Verwandlungskünstler Schnee fordert den Lawinendienst

Das Davoser Institut für Lawinenforschung entwickelt Instrumente und Computermodelle für die Lawinenprognosen. Doch der verlässlichste Partner ist immer noch der Mensch.

Zwei Lawinen donnern am Flüelapass bei Davos talwärts: Eine Wärmekamera zeigt, dass sich der trockene Schnee unter anderem durch die Reibung um etwa 0,5 Grad pro 100 Höhenmeter erwärmt.
Video: WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF

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Beim Aufstieg ging alles gut. Doch die Abfahrt wurde zur Tragödie. Fünf Skitourenfahrer starben am vergangenen Samstag an der Ostflanke des Piz Vilan im Prättigau in einer Lawine.

Der Lawinenwarndienst des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinen­forschung (SLF) in Davos hatte an diesem Tag gewarnt: Gefahrenstufe «erheblich, Stufe 3». Im Lawinenbulletin hiess es unter anderem: «Neu- und Triebschnee sind störungsanfällig. Triebschnee­ansammlungen können teilweise von einzelnen Wintersportlern ausgelöst werden. Schneesport abseits gesicherter Pisten erfordert Erfahrung in der Beur­teilung der Lawinengefahr und eine richtige Routenwahl.» Haben die Skitourenfahrer die Gefahr unterschätzt? Oder schätzten die Lawinenwarner die Lage falsch ein?

«Das Lawinenbulletin ist eine Planungsgrundlage mit regionaler Aussagekraft», sagt Thomas Stucki, Leiter der Lawinenwarnung am SLF. Er würde die Lage vom Samstag wieder gleich einschätzen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Trefferquote der fünfstufigen Gefahrenbeurteilung bei etwa 80 Prozent liegt. Es gelte für jeden Touren- und Variantenfahrer: Die lokalen Verhältnisse müssen vor Ort überprüft und beurteilt werden.

Schlüsselfaktor bei der Gefahrenbeurteilung ist die Stabilität der Schnee­decke. Deren Aufbau ist jedoch kompliziert und fordert die Lawinenforscher. Mit jedem Niederschlag erhält die Schneedecke eine neue Schicht mit eigenen Eigenschaften. Die Windverhältnisse sind unterschiedlich, die Temperaturen variieren. Die Schneelagen verändern sich mit der Jahreszeit und der Topografie. Thomas Stucki macht ein Beispiel: «Eine dünne Schneeschicht im Herbst wird bei tiefen Temperaturen zuckrig und kantig, sie ist also eine schwache Unterlage.» Neuschnee kann sie zum Brechen bringen. «Die Gefahr, dass eine Lawine ausgelöst wird, ist gross», sagt Stucki.

Wenig Schnee, grösseres Risiko

Vielerorts spielt auch das Klima eine Rolle, wie gut eine Schneeschicht aufgebaut ist. In den inneralpinen Gebieten wie etwa im zentralen und südlichen Wallis, in Mittelbünden oder im Engadin liegt durchschnittlich weniger Schnee als am Alpennordhang, der sich von den Waadtländer Alpen über die Zentralschweiz, die Glarner Alpen bis zum Alp­stein erstreckt. Weniger Schnee bedeutet einen schlechteren Schneedeckenaufbau: Wo eine dünne Schneedecke liegt, entstehen kantige, zuckrige Schneekörner. Diese Situation war im letzten Winter in den inneralpinen Gebieten sehr ausgeprägt. «Die Unfallserie im Unterwallis zum Beispiel war darauf zurückzuführen», sagt Thomas Stucki. Auch in diesem Winter gebe es eine ähnliche Entwicklung.

Der Lawinenwarner hat bei Prognosen im Gegensatz zum Meteorologen ein grosses Handicap. Er verfügt über keine Satellitenbilder oder Radar, die Informationen zum Wetterzustand flächendeckend in Echtzeit liefern. Es geht ihm gleich wie dem Geologen. Der Einblick in die Schneeschicht respektive in den Untergrund ist nur beschränkt gewährt. Der Geologe bohrt, der Lawinenwarner gräbt. «Schneeprofile mit Stabilitätstests liefern uns zentrale Informationen», sagt Stucki. Ausgewählte sogenannte ­Beobachter, darunter sind Hüttenwarte oder Seilbahnangestellte, machen mit Ski Rutschtests an mindestens 80 aus­gewählten Standorten, verteilt über das Alpengebiet. Alle zwei Wochen wird ein neues Profil erstellt.

