Zehntausende tote Elefanten in Ostafrika

Trotz weltweitem Handelsverbot zeigen Erbgutanalysen: Die Elefanten-Wilderei nimmt kein Ende. Die Dickhäuter werden weiterhin für den Elfenbeinexport nach Ostasien erschossen.

Kenianische Ranger verbrennen im Nairobi National Park in Nairobi beschlagnahmtes Elfenbein. Foto: Keystone

Kenianische Ranger verbrennen im Nairobi National Park in Nairobi beschlagnahmtes Elfenbein. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Elefantenherde scheint fassungslos das Elefantenbaby anzuschauen, das offensichtlich verzweifelt neben seiner toten Mutter steht. Wilderer haben ihr den Rüssel abgehackt. Der gesamte Kopf der verendeten Elefantenkuh ist nur noch eine einzige furchtbare, blutige Wunde. Die Stosszähne fehlen und sind vermutlich bereits auf dem Weg zu den Schwarzmärkten des Elfenbeinhandels, der von international operierenden Verbrechersyndikaten kontrolliert wird.

Das verwaiste Elefantenbaby ist kein Einzelfall, allein im Jahr 2013 wurden in Afrika mehr als 50'000 Elefanten gewildert, in zwölf Monaten verschwindet derzeit ein Zehntel des Weltbestandes. Und das nicht etwa verteilt über den Kontinent, sondern überwiegend in zwei Regionen: Die Savannenelefanten-Wilderei konzentriert sich zu mehr als 85 Prozent auf die Schutzgebiete im Süden Tansanias und dem angrenzenden Moçambique im Osten. Waldelefanten werden mit einem ähnlich hohen Anteil in den Reservaten Gabuns, der Republik Kongo, Kameruns und der Zentralafrikanischen Republik gewildert.

Frevel lokalisiert dank DNA

Das schliessen Samuel Wasser von der US-Universität Washington in Seattle und seine Kollegen in der Zeitschrift «Science» aus einer Analyse des Erbguts von beschlagnahmtem Elfenbein. Die Forscher, zu denen auch William Clark von der internationalen Kriminalpolizei Interpol im französischen Lyon gehört, haben 28 Ladungen untersucht, von denen jede mehr als eine halbe Tonne Elfenbein umfasst und die zwischen 1996 und 2014 in verschiedenen Regionen der Welt beschlagnahmt wurden. Für ihre Analysen verwendeten sie kleine Scheibchen von der Grösse einer Zwei-Euro-Münze aus der Wurzel der Stosszähne und isolierten daraus das Erbmaterial DNA des jeweiligen Ele­fanten.

Unabhängig davon sammelten die Forscher in 71 Regionen von 29 afrikanischen Staaten Dung, Haare und Gewebe von 1350 Elefanten und untersuchten auch darin die Reihenfolge der DNA-Bausteine. Daraus bestimmten sie die für eine Region typischen DNA-Sequenzen. Vergleichen sie nun die Erbgutanalysen des beschlagnahmten Elfenbeins mit diesem Datensatz, sehen sie die ungefähre Region, in der die betroffenen Tiere gewildert wurden. Eine exakte Analyse ist allerdings nicht möglich, weil Elefanten weit umherwandern. Immerhin kann Samuel Wasser die Herkunft des Elfenbeins auf 300 bis 500 Kilometer genau angeben.

Einst kurz vor der Ausrottung

Das aber reicht durchaus, um deutliche Muster zu erkennen. Von den beiden Arten der Afrikanischen Elefanten wurden bis 2005 die Waldelefanten von allen fünf beschlagnahmten Ladungen im Osten der Demokratischen Republik Kongo gewildert. Zwei weitere aus den Jahren 2002 und 2007 enthielten dagegen Elfenbein von Savannenelefanten, die in Sambia gelebt hatten. Danach fielen jedes Jahr erheblich mehr Elefanten als zuvor Wilderern zum Opfer.

