Tierfabriken schlagen Kleinbauern

Der weltweite Fleischkonsum wächst stetig, obwohl die Verarbeitung die Umwelt weit stärker belastet als die Gewinnung anderer Nahrungsmittel. Es gibt aber Produktionsarten, die besser sind als andere.

Klimasünder unter den Nahrungsmitteln: Die Rindfleischproduktion setzt so viele Treibhausgase frei wie kein anderes Lebensmittel.

Klimasünder unter den Nahrungsmitteln: Die Rindfleischproduktion setzt so viele Treibhausgase frei wie kein anderes Lebensmittel. Bild: Keystone

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Anna ist 22, studiert Biochemie mit Schwerpunkt Umweltschutz und isst kein Fleisch. Ihr Freund Peter ist 24 und Physiker, der einen Master-Studiengang zur Windenergie absolviert. Auch er ist Vegetarier. Die beiden handeln aus ethischer Überzeugung – aber Mitleid für Tiere treibt sie nicht an. «Uns geht es um die Umwelt», sagen sie. «Wer etwas gegen Klimaerwärmung tun will, sollte kein Fleisch essen.»

Sonderlich weit verbreitet ist die Ansicht, dass Fleischkonsum dem Klima schadet, bisher aber noch nicht. Dabei sind die Fakten seit Jahren bekannt. Die landwirtschaftliche Tierhaltung ist für 18 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich – für mehr als das Transportwesen. Bei der Tierhaltung wird nicht nur CO2 freigesetzt. Die Verdauung von Rindern produziert grosse Mengen Methan, das 23-mal stärker zur Erderwärmung beiträgt als CO2. Im Kot von Tieren sind Stickoxide enthalten, welche die 296-fache Wärmewirkung haben. Forscher haben errechnet, dass bei der Produktion eines halben Kilos Rindfleisch so viel Klimagase entstehen wie bei einer 35 Kilometer langen Fahrt mit einem Mittelklassewagen. Die Gewinnung der gleichen Menge an Kartoffeln macht mit demselben Auto gerade mal die Fahrt zum nächsten Einkaufszentrum aus, nämlich 600 Meter.

Riesiger Landverbrauch

Zudem «fressen» Nutztiere Land: 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden für die Fleischproduktion genutzt. Und der Landfrass geht weiter. «Der treibende Faktor für die Abholzung des Regenwalds ist die Expansion der Nutztierhaltung», sagt der Schweizer Samuel Jutzi, Leiter der Abteilung für Tierhaltung bei der UNO-Landwirtschaftsorganisation (FAO) in Rom. «Das Land wird entweder für den Anbau von Tierfutter oder als Weideland genutzt.»

Unter Jutzis Aufsicht untersuchte die FAO die Auswirkungen der Fleischproduktion auf das Klima. Ihre Befunde sorgten 2006 weltweit für Aufsehen. Im Februar zog die UNO-Organisation mit einem weiteren Bericht zur landwirtschaftlichen Tierhaltung nach. Sie warnt, dass der Hunger nach Fleisch rund um den Globus rapide wächst.

Fleisch, ein Statussymbol

Fast überall ist Fleisch auf dem Teller ein Statussymbol. Je wohlhabender die Menschen werden, desto mehr Fleisch essen sie. Das chinesische 1,4-Milliarden-Volk fällt besonders ins Gewicht. Dort ist der jährliche Fleischkonsum pro Kopf zwischen 1995 und 2005 von 38,2 auf 59,5 Kilogramm gestiegen. Und die Entwicklung geht im selben Tempo weiter. Zum Vergleich: In der Schweiz stagniert der Fleischkonsum bei 72,3 Kilogramm pro Kopf; Amerikaner es-sen durchschnittlich 126,6 Kilogramm Fleisch im Jahr – in Malawi sind es 4,6.

Weltweit werden derzeit 228 Millionen Tonnen Fleisch im Jahr produziert. Bis 2050 wird sich die Menge laut der FAO mehr als verdoppeln: auf 463 Millionen Tonnen. Für Kleinbauern ist das keine gute Nachricht. «Wegen der zunehmenden Verstädterung entstehen riesige Konsumzentren», sagt Jutzi. «Deren Nachfrage zu befriedigen, ist für Kleinbauern unmöglich.»

Klimafreundliche Tierfabriken

Sogar in den ärmsten Ländern der Welt entstehen immer mehr Tierfabriken. Positiv daran ist, dass sie immerhin den Ausstoss von Klimagasen pro Kilogramm Fleisch vermindern, weil viel weniger Land pro Tier notwendig ist. «Intensivierung der Produktion kann die Freisetzung von Treibhausgasen durch Abholzung und Überweidung reduzieren», schreibt die FAO. Zwar ergeben sich andere Umweltfragen, etwa durch die grossen Kotmengen, die bei der intensiven Tierhaltung anfallen. Doch diese sind laut dem FAO-Bericht lösbar. Für die intensive Produktion sind Geflügel und Schweine geeignet, die mit Getreide gefüttert werden. Die sogenannte Konversionsrate bei Geflügel liegt bei 1,6, das heisst, für die Produktion von einem Kilogramm Hühnerfleisch sind 1,6 Kilogramm Futter notwendig. Bei Rindern, die vor allem Gras fressen, beträgt die Konversionsrate 7. «Die Nutzungseffizienz von Getreide in der Tierhaltung ist in der Vergangenheit ständig gewachsen», sagt FAO-Experte Jutzi. «Doch man wird irgendwann an Grenzen stossen.»

Cervelat und Braten als Luxus

Seit Jahren steigt die Nachfrage nach Fleisch, während die Preise weitgehend stabil blieben. Aber auch hier kann die Entwicklung nicht ewig so weitergehen: Die Preise werden steigen. Für den Klimaschutz ist das eine gute Nachricht. «Über den Preis kann der Verbrauch einer grossen Palette von Produkten gesteuert werden, abhängig vom Kohlenstoffgehalt», heisst es in einem internen Diskussionspapier der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit OECD, zu der auch die Schweiz gehört. Bei einem Cervelat würden die CO2-Kosten den Preis deutlich erhöhen. Und der Sonntagsbraten wäre wieder ein echter Luxus.

Regula Kennel von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, warnt davor, ausländisches mit Schweizer Fleisch zu vergleichen. Zwar entstünden auch bei der Produktion von Steaks in der Schweiz klimaschädigende Gase. Doch das einheimische Produkt habe deutliche Vorteile: «Bei uns wird Land für Fleischproduktion genutzt, das sonst nicht nutzbar ist. Und die Transportwege zum Verbraucher sind kurz.»

Kennzeichnung für klimafreundliche Produkte

Die Entwicklung von einheitlichen Standards für die CO2-Erhebung ist aber schon weit fortgeschritten. In Grossbritannien, Japan und den USA gibt es viele Produkte, deren CO2-Bilanz auf der Verpackung angegeben wird. Bei der Migros werden einzelne Produkte mit dem Climatop-Label als besonders klimafreundlich gekennzeichnet.

FAO-Experte Jutzi findet jede zusätzliche Information sinnvoll. «Ich sage nicht, dass man den Fleischkonsum reduzieren sollte, um die Umwelt zu schonen», meint der Schweizer Experte. «Aber man sollte Produkte so auswählen, dass man sich umweltbewusst ernährt. Wenn man ein Auto kauft, achtet man ja auch darauf, dass es die Umwelt möglichst wenig belastet.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2010, 21:09 Uhr

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