Weltkultur im Zeitraffer

Forscher zeigen, wie in den letzten 2000 Jahren kulturelle Zentren entstanden und verschwunden sind. Sie haben dazu Daten von 150'000 bedeutenden Persönlichkeiten analysiert.

2012 Jahre Europa in 1 Minute, weiter unten knapp 400 Jahre USA in 14 Sekunden.
Videos: Maximilian Schich


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«Daten sind für Kunsthistoriker etwas vom Langweiligsten», sagt der Kunsthistoriker Maximilian Schich. «Doch wenn man genügend langweilige Daten zusammenträgt, finden sich darin plötzlich spannende Muster.» Solche Muster hat Schich mit einem Forscherteam an der Universität von Texas in Dallas gefunden. Sie haben anhand von Geburts- und Sterbeorten von rund 150 000 bedeutenden Persönlichkeiten Migrationsmuster analysiert und so die Entwicklung von kulturellen Zentren in den letzten 2000 Jahren aufgezeigt. In einem Zeitraffer zeigt die im Fachmagazin «Science» publizierte Studie, wie Rom Athen den Rang abläuft, wie Paris zum alleinigen Zentrum Frankreichs wird und wie die USA besiedelt werden. 2000 Jahre Menschheitsgeschichte in einer Minute.

Die Methode des Zeitraffers kennt man sonst aus Dokumentarfilmen. Sie zeigen zwar selten Neues. Dafür machen sie langfristige Phänomene einfacher sicht- und verstehbar. Um diese Technik in den Geschichtswissenschaften anzuwenden, war es essenziell, Informationen über Geburts- und Sterbeorte von so vielen Personen wie möglich zu sammeln.

Gefunden haben die Forscher diese Daten in öffentlichen Internetdatenbanken und in Expertendatenbanken. Das erklärt auch die pragmatische Definition von bedeutenden Personen. Als bedeutend gelten alle Personen, die in eine dieser Datenbanken entweder von professionellen Kuratoren oder Internetnutzern eingetragen worden sind. Vorausgesetzt, es sind sowohl Geburts- als auch Sterbeort aufgeführt. Um in dem umfassenden Datensatz Muster zu finden, setzte Schich auf einen multidisziplinären Ansatz und die Mithilfe von Forscherkollegen, unter anderem von der ETH Zürich. Nebst der Herangehensweise der Geschichtswissenschaften brauchte es auch Methoden aus der Physik, der Netzwerkforschung, der Komplexitätsforschung, der Mobilitätsforschung, der computerbasierten Soziologie und des Informationsdesigns.

Geburtenquellen und Todesorte

In seinen Daten hat Schich zwei Typen von Orten entdeckt: solche, an denen mehr bedeutende Menschen sterben als geboren werden (Hotspots der Kultur­geschichte), und solche, an denen mehr bedeutende Menschen geboren werden als sterben (Geburtenquellen). Als kulturelle Zentren identifiziert die Studie auf diese Weise Orte wie Paris, Hollywood oder das Rom in den Jahren nach Christus. Der Einwand, dass etwa Picasso nicht in Paris, sondern am Mittelmeer gestorben ist, lässt Schich nicht als Gegenargument gelten. In der Menge an Daten sei der Einzelfall nicht entscheidend. «Als einer der Hauptprotagonisten hat Picasso viele Leute nach Paris gelockt, auch wenn er woanders gestorben ist.»

Im Zeitraffer sieht man, wie diese Hot­spots entstehen und wieder abklingen. Man sähe in den Daten aber auch nur schnell aufflackernde Punkte, an denen viele bedeutende Menschen innert kurzer Zeit gestorben seien, erklärt Schich. Dies geschehe häufig unter tragischen Umständen, wie bei Flugzeug­abstürzen, in Konzentrationslagern oder auch bei Schlachten.

Vergleicht man die Verteilung solcher Hotspots in Deutschland und Frankreich, sieht man deutlich die zentralistische Struktur auf der einen Seite und die ­föderalistische auf der anderen. Während Paris laut Schich rund 70 Prozent der bedeutenden Persönlichkeiten des Landes aufsaugt, schaffe keine Stadt in Deutschland je mehr als 20 Prozent. Die Attraktivität deutscher Städte wie München, Köln Leipzig, Heidelberg, Dresden, Hamburg oder Berlin fluktuiere seit dem 13. Jahrhundert.

Bei den Geburtsorten ist die Streuung grösser. Dennoch fanden die Forscher Häufungen. Solche Geburtenquellen seien etwa Hafenstädte oder bestimmte akademische Zentren. In Hamburg würde man u.  a. als Kapitän berühmt, und in Boston kämen viele Akademikerkinder zur Welt, die mit ihren Eltern wieder weiterzögen, so Schich.

Zwischen Natur- und Geisteswissenschaften

Da solche fächerübergreifenden und datengestützten Methoden in den Geschichtswissenschaften immer noch kaum verbreitet sind, hofft Schich, mit der aktuellen Studie einen Beitrag zu ­ihrer Etablierung zu leisten. So sollen auch Vorbehalte reduziert werden, die zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nach wie vor herrschten.

Die vorliegende Studie sei aber nur ein erster Schritt. Die Daten sollen nun weiter analysiert und ausdifferenziert werden. Daneben möchte Schich sein Augenmerk in Zukunft auch auf andere Aspekte der Netzwerkforschung richten. Aktuell untersuche man nur einen sehr kleinen Ausschnitt dessen, was ­eigentlich möglich wäre. «Das ist, wie wenn man mit einem Boot auf der ­Meeresoberfläche herumfährt und der ganze Ozean liegt noch unerforscht ­unter einem.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.08.2014, 07:36 Uhr)

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100 Jahre in 5 Minuten: «Charting culture» von Nature Video.

Dr. Maximilian Schich ist derzeit Associate Professor für Kunst und Technologie und Gründungsmitglied des Edith-O'Donnell-Instituts für Kunstgeschichte and der University of Texas in Dallas (USA). Nach der Promotion in Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin arbeitete er zuletzt am Center for Complex Network Research mit Albert-László Barabási an der Northeastern University in Boston sowie am Lehrstuhl für Soziologie, insbesondere Modellierung und Simulation an der ETH Zürich mit Dirk Helbing.

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