Naturschutzorganisationen wie der WWF und die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) erinnert das an die 1970er- und 1980er-Jahre, in denen nach vorsichtigen Schätzungen jährlich bis zu 100'000 Elefanten gewildert wurden. Lebten zwischen 1930 und 1940 noch drei bis fünf Millionen dieser Dickhäuter in Afrika, standen die Arten danach am Rande der Ausrottung. Seit 1989 der Handel mit Elfenbein weltweit nahezu vollständig verboten wurde, erholten sich die Bestände nach Schätzungen der Weltnaturschutzorganisation IUCN wieder auf 470'000 bis 690'000 Tiere.

Zweite Wildererwelle

Um das Jahr 2007 begann dann die zweite Welle der Elfenbeinwilderei. Statt nach Europa und in die USA wandern die Stosszähne seither nach Ostasien in Länder wie China und Thailand. Gleichzeitig konzentriert sich in Afrika die Wilderei auf zwei völlig andere Regionen: Aufgrund der Erbgutanalysen stammt das Waldelefanten-Elfenbein von allen seither beschlagnahmten Ladungen mit nur einer Ausnahme aus einem System miteinander vernetzter Schutzgebiete im Nordosten von Gabun, im Nordwesten der Republik Kongo, im Südosten von Kamerun und im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik. Aus der gleichen Region stammten auch 40 Prozent der insgesamt sechs Tonnen Elfenbein, die die Behörden 2012 in Malaysia beschlagnahmten. Für den Rest dieser gross angelegten Schmuggel­aktion hatten die Wilderer allerdings keine Waldelefanten, sondern Steppen­elefanten im Osten Afrikas erlegt.

Obendrein wurde die illegale Ware über das westafrikanische Togo nach Asien geschmuggelt. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass ein einziges riesiges Verbrechersyndikat seine Netze über den gesamten Kontinent spannt oder dass verschiedene Banden hinter der Wilderei in den einzelnen Regionen stecken, die zusammenarbeiten.

«Normalerweise aber verlässt das Elfenbein der Savannenelefanten in den grossen Häfen Mombasa und Dar es Salaam oder von der Insel Sansibar den Kontinent», erklärt ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck.

Ergebnisse decken sich mit Zählung

Ursprünglich aber stammte zwischen 2006 und 2011 am Anfang des zweiten Wildereibooms das allermeiste Elfenbein aus einer einzigen Region: Nach den DNA-Analysen von Samuel Wasser wurden diese Tiere überwiegend entweder im riesigen Selous-Wildreservat im Süden Tansanias oder im angrenzenden Niassa-Wildreservat im Norden Moçambiques sowie in den benachbarten Regionen gewildert. In den folgenden Jahren verlagerten die Verbrecher ihre blutige Schlächterei dann nach Norden zum Ruaha-Nationalpark und dem Rungwa-Wildreservat im Zentrum Tansanias, folgert Samuel Wasser aus den DNA-Sequenzen.

«Diese Analyse deckt sich mit den Ergebnissen der grossen Elefantenzählung, bei der die Zoologische Gesellschaft Frankfurt in Tansania, Moçambique und Sambia von Flugzeugen aus die Dickhäuter wissenschaftlich erfasst hat», erklärt ZGF-Chef Christof Schenck. So zählten die Forscher im Herbst 2013 gemeinsam mit den Behörden Tansanias im Selous-Gebiet, in dem 2009 noch rund 45'000 Elefanten lebten, noch 13'000 dieser Dickhäuter. Im benachbarten Niassa-Wildreservat in Moçambique waren von vorher 12 000 Elefanten im Jahr 2012 nur noch 4440 Tiere übrig.

Zwar kamen die Forscher in der von Microsoft-Mitbegründer Paul Allen or­ganisierten afrikaweiten Zählung dort auf weit mehr Dickhäuter, allerdings lagen von 43 Prozent der erfassten Elefanten nur noch die Überreste in der Savanne, bei denen die Stosszähne fehlten.

Interpol gegen Wilderer

Ähnlich dramatisch war die Situation im Ruaha-Rungwa-Gebiet im Herzen Tan­sanias. Zählten Forscher und Behörden da 2013 noch 20'000 Elefanten, waren ein Jahr später 12'000 dieser Tiere und damit 60 Prozent des Bestandes verschwunden. Landesweit ist die Situation nicht besser: 2009 wurden noch rund 110'000 Elefanten in Tansania gezählt. Fünf Jahre später waren noch 43 500 Tiere übrig.

