Ueli Steck bricht Everest-Expedition ab

Ueli Steck ist wohlauf und zurück im Basislager. Die Expedition ist für ihn nach dem Streit mit den Sherpas aber vorzeitig zu Ende. Die Frage drängt sich auf, weshalb die Einheimischen derart ausgerastet sind.

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Entwarnung über den Gesundheitszustand von Ueli Steck: Im Gespräch mit dem italienischen Bergsteigerportal Planetmountain.com sagte sein italienischer Weggefährte Simone Moro am Dienstag: «Wir sind alle drei wohlauf. Ich selber werde noch in Nepal bleiben, aber Ueli und Jonathan werden nach Hause zurückreisen.» Steck soll nach seinem Kurzaufenthalt in Kathmandu nach der üblen Schlägerei vom Samstag bereits wieder zu seinen Kameraden ins Basislager des Mount Everest zurückgekehrt sein. Sie hätten den ganzen Montag lang mit Meetings mit Expeditionsleitern, Sherpas und Offiziellen der Regierung verbracht, um herauszufinden, was am Samstag eigentlich genau geschehen war, und um die Situation auf dem bestmöglichen Weg lösen zu können.

Steck ist in Sicherheit

Wie Paudel Dipendra als Tourismusverantwortlicher der Khumbu-Region verlautete, ist die Sicherheit Ueli Stecks, des Italieners Simone Moro und des Englischen Fotografen Jonathan Griffith gewährleistet. Ein Missverständnis habe offenbar zu dieser Eskalation geführt: «Das Problem konnte aber gelöst werden, und die Bergsteiger sind wieder zurück im Basislager.»

Am Samstag waren der Ringgenberger Berufsalpinist und seine Kameraden bei ihrem Aufstieg ins Lager 3 des Mount Everest auf der Meereshöhe von gut 7200 Metern in einen verbalen Konflikt mit Sherpas geraten, welche dort Fixseile installierten. Später wurden die drei nach ihrer Rückkehr ins Lager 2 von einer Hundertschaft Sherpas verprügelt. Auch wurden sie mit Steinen beworfen und mit Todesdrohungen konfrontiert.

Fehlverhalten oder nicht?

Anish Gupta von Cho-Oyu-Trekking, dem Trekkingveranstalter, der Steck die Logistik zur Verfügung gestellt hatte, spricht von einem Fehlverhalten der drei Bergsteiger: «Es scheint, dass sie Hinweise von Sherpas missachtet haben, als sie auf einer vereisten Stelle unterwegs waren.» Ueli Steck teilt diese Darstellung nicht. Man habe die Arbeit der Sherpas nicht behindert: «Ich glaube viel mehr, dass der Chef-Sherpa müde und ausgekühlt war.» Ausserdem sei er wohl in seinem Stolz verletzt worden, als die drei Europäer ihn und seine 17 Mitarbeiter schnell und ohne Seilsicherung weiter rechts passiert hätten. Auch könnten laut Steck kulturelle Differenzen den Streit ausgelöst haben: «Die Attacke ist das Resultat eines langanhaltenden Problems zwischen Westlern und Nepalesen am Mount Everest.»

«Kann Ueli nicht verstehen»

Einer der erfahrensten Alpinisten der Welt ist Oswald Oelz. Der 69-jährige Professor, Höhenmediziner und mehrfache Buchautor erklärt auf Anfrage: «Die Sherpas haben gemerkt, dass sich mit dem Everest Geld verdienen lässt.» Die Lohtse-Flanke gehöre heute den Sherpas, wie der Hörnligrat zum Matterhorn den Zermatter Bergführern gehört. «Obwohl ich die momentanen Verhältnisse am Everest nicht selber kenne, kann ich nicht verstehen, wieso Ueli über die gut frequentierte Normalroute aufsteigen will, und nicht über die Westridge. Es ist nachvollziehbar, dass die temperamentvollen Einheimischen dort solche Konkurrenz als störend empfinden. Wenn dann in diesem Spannungsfeld auch noch die Nerven blankliegen, kann halt schon so etwas passieren.»

Kein Gleitschirmflug geplant

Es stellt sich auch die Frage, ob es noch einen weiteren Grund für den Konflikt gegeben hat. So sorgten in jüngster Vergangenheit auch westliche Gleitschirmpiloten im Himalaja- und Pamir-Gebirge wiederholt für den Unmut der Einheimischen. Beabsichtigte Ueli Steck, der seit einiger Zeit selber auch fliegt, mit dem Gleitschirm vom Mount Everest zufliegen, was ein weiterer Grund für die Auseinandersetzungen hätte sein können? Peter Fanconi als Stecks Freund und Expeditionsmanager bestätigte gestern gegenüber dieser Zeitung, dass Ueli dies nicht vorhatte. «In der Tat ist es im Everest Nationalpark obligatorisch, für Gleitschirmflüge eine vorgängige Bewilligung zu bekommen. Wer das nicht tut, kann sich grossen Ärger einhandeln.» An einigen Bergen im asiatischen Raum sehen die Einheimischen das Befliegen durch Ausländer als Entweihung ihres Bergs an – so auch am Muztagh Ata.

Erstellt: 01.05.2013, 09:06 Uhr

«Wir haben ihnen verziehen»

In einem Interview mit dem italienischen Bergsteigerportal Planetmountain.com geht Ueli Stecks Gefährte Simone Moro auf die Geschehnisse ein. «Was da passiert ist, zeigt wohl nur die Spitze des Eisbergs. Unser Zwischenfall liess den Geduldsfaden der Sherpas reissen», sagt Simone Moro (45). Er glaubt wie Ueli Steck, dass bei den einheimischen Nepalesen ein gewaltiges Frustpotenzial vorhanden sein muss. «Es war da oben auf 7200 Metern kalt und stürmisch. Uns drei unangeseilt und schnell im Alpinstil 50 Meter rechts neben sich aufsteigen zu sehen, muss die arbeitenden Sherpas nervös und möglicherweise auch neidisch gemacht haben», erzählt der Bergführer aus Bergamo.

Er war es, der auf die lautstarken Vorwürfe der Sherpas dann schliesslich auch laut geworden war. « Ausgegangen sei die Aggression eigentlich nur von 3 bis 4 Sherpas. «Wer weiss, was für Lügen die den anderen fast 100 erzählten?»

Laut Simone Moro werden Ueli Steck und Jonathan Griffith in den nächsten Tagen nach Hause zurückreisen: «Ich selber bleibe aber wohl noch da, um ein paar Helikoptereinsätze für die Sherpas zu fliegen.» Und: «Der Everest ist heute ein Geschäft, und es gibt zu viele Helden. Wichtig ist für uns, dass wir inzwischen eine offizielle Entschuldigung von den Sherpas und Sirdars bekommen haben. Wir haben ihnen verziehen und sie in unsere Arme genommen.

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