Totgesagte fliegen weiter

Weil es den Waldrapp nur noch in Zoos gibt, ziehen Forscher die Jungtiere auf. Dabei zeigen sie ihnen die Route zum Winterquartier. Im Gegenzug gewähren die Vögel Einblick in das Geheimnis ihrer Flugkunst.

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Wenn der schwarz gefiederte Waldrapp sich von seinem Brutgebiet aus auf die Reise Richtung Süden macht, vollführt er in hohen Lüften ein beeindruckendes Naturschauspiel. Denn nach kurzer Zeit fliegen die etwas mehr als ein Dutzend Zugvögel in einer V-Formation am Himmel. Immer schön einer hinter dem anderen und jeweils seitlich versetzt zueinander. Als wäre dies ein ungeschriebenes Gesetz.

«Jeder hält in etwa einen Meter Abstand zum vorderen Zugvogel und fliegt im 45-Grad-Winkel von ihm», sagt der österreichische Biologe Johannes Fritz, der das europäische Waldrapp-Projekt leitet. Gemeinsam mit Experten in Grossbritannien hat er nun in der Fachzeitschrift «Nature» eine Studie über das Flugverhalten des zu den Ibissen gehörenden, rund 1,3 Kilogramm schweren Schreitvogels veröffentlicht.

Laut den Forschern ist es das erste Mal, dass man die genaue Position der Zugvögel in einer V-Formation gemessen hat. Damit dies gelingt, haben die britischen Wissenschaftler um Steven Portugal von der University of London einen kleinen, nur 23 Gramm schweren, multifunktionalen Datenlogger entwickelt. Und die österreichischen Ornithologen des Waldrapp-Projekts haben vierzehn, aus dem Zoo stammende Waldrappen kurz nach dem Schlüpfen von Hand aufgezogen und auf den Flug von Österreich nach Italien vorbereitet. «Wir konnten jetzt erstmals nachweisen, dass die Zugvögel exakt die in der Theorie vorhergesagten, aerodynamisch besten Position im Schwarm einnehmen», sagt Fritz. Es sei erstaunlich, wie gut sich selbst junge, noch unerfahrene Waldrappen die in der Flugformation entstehenden Luftturbulenzen zunutze machen könnten.

Der Letzte seiner Art

Der Waldrapp fällt durch sein skurriles Aussehen auf. Er ist rund 75 Zentimeter gross, hat einen roten, leicht gebogenen Schnabel, einen kahlen Schädel, gesäumt von langen, abstehenden, schwarzen Federn. Doch in freier Wildbahn ist er als Zugvogel faktisch ausgestorben. Seit dem Frühjahr 2013 hat sich der Bestand an wilden Waldrappen, die noch das arttypische Zugverhalten zeigen, auf ein einziges Individuum im Mittleren Osten reduziert. «Sein Brutgebiet ist in Syrien, sein Wintergebiet in Äthiopien», sagt Fritz. Man habe momentan aber keine aktuellen Informationen und wisse deshalb nicht, ob er noch lebe.

Bis ins 17. Jahrhundert war der Zugvogel in Mitteleuropa noch heimisch. Doch dann machten ihm Jäger aufgrund seines wohlschmeckendes Fleisches und seiner geringen Scheu den Garaus. Mit der Folge, dass die Art in Europa nur in Gefangenschaft überlebt hat. Deshalb kämpft der Biologe Johannes Fritz zusammen mit seinem Team darum, die ausgerottete Zugvogelart nun mithilfe eines von der Europäischen Gemeinschaft mitfinanzierten Projekts in Deutschland, Österreich und Italienwieder in die Freiheit zu entlassen.

Noch nie zuvor habe jemand dies versucht, sagt Fritz. Denn man müsse den Jungtieren aus dem Zoo zuerst die Flugroute ins Winterquartier beibringen. Aus Berichten des Schweizer Naturforschers Conrad Gesner aus dem 16. Jahrhundert, der als Erster den Waldrapp wissenschaftlich beschrieben habe, wisse man aber, dass der Vogel damals im Frühling an bestimmten Orten in Österreich, Süddeutschland und der Schweiz gebrütet habe und Ende Sommer weggeflogen sei.

Die Lagune von Orbetello in der Toskana erwies sich als geeignetes Winterquartier für die Waldrappe. Durch Handaufzucht gelang es, die unerfahrenen Jungtiere an ein Ultraleichtfluggerät zu gewöhnen und mit diesem eine Zugroute vorzugeben. «Die 3,5 Monate alten Jungtiere folgten ihren menschlichen Zieheltern», sagt Fritz. Auch nach Jahren erkennen die Vögel sie noch, begrüssen sie mit Kopfnicken und dem Grusslaut «Chrup, chrup».

Erste Rückkehrer

Bereits im Jahr 2004 leiteten die Ersatzeltern zum ersten Mal eine Gruppe Jungtiere erfolgreich vom nördlichen Alpenvorland bis in die südliche Toskana. Dort werden die Tiere flügge und nur noch extensiv betreut. Auch den Weg zurück ins vertraute Brutgebiet müssen sie danach allein finden. Erfahrungsgemäss kehren sie mit Erreichen der Geschlechtsreife in ihr vertrautes Sommergebiet zurück. Seit drei Jahren gibt es sogar erste Rückkehrer, die selbstständig wieder nach Italien aufbrechen und die in ihrem Brutgebiet aufgewachsenen Jungvögel mitnehmen.

Durch diese Form der sozialen Weitergabe liess sich erstmals eine Zugtradition bei einer Zugvogelart wieder einrichten und auch ein standardisiertes Experiment über das Zugverhalten untersuchen – und dies ausgerechnet mit einer Vogelart, die in freier Wildbahn ausgerottet ist. Um eine stabile Population aufzubauen und zu etablieren, braucht es jedoch mindestens 120 Individuen. Zurzeit überwintern in der Toskana insgesamt um die zwanzig Tiere, da es in den vergangenen Jahren auch immer wieder Verluste gab.

Mit Akribie und grossem Aufwand betrieben, belegt die neue Studie jetzt mit einem Freilandversuch, dass Zugvögel tatsächlich in der V-Formation fliegen, um Energie zu sparen. Durch den Flügelschlag des vorderen Vogels nutzen sie den entstandenen Auftrieb optimal, indem sie ihre Flügel synchron mit ihm schlagen und dabei den genau richtigen Abstand einhalten. «Würden sie ihre Flügel entgegengesetzt auf- und abbewegen und alle hintereinanderfliegen, wäre der Energiespar-Effekt dahin», erklärt der Biologe Johannes Fritz.

Beim Experiment mit den Waldrappen zeigte sich zudem, dass nicht immer der gleiche Vogel an der Spitze ist, sondern sie sich abwechseln. Des Weiteren konnten die Forscher beobachten, dass zum Beispiel Nestgeschwister, die eine enge soziale Beziehung bereits am Boden hatten, auch in der Luft zusammenblieben und hintereinanderflogen.

Er hoffe, dass die Studie auch dem Wiederansiedlungsprojekt den nötigen Auftrieb gebe, sagt Johannes Fritz. Denn der Waldrapp, der sich vor allem von Larven und Würmern im Boden ernähre, sei zwar sehr nützlich für die natürliche Schädlingsbekämpfung. Doch die einst hier ausgerottete Vogelart habe in Italien immer noch ein paar Jäger als Feinde. «Dies ist Wilderei und strafbar», erklärt der Biologe. Deshalb müsse man dort mit Aufklärungskampagnen noch mehr für seinen Schutz tun.

Erstellt: 15.01.2014, 17:15 Uhr

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