Mensch wichtiger als Modell

Doch das ist der kleine Teil des enormen Aufwandes, den der Lawinenwarndienst für seine Prognosen betreibt. Die Beobachter, es sind mehr als 200, berichten täglich nach Schema zwischen 6 und 8 Uhr über die aktuelle Lage. Sie melden die Wetterverhältnisse und ihre Messungen auf definierten Schneefeldern, auf denen sie unter anderem die Schnee­beschaffenheit, die Einsinktiefe und die Schneedichte ermitteln. Sie informieren zudem über Lawinenabgänge, Alarm­zeichen und schätzen die Lawinen­gefahr ein. Die Standorte liegen zwischen 1000 und 2700 Meter über Meer im gesamten Alpenraum. Zusätzlich melden Bergführer auf Touren ihre Beobachtungen den Warnern täglich per App bis 15 Uhr.

Diese Beobachtungen sind das Rückgrat der Lawinenwarnung. Unterstützt wird sie durch Daten von über hundert automatischen Messstationen, die unter anderem Luft- und Bodentemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Schneehöhe ermitteln. Sie ist im Halbstundentakt abrufbar. Die Informationen fliessen in das Computermodell Snowpack, das in Davos entwickelt wurde und inzwischen weltweit verwendet wird. Daraus lässt sich unter an­derem die Neuschneemenge oder auch die Durchfeuchtung der Schneedecke berechnen. «In groben Zügen lässt sich der Schneedeckenaufbau abschätzen», sagt Thomas Stucki.

Innovative Lawinenforscher

Für detailliertere Einschätzungen sind die Modelle noch zu wenig ausgereift. Obwohl die Wissenschaftler des SLF seit Jahrzehnten den Schnee erforschen, sind noch nicht alle Fragen beantwortet: «Verstehen wir die physikalischen Prozesse im Schnee noch besser, so werden mit der Zeit die Modelle realitätsnäher», sagt Stucki.

Die SLF-Forscher sind laufend daran, mit Innovationen zu besseren Informationen zu gelangen. Helfen soll dabei zum Beispiel die hochempfindliche automatische Messsonde, der SnowMicroPen. Er misst den Eindringwiderstand des Schnees und damit die Härte in der Grössenordnung von Mikrometern. Weiter hat das SLF zusammen mit der Universität Heidelberg, dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und der österreichischen Fachhochschule Joanneum Studien mit Radar unternommen. Die spezielle Radaranlage wird im Boden vergraben. Sie «durchleuchtet» die Schneedecke von unten nach oben. Erste Studien zeigen, dass sich mit dieser Technik die Veränderungen und Eigenschaften der Schneedecke verfolgen lassen.

Selbst akustische Instrumente könnten in Zukunft zum Einsatz kommen. «Die Schneedecke kommuniziert mit uns», sagt Thomas Stucki. Bricht eine schwache Schneeschicht zusammen, so entsteht durch die entweichende Luft ein hörbares «Wumm». «Das zeigt eindeutig, dass das Potenzial für eine La­winenbildung gross ist», sagt der Lawinenexperte. Akustische Sensoren sind in der Lage, bereits das Brechen von wenigen Schneekristallen zu registrieren. Studien des SLF zeigen, dass sich mithilfe der Charakteristik der akustischen Sig­nale auf die Stabilität der Schneedecke schliessen lässt. Nicht ganz verstanden ist auch, wie sich ein Schneebruch ausbreitet und wie eine Lawine letztlich ausgelöst wird. Dazu führt das SLF zahlreiche Experimente durch.

Doch das ist alles noch Forschung. Thomas Stucki ist denn auch zurückhaltend: «Bis neue Erkenntnisse oder Methoden in der Praxis operationell sind, braucht es nochmals grössere Anstrengungen.» Die nächsten Fortschritte sieht er neben dem zunehmenden Wissen über die Physik des Schnees in der Verbesserung der komplexen Datenver­arbeitung. «Spannend wird es in Zukunft, wenn Schneedeckenmodelle und Wettermodelle verknüpft werden», sagt Thomas Stucki.

Doch: Die Messungen und Informationen der Beobachter werden so schnell nicht an Bedeutung verlieren.

Erstellt: 04.02.2015, 20:30 Uhr

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