UNO macht Druck: Guterres fordert «netto null» bis 2050

UNO-Generalsekretär António Guterres lädt zum Klimagipfel nach New York und verlangt von Regierungen grössere Anstrengungen im Klimaschutz.

Eine riesige «Kohlenstoffuhr» von jungen Aktivisten in Berlin macht auf die Erderwärmung aufmerksam. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

Eine riesige «Kohlenstoffuhr» von jungen Aktivisten in Berlin macht auf die Erderwärmung aufmerksam. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

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LinkUNO-Generalsekretär António Guterres hat grosse Erwartungen. Wenn er am nächsten Montag eine stattliche Zahl Regierungs- und Staatschefs in New York empfängt, will er mehr als nur vorgeführten Goodwill in der Öffentlichkeit. Er fordert: den Ausstieg aus der Kohlekraft, eine Abkehr von den Subventionen für Kohle, Erdöl und Erdgas und Steuern für Produzenten von Treibhausgasen. «Ich will in New York hören, wie wir die Emissionen dramatisch reduzieren, um bis Mitte des Jahrhunderts auf netto null zu sein.» Praktisch heisst das: Ausstieg aus der fossilen Energie.

«In New York soll der politische Druck im internationalen Klimaschutz aufrechterhalten werden», sagt Franz Perrez, Leiter der Klimaverhandlungen in der Schweizer Delegation. Alle fünf Jahre müssen gemäss Pariser Abkommen die Klimaziele verschärft werden. Nächstes Jahr ist es wieder so weit nach dem Vertragsabschluss 2015.

Guterres will jedoch nicht so lange warten, er versucht die ­Regierungen jetzt schon unter Druck zu setzen. Denn seit dem letzten Jahr hat sich die Ausgangslage verändert. Im Klimaabkommen heisst es zwar pointiert, dass «der Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter 2 Grad Celsius bleiben soll». Das ist das prioritäre Ziel des Klimavertrages. Doch diese Marke scheint längstens vergessen zu sein.

Wirtschaftliche Vorteile

Seit der Weltklimarat IPCC in seinem Bericht im letzten Herbst deutlich gemacht hat, dass bereits eine Erderwärmung um 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit in vielen Regionen dramatische ökologische Folgen haben kann, hat sich auch in der internationalen Politik ein Wandel vollzogen. «Nun konzentrieren sich die Regierungen viel stärker auf das schärfere Ziel», sagt Perrez. Und Guterres verlangt nun «konkrete, realistische Pläne», um eine Erwärmung der Erdoberfläche um 1,5 Grad zu verhindern.

Klimaforscher sprechen diesbezüglich in einem heute erschienenen Artikel im renommierten Fachmagazin «Science» sogar von einem «Imperativ». In den nächsten zehn Jahren müssten deshalb die Massnahmen im Klimaschutz stark verschärft werden, sodass eine massive Reduktion der Treibhausgase eintrifft. Geht die Erderwärmung im gleichen Stil weiter wie bisher, so wird die 1,5-Grad-Marke gemäss den Autoren zwischen 2030 und 2052 erreicht – je nachdem, welches Klimamodell verwendet wird und von welchem Anstieg der Treibhausgase man ausgeht.

Die «Science»-Redaktion hat den Beitrag der Klimaforscher gut terminiert. Die Autoren sprechen denn auch eines der Schlüsselthemen in der Politik an: die Kosten. «Der mögliche ökonomische Benefit bei einer Begrenzung der Erderwärmung bei 1,5 Grad dürfte die Investitionen, um dieses Ziel zu erreichen, mindestens vier- bis fünfmal übertreffen.»

0,5 Grad mehr ist zu viel

Auch wenn diese Schätzungen noch grosse Unsicherheiten aufweisen, so ist die Grundlage dafür heute sehr solide. Eine Erderwärmung um 1 Grad ist bereits Tatsache. Die Wissenschaftler können deshalb als Basis die gegenwärtigen Beobachtungen nehmen – und diese sind bereits alarmierend: Zum Beispiel sind die Zahl und die Dauer der Hitzewellen in Europa, in Nordamerika und in Australien angestiegen. Die Zahl tropischer Wirbelstürme pro Jahr hat zwar abgenommen, dafür gibt es immer mehr stärkere Zyklone. Ebenso steigt die Zahl der Dürreperioden in Südeuropa, Nordafrika und im Nahen Osten. Die Fläche des jährlich entstehenden arktischen Meereises, das eine wichtige Rolle für das Klimasystem in der Nordhemisphäre spielt, ist in den letzten 30 Jahren massiv kleiner geworden. Das ist nur eine kleine Auswahl starker negativer Effekte auf die Natur und die Infrastruktur des Menschen. «Es ist wichtig, zu erkennen, dass bereits bei einer Erwärmung um 1 Grad fundamentale Veränderungen in biologischen Systemen im Gange sind», schreiben die Autoren.

