstörerische Gase ausstossen. Zum Beispiel Gras verdauen. Die Kuh frisst das Grünzeug zunächst einmal niemandem weg. Vor allem aber ist das Vieh geeignet, die weltweit 3,4 Millionen Hektar Grasland – das sind mehr als zwei Drittel aller landwirtschaftlich genutzten Flächen – vor der Zerstörung zu retten. Grasland speichert grosse Mengen CO2. Fehlt dem Boden die natürliche Landschaftspflege durch weidende Rinder, erodiert er leicht. Indem Rinder Mist – also Biomasse – produzieren, erhöhen sie die Speicherkapazität des Graslandes für Kohlendioxid sogar noch. So gesehen ist die Kuh ein Klimaschützer: Um die Emissionen zu begrenzen, muss sie nichts anderes tun als fressen und verdauen.

Zudem können Rinder möglicherweise den Ausstoss des dritten wichtigen Klimagases N2O senken. N2O (auch Lachgas genannt) ist 310-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid und strömt natürlicherweise aus dem Boden. Sollten weidende Rinder diese Emissionen tatsächlich senken, würde die Kuh womöglich tatsächlich einen Ruf als Klimaschützer bekommen. Feldversuche im vergangenen Jahr brachten jedoch wieder einmal zweideutige Ergebnisse. In Steppengebieten wie der Mongolei sinkt die Lachgasemission tatsächlich, wenn dort Tiere grasen. Für wärmere, feuchtere Klimazonen gelte dies hingegen nicht, sagt der Karlsruher Forscher Klaus Butterbach-Bahl.

Ob die Kuh dem Klima schadet oder nützt, hängt von vielen Faktoren ab. Deren Zusammenspiel ist so komplex, dass es fast schon naiv erscheint, eine Ökobilanz ermitteln zu wollen. Forscher können den Tieren Hightechställe bauen wie am Niederrhein, sie können die Rülpser und Fürze der Kühe in Gastanks auffangen, sie können ihnen Knoblauchpillen geben, weil das angeblich den Methanausstoss reduziert – aber all diese Mühen werden wohl nicht den Streit um die Klimarelevanz der Kuh entscheiden.

Zwiespalt beim Kraftfutter

Frisst die Kuh Gras, macht sie zwar Pluspunkte in Sachen CO2 und möglicherweise Lachgas. Andererseits tritt dafür das Methanproblem in den Vordergrund. «Grundsätzlich stösst eine Kuh umso mehr Methan aus, je arttypischer man sie ernährt, also mit viel Gras», sagt Karl-Heinz Südekum von der Abteilung Tierernährung der Universität Bonn. Getreidehaltiges Kraftfutter hingegen reduziert den Methanausstoss, Ähnliches gilt wohl auch für manche Fettsäuren.

Würde man also nur dieses eine Klimagas betrachten, wäre die Sache einfach. Allerdings sagt auch Südekum: «Es ist unsinnig, die Rechnung nur auf Methan zu begrenzen.» Die weitreichenden Folgen der Getreidefütterung können erheblich sein. Anders als Gras wachsen Soja und Mais der Kuh nicht direkt ins Maul, und oft müssen die nötigen Anbauflächen erst mit Feuer und schwerem Gerät geschaffen werden. Wenn Landwirte nach Kraftfutter und Sojapellets für ihre Tiere verlangen, leidet Regenwald in Brasilien und Argentinien. Nach Angaben der FAO setzt dies weltweit pro Jahr 17 Millionen Tonnen Klimagase frei. Hinzu kommt, dass Getreidefelder stark mit Stickstoff gedüngt werden – was die N2O-Emissionen in die Höhe treibt.

Die Klimarelevanz der Kuh ist eine komplizierte Sache und wird weiterhin bestehen. Sollte es je eine eindeutige Antwort geben, werden bis dahin noch viele Millionen Methanrülpser in die Atmosphäre aufsteigen. Vielleicht aber bleibt es auch beim Aufruf, für den schon jetzt alle Streitenden einstimmig werben: Wir sollten weniger Fleisch essen – sei es zum Schutz des Klimas oder der Tiere. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2011, 20:33 Uhr

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