Vorsicht, Raubfisch!

Der Schlangenkopf frisst Teiche leer und kann auch an Land überleben. In den USA breitet sich die gefürchtete invasive Art immer weiter aus.

Der Channa argus hat keine natürlichen Feinde, kann sich rasend schnell vermehren und ist ungemein gefrässig. <nobr>Foto: «The Washington Post», Getty Images</nobr>

Der Channa argus hat keine natürlichen Feinde, kann sich rasend schnell vermehren und ist ungemein gefrässig. Foto: «The Washington Post», Getty Images

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Er ist einen halben Meter lang, hat messerscharfe Zähne und verschlingt alles, was ihm vor sein riesiges Maul schwimmt. Der Nördliche Schlangenkopf-Fisch (Channa argus) ist eigentlich im Süden und Osten Chinas heimisch, doch seit einigen Jahren macht er auch Teiche und Seen in den USA unsicher. Jetzt wurde er erstmals im Bundesstaat Georgia entdeckt, und die Anweisungen der zuständigen Behörde an Angler und alle, die diesem Fisch je begegnen sollten, sind deutlich: «Töten Sie ihn sofort!» Und weil das offenbar noch nicht reicht: «Frieren Sie ihn ein! Denken Sie daran, er kann an Land überleben!»

Tatsächlich kann der Schlangenkopf, der so heisst, weil er wegen seines abgeplatteten Kopfs den Schuppenkriechtieren ähnelt, kurze Strecken an Land zurücklegen. Dabei stellt er seine Seitenflossen senkrecht und robbt über den Boden – immer auf der Suche nach etwas Fressbarem. So unsympathisch das alles klingt: Menschen wird das Tier nicht wirklich gefährlich.

Schlangenköpfe fressen alle anderen Fische auf, die mit ihnen im Aquarium schwimmen.

Auch wenn auf diversen Internetseiten für Aquarianer vor der Aggression der Tiere gewarnt wird. Wichtig sei, das Aquarium fest mit einem Deckel zu verschliessen, damit «der Ausbruchkünstler» nicht entwischt. Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass Schlangenköpfe sich «schlecht vergesellschaften» lassen. Im Klartext: Sie fressen alle anderen Fische auf, die mit ihnen im Aquarium schwimmen. «Unruhige Fische, die nicht ins Maul passen, machen wiederum die Schlangenkopf-Fische nervös», steht auf My-fish.org.

Die Gefrässigkeit des Schlangenkopfs ist auch das, was den Behörden Sorge bereitet. Channa argus verschlingt vor allem andere Fische, aber auch Frösche und weitere Lurche. Da er selbst keine natürlichen Feinde hat und sich zudem rasend schnell vermehrt, kann der Fisch ein Gewässer regelrecht leer fressen.

Invasiven Arten in der Schweiz

Erst kürzlich hat ein Team aus 43 Wissenschaftlern den Nördlichen Schlangenkopf als eine der weltweit acht gefährlichsten invasiven Arten eingestuft. Als «invasiv» bezeichnen Biologen Tiere und Pflanzen, die Menschen in eine Region eingeschleppt haben, in der sie eigentlich nicht vorkommen und die sich dort auf Kosten heimischer Arten ausbreiten. Beispiele in der Schweiz sind der aus den USA stammende Rote Amerikanische Sumpfkrebs, der eine für hiesige ­Krebse potenziell tödliche Pilzkrankheit überträgt; die aus Südostasien stammende Asiatische Tigermücke, die Krankheiten wie Dengue und Chikungunya übertragen kann; oder das für Tiere und Menschen giftige Südafrikanische Greiskraut, das an Strassen und Bahnlinien wächst.

Breitet sich auf Kosten heimischer Krebsarten aus: der Rote Amerikanische Sumpfkrebs. Foto: Keystone

In der EU gehen Experten von rund 12'000 gebietsfremden Spezies aus. Glücklicherweise bedrohen nur etwa 15 Prozent davon heimische Ökosysteme. Der Grossteil der Neuankömmlinge gliedert sich problemlos ein und richtet keinen Schaden an.

Die Asiatische Tigermücke kann Krankheiten übertragen. Foto: Getty Images, iStockphoto

Die meisten «Neobiota» gelangen mit Containerschiffen von einer Weltregion in eine andere. Pflanzen wie die schwere Allergien auslösende Ambrosia oder das unter Gartenbesitzern gefürchtete Drüsige Springkraut werden oft über den Gartenbau eingeschleppt.

150'000 Pythons in Florida

Invasive Amphibien und Reptilien sind häufig Nachkommen von Exemplaren, die irgendwann aus einem Terrarium entkommen sind. Das gilt auch für die geschätzt 150'000 Pythonschlangen, die in Florida ihr Unwesen treiben sollen. 1992 sind einige Exemplare aus einer Zuchtfarm entwischt und haben sich seitdem stark vermehrt.

Der Schlangenkopf-Fisch ist ebenfalls mithilfe des Menschen aus China in die USA gelangt. In China gelten die Tiere als Delika­tesse und werden als Speisefische gezüchtet. In den USA wurde das erste Exemplar in freier Wildbahn im Jahr 2002 entdeckt. Ein Feinschmecker soll den Fisch in der New Yorker Chinatown bestellt haben, wollte ihn dann offenbar aber doch nicht essen und setzte ihn in einem Teich aus. Um diesen ersten Schlangenkopf zu fangen, legten die Behörden den Teich, den der Fisch zu diesem Zeitpunkt schon fast leer gefressen hatte, einfach trocken. Seitdem wurden Schlangenkopf-Fische unter anderem in Kalifornien, Maryland, North Carolina und Florida entdeckt.

Den jetzt in Georgia entdeckten Schlangenkopf hat ein Angler aus dem Wasser gezogen. Das Tier kam ihm merkwürdig vor, er fotografierte es und warf es zurück in den Teich. Ein ­Biologe, dem er das Foto zeigte, erkannte die Bestie sofort und alarmierte die zuständige Behörde. Mittlerweile wurden in dem Teich weitere Schlangenköpfe ausfindig gemacht: ein grosser und drei Jungtiere. Alle sind inzwischen sicher eingefroren.

Erstellt: 20.11.2019, 06:39 Uhr

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