Eine weitere Erwärmung um nur 0,5 Grad wird – regional indes unterschiedlich – die Folgen weiter verschlimmern. Noch mehr Überschwemmungen, längere Trockenzeiten, Ernteverluste, Zerstörung von Infrastruktur. Wirtschaftlich die grössten Leidtragenden sind gemäss den Autoren Staaten mit mittleren und kleinen Einkommen.

Das Pariser Abkommen hat denn auch festgelegt, dass die reichen Staaten in einer ersten Phase mehr in den Klimaschutz investieren müssen als Schwellen- und Entwicklungsländer. Die freiwilligen Anstrengungen, welche die Industriestaaten als Ziel bis 2030 formulierten, reichen bei weitem nicht aus, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen.

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Nun macht der UNO-Generalsekretär Druck auf die Staaten, langfristige Ziele bis 2050 zu beschliessen. «Es ist Zeit für Plan A», wird der Besucher der Konferenz-Website begrüsst. Einen Plan B gibt es eigentlich nicht, und orientiert man sich nach der Wissenschaft, wie es das Klimaabkommen verlangt, so gibt es auch keinen Platz für Kompromisse mehr.

Innerhalb der G-20-Staaten, welche die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer repräsentieren, haben sich bisher nur Japan und Grossbritannien ein «Netto null»-Ziel gesetzt. Insgesamt gibt es bisher nur 15 Staaten, darunter die Schweiz, die sich an einem langfristigen Ziel bis 2050 orientieren wollen.

Forderung nach Geld

Von den grössten CO2-Produzenten China und USA, die 40 Prozent der globalen Emissionen verursachen, ist in New York keine Verschärfung der Klimaziele zu erwarten. Die US-Regierung wird vermutlich an der nächsten Klimakonferenz im Dezember den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen einreichen.

China und Indien forderten vor wenigen Tagen die Industriestaaten dazu auf, ihr Versprechen einzuhalten, ab 2020 jedes Jahr 100 Milliarden Dollar für Klimaprojekte zu mobilisieren. Die Entwicklungsländer fordern bei jeder Klimakonferenz eine stärkere finanzielle Unterstützung. Erst dann sind sie gewillt, mehr für den Klimaschutz zu unternehmen.

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Daten, wie viel Geld bisher für den Klimaschutz von den Industriestaaten in die Entwicklungsländer geflossen ist, sind nur schwierig einsehbar. Das Komitee für Finanzen im Rahmen der UNO-Klimarahmenkonvention schätzt den Finanzfluss in Klimaprojekte weltweit von 2010 bis 2016 auf 2000 bis 3450 Milliarden US-Dollar. Ein kleiner Teil wird in Entwicklungsländern investiert.Gleichzeitig wird jedoch die fossile Energie gemäss der Internationalen Energieagentur (IEA) immer noch mit mehr als 400 Milliarden Dollar pro Jahr subventioniert.

UNO-Generalsekretär António Guterres setzt nicht nur auf den Ehrgeiz der Regierungen, er erhofft sich auch aus der Wirtschaft eine stärkere Bereitschaft, in den Klimaschutz zu investieren. Bisher haben sich 34 Unternehmen mit einem Jahresumsatz von je mindestens einer Milliarde Dollar zum Ziel gesetzt, ihre Emissionen auf netto null zu senken. Darunter sind Google, Microsoft, Siemens, Daimler.

Erstellt: 19.09.2019, 20:40 Uhr

Schweiz mit langfristigem ZielWeltweiter Klimaschutz

Die Schweiz wird am Klimagipfel in New York den Beschluss des Bundesrates präsentieren. Das Reduktionsziel für Treibhausgase bis zum Jahr 2050 soll erhöht werden. Die Emissionen in der Schweiz sollen dann eine «Netto null»-Bilanz aufweisen. Bundespräsident Ueli Maurer wird aber nicht mit einem konkreten Plan brillieren können. Dieser soll erst Ende 2020 vorliegen. Als Erstes muss das Parlament die Revision des CO?-Gesetzes beschliessen, in dem die Massnahmen festgehalten werden, um die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren. Das wird jedoch vor Ende dieses Jahres nicht der Fall sein. (lae)

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