Warum sich Tiere ökologisch verhalten

Die Natur ist nicht masslos. Im Gegenteil. Nur der Mensch grenzt sich nicht selber ein. Eine Replik.

Tierarten wie der Wolf regulieren selber ihren Bestand auf ein gesundes Mass. Foto: Uwe Zucchi (Keystone)

Tierarten wie der Wolf regulieren selber ihren Bestand auf ein gesundes Mass. Foto: Uwe Zucchi (Keystone)

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Der Slogan «Im Einklang mit der Natur» sei das dümmste Schlagwort überhaupt, schrieb Daniel Wiener am 23. Dezember an dieser Stelle. Doch in seiner Kritik an einem idyllischen Naturbild stützt sich Wiener selber auf eine unzutreffende Naturbeschreibung, mit der er die Masslosigkeit der Menschen zu begründen versucht.

Wenn Wiener meint, dass «Natur ein ständiger Kampf, ein Überlebensstress ist, der sich daraus ergibt, dass jede Art sich vermehrt, bis sie an die Grenze ihres Biotops stösst», fusst dieses Naturverständnis auf dem Wissen der 1970er-Jahre. Wiener scheint entgangen zu sein, dass inzwischen die moderne Biologie hoch entwickelte Mechanismen entdeckt hat, die die Populationen unzähliger Arten nachhaltig begrenzen.

Geburtenkontrolle dank Pheromonen

Bei Wölfen etwa pflanzt sich dort, wo diese natürliche Familien entwickeln können, nur das Alpha-Weibchen einer Familie fort. Das begrenzt die unkontrollierte Vermehrung durch mehrere Weibchen im Rudel und stellt sicher, dass nicht mehr Wölfe im Revier leben, als sich dort ernähren können. Nur wo Wölfe bejagt und die Familienstrukturen zerstört werden, versagt die eigene Populationskontrolle.

Bei vielen Nagetieren wie Mäusen und Ratten, die in sozialen Gemeinschaften leben, steuern dominante Weibchen über Geruchsstoffe im Urin, sogenannte Pheromone, die Fortpflanzung der übrigen Weibchen und sorgen dafür, dass es durch zu starke Reproduktion nicht zur Überbevölkerung kommt. Wo Ratten und Mäuse massiv bekämpft werden, kommt es zur Massenvermehrung, wenn die soziale Geburtenkontrolle versagt.

Über Pheromone steuern auch Insektenstaaten wie Bienen, Wespen oder Ameisen ihre Völker, ohne dass diese von gierigen Fressfeinden begrenzt werden müssen.

Und der von Wiener zitierte, bunte Singvogel erspart sich durch den Gesang den Stress eines Territorialkampfes, wobei das Revier, das durch den Gesang markiert wird, dem ansässigen Vogelpaar exklusive Nutzung sichert, um seine Jungen aufzuziehen.

Neben diesen sozialen Phänomenen spielen weitere Kontrollmechanismen wie Krankheiten, Parasiten oder Verfügbarkeit von Nahrung eine Rolle. Erst ganz am Schluss kommt der Einfluss von Fressfeinden dazu. Diese regulieren aber ihre Beutetiere nicht – wie Wiener meint – quantitativ, sondern sorgen dafür, dass sich kranke und schwache Individuen nicht mehr fortpflanzen. Durch Auslese sorgen sie so für das Gegenteil, für die Fitness der Population ihrer Beutetiere.

Der Ackerbau änderte alles

Auch beim Menschen funktionierte diese natürliche Selbstbegrenzung in der Vermehrung – solange er während zwei Millionen Jahren seiner Geschichte noch ein Teil der Natur war und sich den Tieren nicht als überlegen betrachtete. Doch vor rund 10'000 Jahren revolutionierte der Ackerbau die Verfügbarkeit von Nahrung für die Menschen. Die Technologie der eigenen Nahrungsmittel-Produktion hob die natürliche Bevölkerungskontrolle auf. Dies veränderte auch flächendeckend die sozialen Regeln des respektvollen Zusammenlebens, es bildeten sich Besitzhierarchien, Materialismus und Egoismus.

Die beispiellose Massenvermehrung des Homo sapiens und der daraus resultierende materielle Verteilkampf, bei dem der Besitzende der Stärkere ist und den Habenichts verdrängt, ist also ein typisch menschliches Phänomen, das auch unser Verhältnis zur nicht menschlichen Natur prägt. Wenn Daniel Wiener unser Verhalten darwinistisch aus der Natur herleitet, beweist er ein eigenartiges Naturverständnis.

«Im Einklang mit der Natur» kann auch heissen «mit Respekt für die Natur» – Respekt vor deren langfristiger, bewundernswerter Nachhaltigkeit auf allen Ebenen. Das ist kein dummer, sondern ein kluger Ansatz, vor allem wenn es um die Begrenzung unserer eigenen Masslosigkeit geht.

Andreas Moser ist Biologe sowie Redaktionsleiter und Moderator der SRF-Sendung «Netz Natur». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2015, 17:58 Uhr

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