«Wir haben 40 Jahre verloren»

Der Zürcher Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber gehörte in den Siebzigerjahren zu den profiliertesten Wachstumskritikern. Aktuelle Konzepte wie die Ökosteuern seien damals schon entworfen worden.

«Im Kern geht es bei der Nachhaltigkeit um eine ideale Welt»: Der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber.

«Im Kern geht es bei der Nachhaltigkeit um eine ideale Welt»: Der ehemalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber. Bild: Keystone

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Er ist ein Kind der Wachstumsdebatte. Der Bericht des Club of Rome «Grenzen des Wachstums» prägte in den 70er-Jahren seinen politischen Verstand. Elmar Ledergerber, Alt-Stadtpräsident von Zürich, kann sich gut an den historischen Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro erinnern. Als die Staatschefs über die Zukunft der Erde verhandelten, hatte sich Ledergerber als Nationalrat bereits einen Namen gemacht. Er galt als Vordenker in Energie-, Agrar- und Wirtschaftspolitik.

Der Ökonom war seiner Zeit voraus: 1979 promovierte er an der Wirtschaftshochschule HSG in St. Gallen mit der Dissertation «Wege aus der Energiefalle». Er war überzeugt, bis zur Jahrtausendwende in grossem Stil Erdöl durch erneuerbare Energien ersetzen zu können. Ideologisch war er jedoch nie. Seine Maxime hiess bei seiner Arbeit als Hochbauvorsteher und Stadtpräsident stets: keine Verbote, dafür Innovation. Energieeffizienz statt Konsumverzicht.

Herr Ledergerber, was heisst für Sie Nachhaltigkeit?
Dieser Begriff hat sich sehr verändert. Die Wachstumsdebatte in den 70er-Jahren konzentrierte sich auf ökologische Probleme. Erst mit dem Brundtland-Bericht, den 1987 die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlichte, wurde Nachhaltigkeit auf die Gesellschaft ausgeweitet. Im Kern geht es um eine ideale Welt, in der es eine sozial gerechte, demokratische Gesellschaft gibt, die mit einer starken Wirtschaft in einer gesunden Umwelt lebt.

Ist das für Sie unvorstellbar?
Das ist erstrebenswert. Eine solche Entwicklung global zu kontrollieren, ist aber enorm schwierig. Sicher ist, dass eine erfolgreiche Umweltpolitik weltweit vernünftige soziale Grundlagen und eine entsprechende Wirtschaftskraft voraussetzt. Der Energiehunger ist jedoch riesig und wird weiter wachsen. Wenn sich die Nachfrage nach Energie nicht decken lässt, haben wir eine grosse Wirtschaftskrise. Um die Nachhaltigkeit ist es dann schlecht bestellt: Zuerst kommt das Essen, dann die Nachhaltigkeit.

Sie waren in den 70er-Jahren sehr wachstumskritisch.
Ich war Mitglied eines 4 Jahre dauernden Nationalfonds-Projekts. Wir gaben den Bericht «Wege aus der Wohlstandsfalle» heraus. Energiesteuer oder ökologische Steuerreform sowie ein Ausbau der Freiwilligenarbeit waren damals schon Lösungsvorschläge. Energie besteuern, nicht die Arbeit. Was wir entworfen haben, debattieren wir heute noch immer. Wir haben fast 40 Jahre verloren.

Aber eine öffentliche Wachstumsdebatte findet heute gar nicht statt.
Das würde ich so absolut nicht sagen. Der Erfolg der Grünen zeigt, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung Wachstum kritisch beurteilt. Nur gilt es immer noch als das einzige Heilmittel gegen alle Probleme, von der Staatsverschuldung bis zur Arbeitslosigkeit. Wachstum ist jedoch ein Konzept, das sich selber an die Wand fährt. Die Globalisierung war eigentlich eine falsche Strategie, ist aber nicht mehr rückgängig zu machen.

Wofür plädieren Sie?
Wir haben bereits in den 70er-Jahren das Konzept des qualitativen Wachstums entwickelt. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind Wachstumstreiber, die ein nachhaltiges Wachstum ermöglichen. Zudem muss eine nachhaltige Wirtschaft den Materialeinsatz konsequent minimieren und Materialien wiederverwerten. Die Schweiz könnte eine Energiestrategie entwickeln, die schwergewichtig auf erneuerbare Energien, Effizienz und eine dezentrale Stromversorgung setzt. Dies wäre auch in wirtschaftlicher Hinsicht attraktiv. Das sind jedoch Transformationsprozesse, die ihre Zeit brauchen. Dass wir solche Efforts leisten können, haben wir bewiesen. Denken wir an die Schweizer Seen und Flüsse, die in den 70er-Jahren in einem katastrophalen Zustand waren. Heute weist das Wasser im Zürichsee oder der Limmat beinahe Trinkwasserqualität auf.

