Die falsche Botschaft in der ETH-Studie

Wald aufforsten und so das Klima retten: Nach einer harten Debatte im Fachmagazin «Science» haben die Forscher eine Aussage korrigiert.

Der Wald ist wichtig fürs Klima und für den Klimaschutz, aber nicht die beste Lösung im Kampf gegen den Klimawandel. Bild: Thomas Peter

Der Wald ist wichtig fürs Klima und für den Klimaschutz, aber nicht die beste Lösung im Kampf gegen den Klimawandel. Bild: Thomas Peter

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Die Erwartungen in die Wälder sind hoch. Die Bäume sind sozusagen der Trumpf in der Hinterhand. Wenn es dem Menschen nicht gelingt, die Emissionen an Treibhausgasen in den nächsten 30 Jahren gegen null zu senken, gibt es noch die Option der Aufforstungen, um CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen. Bereits heute, so lässt sich aus den Klimaberichten des Weltklimarates IPCC lesen, braucht es eine klimafreundliche Forstwirtschaft, um die Treibhausgase zu reduzieren. Klimaforscher schätzen, die globale Waldfläche müsse dafür je nach Szenario um zusätzlich eine Milliarde Hektaren anwachsen. Das wäre eine Fläche grösser als die USA.

Ein internationales Forschungsteam des Crowther Lab des Instituts für Integrative Biologie der ETH Zürich hat in einem Beitrag im Juli in der Fachzeitschrift «Science» den Eindruck erweckt, auf Erden habe es unter heutigen Klimabedingungen genügend Platz, um so viel Wald zusätzlich aufzuforsten und damit einen beträchtlichen Teil der Emissionen durch die Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe zu speichern. Ihre Einschätzung basiert auf der Analyse von Satellitenbildern, Felddaten und Computermodellen.

Aufforstung verändert Lokalklima

Die Forscher boten ihre Studie als Orientierung für einen globalen Aktionsplan an. In Fachkreisen kam die Untersuchung offensichtlich nicht überall gut an. In der aktuellen Ausgabe von «Science» gab es ungewohnt viele ausführliche Kommentare von verschiedenen Forschergruppen, welche unter anderem die Grössenordnung der Zahlen anzweifeln.

Weiter wird bemängelt, dass die tatsächliche Klimaleistung verschiedener Wald- und Landschaftsökosysteme in der Analyse vernachlässigt wird. So verändern Aufforstungen die Aufnahme der Sonnenstrahlung auf der Landoberfläche. Neue Waldflächen können zudem die Verdunstung erhöhen. In hohen Breiten und in Bergregionen kann das gebietsweise, zum Beispiel in Russland, Kanada oder auch in der Schweiz, zu einer weiteren Erwärmung führen.

Die Diskussion um die Klimaleistung der Waldökosysteme wird in der Wissenschaft schon seit Jahrzehnten intensiv geführt. Bereits der erste Klimabericht des IPCC 1990 veröffentlichte Schätzungen über zusätzlich mögliche Waldaufforstungen. Es sei bemerkenswert, wie ähnlich die Zahlen seien im Vergleich mit der kritisierten Waldstudie, heisst es in einem Kommentar, den Alan Grainger von der Universität in Leeds als Hauptautor verfasste. Doch damals wie heute mangelte es bei den Potenzialstudien am Gleichen: Es fehlte eine Abschätzung über den tatsächlichen Klimaeffekt.

«Falsche Botschaft»

Der Auslöser der aktuellen Debatte scheint aber nicht nur wissenschaftlich, sondern vielmehr politisch motiviert zu sein. «Wir haben uns vor allem zum Kommentar entschieden, weil ein Hauptpunkt in der Studie falsch kommuniziert wurde, nämlich, dass die Aufforstung die beste Lösung zur Bekämpfung des Klimawandels sei», sagt Sonia Seneviratne, ETH-Professorin für Land-Klima-Dynamik an der ETH Zürich.

Aufforstung könne zwar zur CO2-Aufnahme aus der Atmosphäre beitragen, aber keinesfalls die notwendige Reduktion der CO2-Emissionen ersetzen. Die Klimaforscherin hat einen der kritischen Kommentare mitunterzeichnet. Sie gehört in der Schweiz derzeit zu den aktivsten unter den Klimaforschenden, die in den Medien auf die Dringlichkeit eines starken Klimaschutzes aufmerksam machen. «Es bestand das Risiko, dass die falsche Botschaft in der Studie in den Klimaverhandlungen als strategisches Argument gegen die dringend notwendigen Reduktionsmassnahmen von CO2-Emissionen eingesetzt werden könnte.»

Diese Befürchtungen sind nicht neu. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren, als 1997 das Kyoto-Protokoll beschlossen wurde, standen die Wälder im Zentrum der Verhandlungen. Obwohl die Wissenschaft keine genaue Auskunft geben konnte, wie klimawirksam die CO2-Aufnahme der Wälder, Wiesen und Äcker sein würde. Die Fachleute sprachen von CO2-Senken. Skeptiker monierten, die Senkenpolitik halte die Politik davon ab, den Ausstoss der Treibhausgase ernsthaft zu reduzieren. Waldforscher warnten vor Monokulturen, bei denen es nur darum ging, vor allem viel CO2 zu speichern, unabhängig davon, ob dadurch die Artenvielfalt und die Ökosysteme gefährdet wurden.

Die aktuelle Debatte ist fast wie ein Déjà-vu. Sie zeigt, wie unsicher sich die Wissenschaft bei der Einschätzung der Klimaleistung der Wälder nach wie vor ist. Gleichzeitig ist für viele Staaten der Wald bisher ein probates Mittel, um Klimaverpflichtungen zu erfüllen. Auch die Schweiz wird voraussichtlich die Ziele des Kyoto-Protokolls bis 2020 nur dank der CO2-Speicherleistung des Waldes erfüllen.

Gegen einhundert Staaten setzen im Rahmen der UNO-Klimarahmenkonvention in ihren Klimaschutzplänen auf Waldprojekte. Es wird allerdings Jahrzehnte dauern, bis auf den ausgewiesenen Flächen ein Wald entstanden ist, der effektiv CO2 speichert. Für manche Experten ist es deshalb wichtiger, erst einmal die grossflächige Entwaldung zu stoppen, speziell in Brasilien und Indonesien. Seit 1960 ist gemäss dem Weltnaturschutzbund IUCN über die Hälfte des tropischen Regenwaldes ­zerstört worden – und die Zerstörung geht weiter.

Forscher korrigieren

Die Forscher der kritisierten Waldstudie haben reagiert – und die umstrittene Passage präzisiert. Es sei nicht ihre Absicht gewesen, Wiederaufforstungen als einzige Lösung im Klimaschutz darzustellen. An ihrer Potenzialeinschätzung rütteln sie allerdings nicht. Die unterschiedliche Einschätzung der Senkenleistung begründen sie unter anderem mit der uneinheitlichen Definition, wann von einem Wald gesprochen wird. Dennoch sind sie nach wie vor der Ansicht, dass zusätzliche Waldflächen derzeit quantitativ am wirksamsten für den Klimaschutz sind.

In einem Punkt sind sich aber alle einig. Ohne zusätzliche Aufforstungen geht es nicht. «Aber es ist wichtig, dass das genaue Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel berechnet wird – unter Berücksichtigung aller möglichen Einflussfaktoren», sagt ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne.

Erstellt: 19.10.2019, 11:58 Uhr

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