US-Energielobby kauft sich in Schulbücher ein

Der Klimawandel ist eine Lüge: Das wollte eine Lobbyorganisation in US-Lehrmitteln festschreiben. Deutsche Forscher kommen gleichzeitig zum Schluss: Die Arktis schmilzt noch schneller als angenommen.

Das Eis könnte bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts völlig verschwinden: Eisbrocken treiben in der Arktischen See vor Alaska.

Das Eis könnte bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts völlig verschwinden: Eisbrocken treiben in der Arktischen See vor Alaska. Bild: Keystone

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In den USA sorgen Enthüllungen über die Methoden von Klimaskeptikern für Schlagzeilen. Der demokratische Abgeordnete Raul Grijalva forderte gestern eine Anhörung im zuständigen Parlamentsausschuss, um Vorwürfe zu prüfen, wonach ein beim Innenministerium angestellter Forscher für ein Kapitel in einem klimaskeptischen Buch monatlich 1000 Dollar vom konservativen Heartland-Institut bekommen haben soll. Das Institut vertritt die Position, so etwas wie eine Klimaerwärmung gebe es nicht.

Ein Mitarbeiter des Energieministeriums bekam internen Dokumenten zufolge sogar vierteljährlich 25'000 Dollar für Entwürfe für Schulmaterial. Die internen Dokumente waren bereits in der vergangenen Woche im Internet veröffentlicht worden. Sie deckten unter anderem auf, dass das Heartland-Institut hunderttausende Dollar an Spenden von der Energieindustrie erhielt – und wofür es das Geld ausgibt. Demnach will das Institut 200'000 Dollar in das fragliche Schulmaterial zum Klimawandel investieren, das Schüler davon überzeugen soll, dass der Klimawandel in der Fachwelt hochumstritten ist.

Forscher schlich sich rein

Das Institut erklärte nach der Veröffentlichung, eines der Dokumente sei gefälscht. Eine Interview-Anfrage der Nachrichtenagentur AFP wurde nicht beantwortet. Am Montag räumte der US-Klimaforscher Peter Gleick ein, sich die Dokumente unter falschem Namen besorgt zu haben. Er entschuldigte sich und erklärte zu seiner Verteidigung, er sei frustriert gewesen «über die anhaltenden Versuche – oft anonym, gut finanziert und koordiniert – die Klimaforschung und -forscher zu attackieren».

Ende 2009 hatte kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen die Veröffentlichung angeblich gefälschter Klimadaten weltweit für Aufsehen gesorgt. Bei der sogenannten Climategate-Affäre hatten Hacker tausende interne E-Mails von Forschern der britischen Universität von East Anglia im Internet veröffentlicht. Daraufhin warfen Kritiker den Klima-Experten vor, Daten vertuscht zu haben, die Zweifel an der These der Erderwärmung nähren.

Arktis schmilzt schneller

Ironischerweise haben genau heute deutsche Forscher ein neues Klimamodell vorgestellt. Dieses soll zeigen, dass das Arktis-Eis schneller schmilzt als bisher gedacht. Es wird völlig verschwinden, wenn die Treibhausgase weiter stark zunehmen. Eine Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad ist aber theoretisch noch möglich.

Die Klimasimulationen stammen vom Max-Planck-Institut für Meteorologie und dem Deutschen Klimarechenzentrum. Die Forscher errechneten verschiedene Szenarien für die weitere Entwicklung – abhängig davon, wie viel des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) künftig ausgestossen wird.

Wenn die Erderwärmung unter zwei Grad Celsius bleibt, geht das Meereis zwar noch weiter zurück, aber nicht völlig weg. Bei einem starken Anstieg der Treibhausgase werde es aber eine extreme Abnahme des Sommermeereises geben. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts sei es dann völlig weg.

Reversibler Vorgang

Durch das Schmelzen der Eisflächen strahlt weniger Sonnenenergie in das Weltall zurück und erwärmt stattdessen zusätzlich den Ozean. Heftig diskutiert wird in der Wissenschaft die Frage, ob das abgeschmolzene Eis für immer weg ist. Die Forscher sind überzeugt: Sollte der Ausstoss des CO2 stark reduziert werden und es wieder deutlich kälter werden, könnte das Meereis sogar nach einem totalen Abschmelzen der Arktis zurückkommen.

Die internationale Staatengemeinschaft hatte sich die Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad als Ziel gesetzt, doch erst 2020 soll ein weitreichender Vertrag zu den Treibhausgasemissionen folgen. Nur mit grössten Anstrengungen sei diese moderate Erwärmung noch zu erreichen, sagte der Direktor des Max-Planck-Instituts, Jochem Marotzke.

Die Voraussetzungen: «Wir müssen die Kohlendioxid-Emissionen ab 2020 mindern und sie bis Ende des Jahrhunderts auf zehn Prozent des Stands von 2000 herunterfahren», erläuterte Marotzke. «Die ökonomischen Modelle sagen, dass ein solcher Pfad für die Menschheit möglich ist.»

Vier Grad wärmer?

Er persönlich sei jedoch sehr skeptisch, dass dieses Ziel noch erreicht wird. «Falls die CO2-Emissionen ungebremst weiter ansteigen, erwarten wir in unserem Modell eine weitere Erwärmung bis zum Jahr 2100 um vier Grad im globalen Mittel», sagte Marotzke.

Die Folgen wären vielfältig: «Wir würden weltweit mehr länger anhaltende und auch drastischere Hitzewellen haben.» Zudem würden die Ozeane erheblich rascher versauern. «Die Berechnungen zeigen, dass der Ozean durch die CO2-Belastung bereits um etwa 30 Prozent saurer als vor der Industrialisierung geworden ist», sagte Forscher Johann Jungclaus.

Einfluss von Waldrodungen

Die Forscher fanden zudem, dass sich die C02-Konzentration in der Atmosphäre bereits von 1750 an verändert hat. «Wir führen das darauf zurück, dass der Mensch seit tausenden Jahren Landwirtschaft betreibt», sagte der Wissenschaftler Christian Reick.

Dabei seien weltweit Wälder gerodet worden, der gebundene Kohlenstoff wurde in die Atmosphäre abgegeben. «Das setzte also schon vor der industriellen Revolution ein, bevor der Mensch fossile Energieträger wie Öl und Kohle für seinen Energiebedarf verwendete.» (ami/AFP)

Erstellt: 23.02.2012, 15:21 Uhr

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