Was früher warm war, ist heute kalt

Wir werden weiterschwitzen: Einst seltene Hitzesommer sind heute Normalität. Dies zeigen neue Daten von Meteo Schweiz.

Heisser als im Rekord-Sommer 2003: Menschen genehmigen sich eine Erfrischung in der Verzasca. Bild: Keystone

Heisser als im Rekord-Sommer 2003: Menschen genehmigen sich eine Erfrischung in der Verzasca. Bild: Keystone

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Es war ein unglaublicher Sommer! Wochenlang schien die Sonne, es regnete kaum. Sonnenanbeter waren im Paradies, die Natur hingegen litt unter den ausgetrockneten Böden, für viele Bauern wurde das Tierfutter knapp. Wälder brannten im hohen Norden Europas wie noch nie in den letzten Jahren. Manche alpine Gletscher dürften diesen Sommer weit mehr an Eis verloren haben als je zuvor. Nach den aktuellen Klimadaten von Meteo Schweiz und der ETH Zürich war der diesjährige Sommer noch ein sehr seltenes Ereignis. Die Statistik der letzten 150 Jahre zeigt, dass sich das innert weniger Jahre ändern kann.

Seit 1864 war kein Sommerhalbjahr so warm wie in diesem Jahr, besonders in den Städten. Die durchschnittliche Temperatur von April bis September, gemessen in Zürich, Basel, Bern und Genf, übertrifft den Jahrhundertrekord von 2003 deutlich. Das zeigen Analysen des Instituts für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich, basierend auf Daten von Meteo Schweiz. Auch für das ganze Land verzeichnen die Meteorologen einen neuen Rekord, wenn auch etwas weniger ausgeprägt. Das allein verwundert nicht weiter, nach der anhaltenden Trockenperiode der letzten Monate.

Durchschnittstemperatur um 1,6 Grad gestiegen

Aufschlussreicher ist dafür die Entwicklung der Sommertemperaturen seit der vorindustriellen Zeit. Die globale Erderwärmung ist bereits so stark fortgeschritten, dass sich die Wahrscheinlichkeit für extreme Ereignisse deutlich erhöht hat. Vor mehr als 30 Jahren wäre ein Sommerhalbjahr wie 2003 statistisch als Ereignis eingestuft worden, das alle 1000 Jahre auftritt. Heute ist bereits alle 50 bis 100 Jahre damit zu rechnen. Das zeigt die Verteilung der durchschnittlichen Som­mertempe­raturen im Verlauf der letzten gut 150 Jahre.

Grafik vergrössern In der Periode zwischen 1864 und 1990 war der Grossteil der einzelnen Sommer­halbjahre zwischen 12,7 und 15,7 Grad ­Celsius warm. In den letzten 30 Jahren hingegen stieg die ­Temperatur derart stark, dass die Mehrheit der Sommer in­zwischen zwischen 14,2 und 17,4 Grad liegen. «Das ist eine enorme Temperaturzunahme», sagt Christoph Schär, Leiter der Forschungsgruppe Klima und Wasserkreislauf an der ETH Zürich. Die Durchschnittstemperatur ist demnach um gut 1,6 Grad gestiegen.

Frühere Annahmenwerden bestätigt

Die Erwärmung in der Schweiz hat sich so verschoben, dass der mittlere Temperaturwert der Sommer in der Periode 1864 bis 1990 heute als kalter Sommer eingestuft werden kann, der nur noch selten vorkommt. «Die Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 3 Prozent», sagt Christoph Schär. Oder anders ausgedrückt: Nur jedes 30. Sommerhalbjahr wird so «kalt» wie der Durchschnitt in der Periode 1864 bis 1990. Tatsächlich war selbst 1996, der kälteste Sommer seit 1991, wärmer als der langjährige Durchschnitt in der Vergangenheit. Der diesjährige Wärmerekord gilt für alle Höhenlagen, unterhalb und oberhalb von 1000 Metern.

Seit mit den Temperaturmessungen 1864 begonnen wurde, gab es lange Zeit keine starke Erwärmung im Sommerhalbjahr zu beobachten. Der starke Aufwärtstrend ist erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts sichtbar.

Sommer könnten nochdeutlich heisser werden

Bereits vor knapp 15 Jahren warnte Christoph Schär, Ereignisse wie 2003 könnten zur Normalität werden, wenn es in der Schweiz im Sommer 3 Grad wärmer wird. Die Daten der ETH zeigen, dass wir auf dem besten Weg dorthin sind, falls die Treibhausgase nicht erheblich reduziert werden.

Weltweit ist es im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf der Erde 1 Grad wärmer geworden. Die globalen Emissionen der Treibhausgase wachsen derzeit mit einer jährlichen Rate, bei der mit einer globalen Erwärmung von über 3 Grad zu rechnen ist. Für die Schweiz würde das heissen, dass Sommer wie 2003 und 2018 nicht nur keine Seltenheit mehr wären, sondern laut Schär noch deutlich heisser werden können. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.10.2018, 09:37 Uhr

30 Tage Vorsprung

Die Natur reagierte unterschiedlich auf die Trockenheit dieses Sommers. Manche Bäume reagierten mit einer frühzeitigen Blattverfärbung oder Blattverlust. Andere ertrugen die Hitze oder hatten genügend Bodenwasser zur Verfügung. Linden zum Beispiel verfärbten ihre Blätter im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt rund 30 Tage früher. Das zeigen Daten des phänologischen Beobachtungsnetzes von Meteo Schweiz. Auch Buchen und Rosskastanien hatten einen Vorsprung von 21 bis 25 Tagen. Die Winzer ernteten die Trauben ab Ende August und im September, 31 Tage früher als sonst. (lae)

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