Was Katzen wollen

Ein Sheba-Töpfli als grösste Belohnung? Das stimmt nur für etwa die Hälfte der Hauskatzen, zeigt eine Studie.

Katzen sind nicht ganz die Einzelgänger, für die man sie hält. Foto: Getty

Katzen sind nicht ganz die Einzelgänger, für die man sie hält. Foto: Getty

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Wenn du denkst, du hast alles geschafft und nichts kann mehr schiefgehen – dann rechne damit: Eine Katze wird dich eines Besseren belehren. Das war eine der ersten Lektionen, die Péter Pongrácz während seiner Verhaltensstudien mit Katzen gelernt hat. Der Forscher und sein Team hatten alle Daten erhoben, nur Bilder für die spätere Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift fehlten noch. Also brachte eine Mitarbeiterin ihre Katze als Fotomodell mit ins Labor. Doch statt sich fotografieren zu lassen, verschwand das Tier innerhalb weniger Sekunden in einem schmalen Lüftungsschacht. Die Wissenschaftler konnten nichts anderes tun als abzuwarten.

Entmutigen lassen hat sich Pongrácz von dieser Erfahrung nicht. Im Gegenteil, in den letzten Jahren ist seine Abteilung an der Budapester Eötvös-Loránd-Universität zu einer der wenigen weltweit geworden, die sich den soziokognitiven Fähigkeiten von Hauskatzen widmen. Forscher wie Pongrácz untersuchen zum Beispiel, ob Katzen menschliche Zeigegesten verstehen oder dem Blick eines Menschen folgen, wenn dieser das Tier auf etwas hinweisen will.

Potenzielle Studienteilnehmer gäbe es genug. Schliesslich leben weltweit schätzungsweise mehr als 600 Millionen Katzen in menschlicher Gesellschaft, allein in der Schweiz sollen es 1,6 Millionen sein. Dennoch ist Katzen-Kognition alles andere als verhaltensbiologischer Mainstream. Erst seit wenigen Jahren erscheinen zunehmend Studien dazu. Doch immer noch ist deren Anzahl verschwindend gering, verglichen mit entsprechenden Veröffentlichungen zu Hunden. Katzen haben keinen guten Ruf unter vielen Kognitions- und Verhaltensforschern, welche die Kooperationsbereitschaft der Tiere oft bestenfalls als dezent einschätzen.

Spezielle Tests für Katzen

«Ich kann verstehen, dass viele Menschen es schwierig finden, mit Katzen zu arbeiten», sagt Kristyn Vitale von der Oregon State University. Sie gehört zu jenen, die daran arbeiten, das schlechte Image der Tiere als Forschungsobjekte zu verbessern. Wie ihr Kollege Pongrácz sieht sie die Bringschuld dabei weniger bei den Haustieren als vielmehr aufseiten der Menschen. Die müssten sich eben Tests überlegen, die speziell auf Katzen zugeschnitten sind – und nicht einfach ihre für Hunde erdachten Aufgaben übertragen.

Katzen brauchen kürzere Tests, weil sie sonst mittendrin die Motivation verlieren. Ausserdem fühlen sie sich ausserhalb ihres Zuhauses schnell unwohl. Doch wenn ein Forscher darauf eingeht und zu der Katze nach Hause kommt, statt sie ins Labor einzuladen – dann kann es vorkommen, dass das Tier den Besucher einfach nicht mag und sich verweigert.

Unmöglich ist es dennoch nicht, die sozialen und kognitiven Fähigkeiten von Katzen zu untersuchen. Das zeigen Studien wie jene eines Teams um Atsuko Saito von der Universität Tokio. Die Forscher bestätigten, dass Katzen ihren Namen verstehen und von dem eines Artgenossen unterscheiden können. Sie reagieren sogar auf deutlich subtilere Formen der Kommunikation, wie eine der ersten Untersuchungen zur Katzen-Kognition gezeigt hat. Demnach verstehen es Katzen, wenn ein Mensch mit dem Finger auf verstecktes Futter hinweist. Das zeugt von einer beträchtlichen Anpassung an das Zusammenleben mit dem Menschen. Schliesslich weist keine Katze einen Artgenossen durch eine ausgestreckte Pfote auf Interessantes hin. Diese Geste ist allein der Kommunikation mit dem Menschen vorbehalten – und das bei einem Haustier, dem oft ein gewisses Desinteresse am Gebaren seines Halters nachgesagt wird.

Hauskatzen verstehen gewisse menschliche Gesten: etwa einen Fingerzeig. Foto: Getty

Wie falsch dieser Eindruck sein kann, hat Pongrácz in einer weiteren Untersuchung zur nonverbalen Kommunikation zwischen Katze und Mensch belegt. Er und sein Team testeten 41 Katzen in deren jeweiligen gewohnten Umgebungen und stellten fest: Nicht nur wissen die Tiere ausgestreckte Zeigefinger zu deuten, sondern sie können auch dem Blick eines Menschen folgen, selbst wenn der nur ganz kurz auf einen Gegenstand guckt. Bei immerhin 70 Prozent ihrer Test-Tiere stellten die Forscher dies fest, das ist keine schlechte Quote für ein derartiges Experiment. Immerhin gelte das Vermögen, den menschlichen Blick als hinweisendes Signal zu deuten, als «eine der schwierigeren in der Tier-Mensch-Kommunikation», so die Autoren im Fachblatt «Intelligence».

