Analyse

«Viele werden das Laborfleisch als unnatürlich empfinden»

«Es ist fast wie Fleisch», sagte eine Testperson nach dem ersten Biss in den Burger aus dem Labor. In einigen Jahren soll künstlich hergestelltes Fleisch zum Verkauf stehen. Ethiker Markus Huppenbauer ist skeptisch.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Braten ohne Blut und Burger, für die kein Tier sterben musste – was bislang noch wie die Utopie engagierter Tierschützer klang, soll in den nächsten Jahren Realität werden. Wissenschaftler haben erstmals einen Burger aus Stammzellen von Rindern hergestellt. Bei einem heutigen Testessen in London hat der Fleischklops aus dem Labor allerdings gemischte Kritiken bekommen.

«Es ist ein Anfang, auf den wir aufbauen können», sagte Projektleiter Mark Post, nachdem der Hamburger gebraten und verköstigt worden war. «Es ist fast wie Fleisch, es ist nicht so saftig, aber die Konsistenz ist perfekt», sagte Ernährungswissenschaftlerin und Testesserin Hanni Rutzler. Beim Internetdienst Twitter wurde vor allem darüber diskutiert, dass der über 250'000 Euro teure Burger noch nicht fettig genug sei.

Skepsis und Interesse

Ganz befriedigend klingt dies nicht. Denn für Post ist klar: Damit die Leute den sogenannten Labburger – wenn denn einmal auf dem Mark – kaufen, müssen Geschmack und Aussehen mit einem normalen Stück Fleisch identisch sein.

Der Ethiker Markus Huppenbauer verfolgte die heutige Präsentation des Labburgers interessiert, aber auch skeptisch. «Aus Sicht des Ethikers haben wir es hier mit einem äusserst interessanten Produkt zu tun. Als Esser kann ich mir kaum vorstellen, dass der Labor-Burger gut schmeckt», sagt er gebenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Die Anforderungen an den Kunstburger sind hoch. Die Wissenschaftler von der niederländischen Universität Maastricht sind der Ansicht, Fleisch aus dem Labor könne dabei helfen, weltweit Lebensmittelmangel zu stoppen und den wachsenden Hunger auf Fleisch zu stillen. Bis zum Jahr 2050 werde der Fleischkonsum weltweit um rund 73 Prozent anwachsen.

Zudem könne die Tierzucht begrenzt und damit gegen den Klimawandel vorgegangen werden, so die Forscher. Diese verschlinge mehr landwirtschaftliche Fläche, Wasser und Getreide als die Gewinnung irgendeines anderen Lebensmittels für den Menschen, argumentiert Post. Die Tierzucht belaste die Umwelt auch durch hohe Treibhausgas-Emissionen.

20'000 Muskelstränge

Für das Fleisch entnahmen die Forscher Muskelstammzellen von Rindern und vermehrten diese im Labor. Daraus wuchsen mehrere Zentimeter lange Muskelstränge. Rund 20'000 davon sind für eine 140-Gramm-Frikadelle nötig. Die Stammzellen können den Rindern etwa durch Biopsie entnommen werden. In zehn bis zwanzig Jahren könne mit der kommerziellen Produktion begonnen werden, glauben die Forscher.

Wie gut sich das Fleisch aus dem Labor verkaufen wird, bleibt offen. «Es wird kaum möglich sein, dieses Fleisch als Bioprodukt zu verkaufen», sagt Huppenbauer. Denn: «Viele Biokunden werden das Laborfleisch als unnatürlich empfinden.»

Für den Ethiker ist klar: «Der Verkaufserfolg hängt vom Preis ab.» Möglich sei aber auch, dass es kulturelle Unterschiede gebe. Huppenbauer nennt das Beispiel von gentechnisch veränderten Produkten in Nahrungsmitteln. In Europa hätten solche eine schlechte Akzeptanz, während sie in anderen Teilen der Welt als unbedenklich gelten würden.

Tierleiden elegant umschiffen

Aus Sicht der Tierschützer hat der Labburger nur positive Auswirkungen: Im Labor entstandenes Fleisch könne gegen Tierquälerei und Umweltverschmutzung helfen, teilt die Tierschutzorganisation Peta in einer Mitteilung mit. Und Huppenbauer fügt: «Wird der Labor-Burger zum Erfolg, hätte man das Problem des Tierleidens und des Tötens von Tieren elegant umschifft.»

Post arbeitet seit etwa 2008 an dem kultivierten Rindfleisch. Als einer der Geldgeber für das Forschungsprojekt wurde bei der Präsentation der Google-Mitbegründer Sergey Brin genannt. «Manchmal ist Technologie in der Lage, unsere Sicht auf die Welt zu verändern», sagte der US-Unternehmer in einer Videobotschaft. «Es gefällt mir, die Möglichkeiten von Technologien zu sehen.»

Angereichert mit Material der Nachrichtenagentur SDA.

Erstellt: 05.08.2013, 20:50 Uhr

Artikel zum Thema

«Es schmeckt fast wie Fleisch»

Er wiegt 142 Gramm und kostet rund 300'000 Franken: Der Labburger. In London wurde heute der erste im Labor erzeugte Hamburger gekocht. Zwei Freiwillige wagten den ersten Biss. Mehr...

Die Hysterie der Gen-Tech-Gegner

Politblog Politblog Ein neuer Gesetzesentwurf soll den Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel erlauben. Leider ist er zum Scheitern verurteilt. Zum Blog

Schnitzel vom Acker

Eine Prototypanlage produziert gegen 70 Kilogramm pflanzenbasierter Fleischersatz pro Stunde. Mehr...

Markus Huppenbauer ist Ethiker an der Universität Zürich.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

Geldblog Fürstliche Anlagen mit Potenzial

Sweet Home Willkommen im «Nouveau Boudoir»

Die Welt in Bildern

Bis die Reifen qualmen: Ein irakischer Biker kämpft sich mit seiner Maschine durch eine Strassensperre, die Demonstranten in Najaf errichtet haben. Sie protestieren gegen die aktuelle Regierung. (20. Januar 2020)
(Bild: Alaa al-Marjani) Mehr...