«Dabei sind die Elefanten für das Ökosystem und für die Wirtschaft der jeweiligen Region unersetzlich», erklärt Chris­tof Schenck. Fehlen die Dickhäuter, bleiben auch die Fotosafari-Touristen aus, die oft genug die wichtigste Einkommensquelle solcher Regionen sind. Gleich mit drei unterschiedlichen Ansätzen, die einander ergänzen, versuchen Naturschützer wie die Zoologische Gesellschaft Frankfurt und Behörden daher, den Elfenbeinsyndikaten das brutale Geschäft zu vermasseln und so die Dickhäuter vor dem Aussterben zu retten: In Ostasien klären Organisationen wie Wild Aid die Verbraucher darüber auf, dass die angebotene hübsche Elfenbeinschnitzerei die charismatischen Elefanten in wenigen Jahren ausrotten könnten.

Interpol versucht, zwischen Afrika und Asien die Handelswege der Syndikate aufzubrechen. Und in den Elefantengebieten verteidigen Ranger mit Spürhunden die letzten Dickhäuter gegen Wilderer, deren Hintermänner nach wie vor unentdeckt sind. ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck ist optimistisch: «Schliesslich ist es uns auch gelungen, die Elefantenwilderei der 1970er und 1980er-Jahre zu stoppen.»

Erstellt: 18.06.2015, 19:41 Uhr

Geschützte Arten retten

Umweltorganisationen und Touristen können helfen

In den Reservaten unterstützt die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) den Kampf gegen Wilderer mit einer möglichst guten Ausrüstung für die Ranger. Dazu gehören Geländefahrzeuge, Nachtsichtgeräte und Funkausrüstungen. Spürhunde lernen in einer teuren Ausbildung, auch verborgenes Elfenbein aufzuspüren. Diese Tiere können dann an Strassensperren, in Häfen und Flughäfen die Schmuggelware finden. Wenn die Tat noch nicht lange zurückliegt, können speziell ausgebildete Hunde an einem Elefanten-kadaver die Spur der Wilderer aufnehmen. Sie verfolgen diese Fährte unter Umständen 30 oder 40 Kilometer weit und können dort das Elfenbeinversteck und vielleicht auch die Wilderer aufspüren.

Die Menschen am Rand der Reservate spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle: «Investieren die Tourismus-Unternehmen dort in die Ausbildung, können sie dort gute Foto-Safariführer, Köche und Reinigungskräfte für die Touristen-Camps gewinnen», ist sich ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck sicher. So profitieren auch die Dörfer vom Tourismus und werden sich gegen die Wilderer wenden.

Angesprochen ist aber auch der Tourist selbst – und nicht nur beim Elfenbein. Der Schweizer Zoll hat laut WWF in den letzten vier Jahren pro Jahr über 1300 Objekte geschützter Arten konfisziert, darunter auch Souvenirs aus Elfenbein. In diesem Zusammenhang gibt es nun einen Souvenir-Ratgeber, den der WWF in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen entwickelt hat. (R.K./lae) www.wwf.ch/app

Artikel zum Thema

Wie aus Elfenbein ein «Schokoriegel» wird

25'000 bis 30'000 getötete Tiere pro Jahr: Der Afrikanische Elefant könnte aussterben. Schuld daran ist der Mensch – durch immer perfidere Methoden. Mehr...

Nun werden die Wilderer gejagt

Um Elefanten besser zu schützen, wollen afrikanische und asiatische Staaten stärker zusammenarbeiten. So wollen sie Wilderei und den illegalen Handel mit Elfenbein wirkungsvoll bekämpfen. Mehr...

Kenias Kampf gegen die Wilderer

Bildstrecke Wilderer töteten in Kenia letztes Jahr rund 280 Elefanten und 60 Nashörner. GPS-Sender und die britische Armee sollen im Kampf gegen Wilderei und illegalen Elfenbeinhandel helfen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...