Zugleich ist diese Fähigkeit die Grundlage für ein echtes Mit- statt nur eines Nebeneinanders verschiedener Spezies: Vereinfacht gesagt kann, wer in die gleiche Richtung blickt, auch seine Absichten mit dem anderen teilen und seine Handlungen mit ihm abstimmen. Daher sehen die Forscher in ihrem Ergebnis auch ein Beispiel dafür, wie stark die Domestikation die Hauskatze geprägt hat, allen gängigen Klischees vom «halbwilden Stubentiger» zum Trotz. Schliesslich lebt der Vorfahr der Hauskatze, die afrikanische Wildkatze, nicht besonders gesellig. Demgegenüber gilt die Hauskatze als «fakultativ sozial». Sie kann ebenso sich selbst genug sein wie auch Gefallen finden an art-eigener und artfremder Gesellschaft – wobei es grosse individuelle Unterschiede gibt.

Verblüffende Geselligkeit

Experimentell abgesicherte Belege für die vielleicht verblüffende Geselligkeit vieler Katzen haben Forscher einige gesammelt. So schliessen sich selbst verwilderte Hauskatzen nicht zufällig beliebigen Artgenossen an, sondern tun sich bevorzugt mit bestimmten Individuen zusammen. Freundschaften, würde man dazu beim Menschen sagen. Und in Haushalten lebende Katzen reagieren zumindest ansatzweise auf die Gefühlslage ihres Besitzers, schreiben Moriah Galvan und Jennifer Vonk von der Oakland University in Rochester im Fachjournal «Animal Cognition». Der vielsagende Titel ihrer Studie: «Der andere beste Freund des Menschen».

Derartige Befunde verleiten zu einem Vergleich: Wer stellt es denn nun schlauer an, mit dem Menschen zusammenzuleben, Hund oder Katze? Doch so naheliegend diese Frage erscheint, so sinnlos ist sie. «Mein erster Gedanke dazu ist: Nennen Sie mir eine gute Definition von ‹schlau› für Hund und Katze», entgegnet Pongrácz. Beide Arten seien extrem erfolgreich darin, mit dem Menschen zusammenzuleben. Dabei hat der Hund sozusagen einen Startvorteil dank seiner Abstammung vom sehr sozialen Wolf. Im Fall der Hauskatze musste die Evolution dagegen auf einem viel niedrigeren Level der Geselligkeit ansetzen – und ist angesichts dessen ebenfalls weit gekommen.

Allerdings braucht es mehr als nur die genetische Selektion auf Geselligkeit, um aus einer Katze ein Haustier zu machen. Wie die Tiere aufwachsen und ob sie im Alter von wenigen Monaten viel Kontakt mit Menschen hatten, spielt eine grosse Rolle. In diesem Punkt beklagt Vitale eine verbreitete Ungleichbehandlung von Hund und Katze. «Hunde werden oft früh an Umgebungen und Erfahrungen ausserhalb ihres Zuhauses gewöhnt», sagt die Wissenschaftlerin. «Katzen machen diese Erfahrungen häufig nicht.» Vielleicht liege es also vor allem an mangelndem Training während der sensiblen Phase, wenn Katzen als räumlich sehr unflexibel gelten.

Vitale zufolge könnte dies nicht das einzige Missverständnis zwischen Katzen und ihren Haltern sein. Was ist zum Beispiel mit der gängigen Ansicht, diese Tiere liessen sich nichts oder nur sehr schwer etwas beibringen, etwa eine Transportbox für unvermeidliche Autofahrten zu akzeptieren: Könnte es nicht auch sein, dass solche Schwierigkeiten vor allem am Menschen liegen, der nicht erkennt, wie er sein Tier am besten motiviert und belohnt? In einer Studie ermittelten Vitale und ihr Team, dass etwa die Hälfte der getesteten Katzen nicht etwa Futter für die schönste Belohnung hielt, sondern menschliche Zuwendung: gestreichelt und gelobt werden, zusammen spielen.

Passende Belohnung

Das jedoch widerspricht dem Bild mancher Katzenhalter, die ihr Haustier mit einigem Stolz als jemanden sehen, der sich nicht von menschlicher Zuneigung korrumpieren lässt. Das mag in einigen Fällen zutreffen – in anderen jedoch bringt man sich mit dieser Haltung um die Chance, seiner Katze eine Freude zu machen, meint Vitale. «Wenn wir für unsere Arbeit mit Gemüse statt mit Geld bezahlt werden würden, würden wir wahrscheinlich auch irgendwann aufhören zu arbeiten», sagt sie. «Gemüse ist keine so tolle Belohnung, und Rechnungen lassen sich damit auch nicht bezahlen.» Wer hingegen die individuell passende Belohnung herausfindet, der könne auch seiner Katze einiges beibringen und besser mit ihr kommunizieren.

Vitale jedenfalls sagt, sie habe bislang kaum frustrierende Erfahrungen mit Katzen gemacht, weder privat noch als Forscherin. Ihr Kollege Pongrácz, der einst vor einem Lüftungsschacht auf die Rückkehr seiner Fotomodell-Katze warten musste, erinnert sich trotz dieses Erlebnisses vor allem an viele gut gelaufene Sitzungen mit den Tieren. Ausserdem könne man es als Forscher noch viel schwieriger haben: «Jeder Feldbiologe wird bestätigen, dass mit Wildtieren zu arbeiten noch viel mühsamer ist als mit Hauskatzen.»

Erstellt: 27.06.2019, 18:32 Uhr

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