Unser entfernter Verwandter

Forscher haben das Erbgut des Gorillas entschlüsselt. Der grösste Menschenaffe ist dem Menschen genetisch ähnlicher als erwartet. Unser nächster Verwandter bleibt aber der Schimpanse.

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Sie hat einen kräftigen und muskulösen Körperbau, einen behäbigen Gang, einen ernsten Blick aufgrund der stark ausgeprägten Wülste über den dunklen Augen und eine auffällig braune Kappe an der Oberseite des Kopfes. Mit ihren 34 Jahren ist die Gorilladame Kamilah aus San Diego schon dreifache Oma – allesamt Nachkommen von ihrem Sohn Paul Donn, einem prächtigen Silberrücken und dominanten Gruppenanführer.

Eigentlich ist Kamilah eine ganz normale Vertreterin der Westlichen Flachlandgorillas und im Vergleich zu anderen Artgenossen im Zoo nichts Aussergewöhnliches. Zuletzt wurde über sie vor knapp einem Jahr berichtet, als sie für eine grössere Untersuchung ins Veterinärmedizinische Center auf dem Safari-Park des Zoos transportiert wurde, und man wegen ihres stolzen Gewichts von 136 Kilogramm Probleme erwartete. Doch der medizinische Check-up unter Narkose verlief trotz aller Befürchtungen reibungslos, und sie konnte alsbald wieder zurückgebracht werden. Jetzt steht das grosse Gorillaweibchen aus Kalifornien jedoch richtig im Rampenlicht.

Eigener Zweig im Stammbaum

Denn heute gibt ein internationales Forscherteam aus neun Ländern – darunter auch Wissenschaftler der Universität Genf – in der Fachzeitschrift «Nature» bekannt, erstmals das Genom eines Gorillas vollständig entschlüsselt zu haben. Es handelt sich dabei um das Erbgut von Kamilah aus San Diego. Ziel der Forschung ist es, die Evolution der Menschenaffen zu verstehen und wie sich die Uraffen damals so unterschiedlich entwickeln konnten.

Wenn man die stammesgeschichtlichen Wurzeln des Menschen zurückverfolgt, ist der Gorilla gleich nach dem Schimpansen unser nächster lebender Verwandter aus der Familie der Primaten. Mithilfe der genetischen Daten zusammen mit den bisherigen Erkenntnissen aus Fossilfunden haben die Forscher nun berechnet, dass der letzte gemeinsame Vorfahr, den wir mit Schimpansen und Bonobos teilen, vor rund 6 Millionen Jahren lebte. Und dass sich die Wege dieser Ahnen vor etwa 10 Millionen Jahren vom Gorilla trennten. Ein paar Millionen Jahre früher hatte sich der Orang-Utan bereits abgespalten.

Schimpanse ist nach wie vor der engste Verwandte

Mensch und Gorilla sind der neuen Studie zufolge nicht so weit voneinander entfernt, wie bisher vermutet wurde. Wie die Experten nun herausgefunden haben, ist bei 30 Prozent des Gorillagenoms der Unterschied zu den entsprechenden Sequenzen im Menschen- oder Schimpansengenom kleiner als der Abstand zwischen dem Schimpansen- und Menschengenom. Zudem haben sich die Gene, die das Hören betreffen, bei Menschen und Gorillas mit ähnlicher Geschwindigkeit entwickelt.

Diese Erkenntnis widerspricht einer Hypothese, wonach die Entwicklung der Sprache beim Menschen mit der Entwicklung des Gehörs zusammenhängen könnte. Dennoch seien sich Mensch und Schimpanse nach wie vor genetisch am ähnlichsten, sagte Chris Tyler-Smith vom Wellcome Trust Sanger Institute in Hinxton an einer Telefonkonferenz von «Nature».

Vom Aussterben bedroht

Gorillas sind die grössten Menschenaffen und ernähren sich in der Wildnis hauptsächlich von Blättern. Tagsüber streifen sie auf der Suche nach Nahrung durch die Wälder Zentralafrikas. Fast immer leben sie in Haremgruppen, angeführt von einem starken Männchen. Im Unterschied zu anderen Affen klettern sie eher selten und bleiben häufiger am Boden, wo sie sich meist auch am Abend aus Blättern und Zweigen Schlafnester errichten.

In Zentralafrika leben zwei Gorillaarten: der Westliche und der Östliche Gorilla, die mehrere Hundert Kilometer voneinander getrennt sind. Beide Arten werden in jeweils zwei Unterarten unterteilt. Zu den Östlichen Gorillas gehört beispielsweise der durch die amerikanische Verhaltensforscherin Dian Fossey bekannt gewordene Berggorilla und zur westlichen Art dagegen das Gorillaweibchen Kamilah, deren Genom jetzt veröffentlicht wurde.

Obwohl man Gorillas insgesamt in zehn verschiedenen afrikanischen Ländern findet und sie Wälder in flachen Gegenden von der Küste bis in hohe Bergregionen bewohnen, sind alle vier vorkommenden Unterarten vom Aussterben bedroht. Denn die Zerstörung ihres Lebensraums, die Wilderei oder auch das Ebola-Virus bedrohen ihre Existenz und lassen die Populationen zunehmend kleiner werden.

Die Ahnengalerie ist beinah komplett

Die Genetiker haben nicht nur das Genom des Westlichen Flachlandgorillas Kamilah durchleuchtet, sondern sich auch DNA-Abschnitte anderer Gorillas angesehen, um deren Stammbaum rekonstruieren können. «Demnach haben sich vermutlich vor mehr als 1 Million Jahren die westliche und östliche Art voneinander getrennt und separat weiterentwickelt», erklärt die Genetikerin Linda Vigilant vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, die an der aktuellen Studie beteiligt war. Allerdings habe es über einen Zeitraum von mehreren Hunderttausend Jahren zwischen den beiden Arten noch genetischen Austausch gegeben.

Vor einem Jahr konnte die Leipziger Forschergruppe zudem in einer anderen Veröffentlichung zeigen, dass die beiden Unterarten des Westlichen Gorillas – der Westliche Flachlandgorilla sowie der Cross-River-Gorilla – erst im Zeitalter des Pleistozäns vor etwa 17'800 Jahren begannen, eigene evolutionäre Wege zu gehen. Aus den Daten ist auch ersichtlich, dass sie durch Klimaschwankungen, die ein wiederholtes Ausdehnen und Schrumpfen der Wälder zur Folge hatten, sich zeitweise immer wieder begegneten und miteinander fortpflanzten. «Jedes erneute Schrumpfen der Wälder isolierte die Cross-River-Gorillas aber wieder von den Westlichen Flachlandgorillas», betont Linda Vigilant. Und heute sei vor allem das Überleben der Cross-River-Gorillas besonders stark gefährdet.

Das entschlüsselte Genom von Kamilah, dessen Analyse Jahre gedauert hatte, ist nun ein weiterer Puzzlestein, um auch das komplexe Bild des verzweigten Stammbaums der Primaten Stück für Stück zu vervollständigen. «Nach Mensch, Schimpanse, Orang-Utan und Gorilla fehle jetzt nur noch der Bonobo in dieser Ahnengalerie», sagt Linda Vigilant. In ein paar Monaten sei es so weit, dann sei auch der letzte, noch lebende Vertreter der Familie der Menschenaffen entschlüsselt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2012, 11:43 Uhr

TA-Grafik kmh / Quelle: «Nature»

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