Wie heiss es diesen Sommer wirklich war

Der diesjährige Sommer bricht einige Rekorde. Wir ordnen ihn mit Grafiken historisch ein.



Kein Sommer seit dem Jahrhundertereignis 2003 hat so viel zu reden gegeben wie dieser. Es waren diesmal nicht die Hitzespitzen, welche die Debatte um den Klimawandel anfeuerten. Es war die monatelange Regenarmut, die den Sommer 2018 zum Jahrhundertereignis machte.



Grundsätzlich herrschte in der ganzen Schweiz Regenmangel, das grösste Defizit verzeichnet jedoch die Ostschweiz – namentlich in der Region der Linthebene und des Walensees. In diesem Gebiet fiel beispielsweise in den letzten fünf Monaten im Durchschnitt nur 50 Prozent der Regenmenge, die normalerweise gemessen wird. Als normal wird die Regensumme bezeichnet, die im Durchschnitt zwischen 1981 und 2010 gefallen ist. Das zeigen die aktuellen Daten von Meteo Schweiz. Es gab zwar in den letzten Jahren einzelne Sommermonate, die trockener waren als in diesem Jahr. Aber die Periode von April bis August ist unübertroffen seit Messbeginn 1864.

Die letzte Trockenheit ist lange her

Der Klimatologe muss in den Niederschlags-Annalen weit zurückblättern, bis er Jahre mit ähnlich trockenen Verhältnissen findet. In der Rekordliste findet sich nach dem diesjährigen Sommer auf dem zweiten Rang der Sommer 1870 – mit einem Regendefizit von 50 Prozent der Norm. Es folgen mit 60 Prozent die Sommerperioden aus dem Jahr 1868, 1911 sowie 1949.

Regenmangel kombiniert mit hohen Temperaturen führte zu einer Trockenheit, die nicht nur spürbar, sondern auch sichtbar wurde: ausgetrocknete Graswiesen, braune Waldränder, Blattfärbungen wie im Herbst. Für Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz, ist das ein Novum, das er in seinen 30 Jahren Klimaerfahrung noch nicht erlebt hat.




Die fehlenden Niederschläge wirkten sich auch auf die Pegelstände in den Flüssen und Seen aus. Im zentralen und östlichen Mittelland floss in einigen Flüssen weniger Wasser als im Jahrhundertsommer 2003. Niedrig waren die Wasserstände auch in grösseren Flüssen wie der Limmat, Reuss, der Aare und dem Rhein.

Tiefste Wasserstände in Seen

Es gab aber auch Hochwasser. Zum Beispiel bei Blatten im Wallis im August. Die Simme bei Oberried/Lenk führte Ende Juli kurzzeitig Hochwasser. Die Ursache waren jeweils eine starke Gletscherschmelze durch die Hitzewelle von Ende Juli und Anfang August. Die Gletscher werden auch diesen Sommer gelitten haben. Wie gross das Ausmass sein wird, ist allerdings erst im Oktober exakt abschätzbar, wenn das hydrologische Jahr endet. Den trockenen Sommer spürten der Vierwaldstätter-, Zuger- und Zürichsee. Der Pegel im Zürichsee war im Vergleich mit den Jahren seit 1951 noch nie so tief wie im August. Manche Wasserstände lagen tiefer als in den Hitzejahren 2003 und 2015.

Passt zum Klimawandel

Es waren die dauerhaften Hoch- und Flachdrucklagen, welche den Sommer über Monate aussergewöhnlich machten. Der diesjährige Regenmangel passt ins Bild, wie es die Klimamodelle zeichnen. Mit dem Klimawandel wird sich gemäss den Modellen das sommerliche Niederschlagsmuster in Europa verändern. Im Norden Europas wird es mehr regnen als im Süden. Die Schweiz im Zentrum Europas wird im Sommer das Mittelmeerklima zu spüren bekommen, das gemäss Klimamodellen trockener wird.

Auch wenn die Temperaturen über die Sommermonate gemittelt nicht das Hitzeniveau von 2003 erreichten, dennoch wird der Sommer 2018 der drittwärmste seit Messbeginn vor rund 150 Jahren sein. Der extrem wärmere April im Vergleich zu 2003 verführte manche, bereits einen neuen Jahrhundertsommer zu verkünden. Die Juni- und Augusthitze vor 15 Jahren blieb aber unübertroffen.

Das hat auch damit zu tun, dass gegenüber 2003 in diesem Sommer lang anhaltende kräftige Hochdruckgebiete fehlten, sogenannte Omega-Lagen. Diese führten damals immer wieder zu Wetterlagen, die heisse Luft aus dem Süden in die Schweiz brachten. Es gab diesen Sommer auch deutlich weniger tropische Nächte mit Temperaturen von 20 Grad Celsius oder mehr.

Wasser wärmer als 2003

Dennoch gab es neue Temperaturrekorde: Die geringe Wasserführung und die hohe Sonneneinstrahlung führten in vielen Flüssen zu ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen. Das Bundesamt für Umwelt hat an 25 von 83 Messstellen Höchstwerte gemessen. In der Aare bei Bern zum Beispiel war das Wasser am 6. August 23,6 Grad warm, der Rhein bei Rekingen ein Tag zuvor 26,6 Grad. Das sind höhere Marken als 2003 und 2015. Auch in der Limmat bei Baden (27 Grad) oder in der Thur bei Andelfingen (27,6 Grad) wurden für manche Wasserorganismen kritische Marken überstiegen.



(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 06:58 Uhr

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