Und wir müssen dabei auf nichts verzichten?
Wenn jemand freiwillig verzichten will, sei ihm das unbenommen. Dies einer Gesellschaft aber von oben herab zu verordnen, ist politisch nicht umsetzbar. Vor dem Stadthaus steht das Denkmal von Hans Waldmann, dem einzigen Stadtpräsidenten in Zürich, der je enthauptet worden ist – weil er zu viele Vorschriften erlassen hatte.

Wie nachhaltig ist die Stadt Zürich heute?
Zürich steht im internationalen Vergleich sehr gut da, und zwar nicht erst, seit wir 2008 die 2000-Watt-Strategie in der Gemeindeordnung verankert haben. Wenn ich die Nachhaltigkeitsberichte der letzten Jahre anschaue, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Wir haben uns laufend verbessert. Die Luftqualität etwa ist massiv besser geworden.

Nur stagniert sie nun seit mehreren Jahren auf einem Niveau, das immer noch über den Grenzwerten liegt.
Die grossen Verbesserungen sind gemacht, jeder weitere Fortschritt wird schwieriger zu realisieren. Doch sprechen wir von Erfolgen. Zürich hat das Kyoto-Ziel erfüllt und seinen CO2-Austoss seit 1990 um mehr als 10 Prozent reduziert. In Zürich wird zudem 60 Prozent des Verkehrs zu Fuss, mit dem Velo oder dem ÖV abgewickelt. Das reicht allerdings noch nicht: Die Kapazitäten der S-Bahn müssen in Zukunft verdoppelt werden.

Geraten wir hier nicht in ein Dilemma: Je attraktiver der ÖV, desto mehr Leute reisen nach Zürich. Doch Mobilität frisst viel Energie und Ressourcen.
Wir müssen die Mobilität möglichst nachhaltig gestalten, indem wir den ÖV ausbauen, gleichzeitig aber auch die Kostenwahrheit für alle Verkehrsträger einführen. Das wird die Mobilität verteuern. Jeder, der mit dem ÖV anstelle des Autos in die Stadt fährt, belastet die Umwelt um einen grossen Faktor weniger. Mobilität gehört nun mal zu unserer Lebensqualität, hat also nach Definition auch mit Nachhaltigkeit zu tun.

Was ist mit den Menschen, die sich einen teuren ÖV nicht leisten können?
Wir dürfen die einzelnen Nachhaltigkeitsbereiche nicht gegeneinander ausspielen. Wir haben für solche Fälle Unterstützungsleistungen, die im weltweiten Vergleich äusserst grosszügig sind.

Die Wohnkosten in Zürich sind hoch, die Bodenpreise steigen, die Stadt will weiter wachsen. Das zieht Besserverdienende an, die einen hohen Lebensstandard einfordern. Ist das nachhaltig?
Es ist klar, der Immobilienmarkt überbordet heute. Das ist ein Ärgernis. Aber wir dürfen trotzdem die Fakten nicht aus den Augen verlieren. Noch immer wohnen in Zürich proportional viel mehr Menschen mit tiefen Einkommen als in den umliegenden Gemeinden. Etwa 54 Prozent aller Steuerpflichtigen weisen ein Einkommen von weniger als 50'000 Franken auf, weniger als 1 Prozent verfügen über mehr als 300'000 Franken Einkommen. Da kann man einfach nicht sagen, in Zürich habe es nur noch Platz für die Superreichen. Trotzdem wird die Stadt in den nächsten Jahren gefordert sein. Es gilt, den Anteil von städtischen, genossenschaftlichen und sozialen Wohnungen auf rund 35 Prozent zu steigern.

Ein grosser Konsumposten sind Ferien. Geraten Sie hier nicht in einen Gewissenskonflikt – als Präsident von Zürich Tourismus und als angehender Präsident der Helvetas?
Fliegen ist selbstverständlich energieintensiv. Aber der Flugverkehr verursacht derzeit nur 2 bis 3 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses. Hier sollten wir uns prioritär auf die weltweit grossen CO2-Schleudern wie Kohlen- und Erdölkraftwerke konzentrieren, die mehr als 60 Prozent aller Treibhausgase ausstossen. Wir arbeiten mit den Zürcher Hoteliers an nachhaltigen Konzepten, zum Beispiel beim Energieverbrauch.

Welchen Beitrag kann Zürich international leisten?
Die Stadt kann Vorbild sein. Zürich hat eine Städtepartnerschaft mit Kunming. Ich habe mich jahrelang dafür engagiert, dass Kunming ein gutes Verkehrskonzept erhält: ein ÖV-Netz statt des dritten Autobahnrings um die Grossstadt mit ihren 7 Millionen Einwohnern. Als Kunmings Parteisekretär einst in Zürich weilte, habe ich ihm das System ZVV erklärt. Nun geht nächstes Jahr in Kunming nach nur fünf Jahren die erste U-Bahn-Linie in Betrieb. Das ist ein Erfolg. Und die chinesischen Städte werden das im Nu kopieren. Darauf bin ich stolz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2012, 11:27 Uhr

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