Zelt statt Hütte

Zermatt feiert nächstes Jahr 150 Jahre Erstbesteigung des Matterhorns. Zum Jubiläum gibt es auch eine neue Hörnlihütte. Bis diese fertig gebaut ist, kommen die Bergsteiger in Aluzelten unter.

Die Aluzelte sollen verhindern, dass wild gecampt wird. Foto: PD

Die Aluzelte sollen verhindern, dass wild gecampt wird. Foto: PD

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Die Geburtsstunde des europäischen Alpinismus war das Jahr 1336, als der Mont Ventoux in der Provence erstmals bestiegen wurde. Seitdem wurden Jahr für Jahr weitere Berggipfel erklommen. 1865 waren die meisten Viertausender bereits bestiegen. Es fehlte noch: das Matterhorn. «Man hatte den Berg in Ruhe gelassen, weil die Bevölkerung sagte, dass es dort oben Geister gebe, die Steine herunterwerfen würden», erzählt Livia Anne Richard. Die Berner Autorin wird aus Anlass der 150-Jahr-Feier der Erstbesteigung im Rahmen der Zermatter Freilichtspiele ihr Stück «The Matterhorn Story» inszenieren.

Es war damals eine ganz einfache Welt in Zermatt. «In diese abgeschiedene Welt kamen im Sommer ganz ‹fancy persons›, vor allem die englische Elite», erzählt Richard. Einer davon war der Brite Edward Whymper. Er hatte bereits siebenmal mit dem italienischer Bergführer Jean-Antoine Carrel versucht, den 4478 Meter hohen Berg zu besteigen. Doch Mitte Juli 1865 überstürzten sich die Ereignisse. Whymper hatte erfahren, dass Carrel am nächsten Tag heimlich von der italienischen Seite her einen weiteren Versuch wagen würde. Im letzten Moment gelang es Edward Whymper zusammen mit seinem Freund Reverend Charles Hudson, sich einer anderen Seilschaft anzuschliessen – obwohl sich die abergläubigen Zermatter grosse Sorgen machten, dass ihr Berg ausgerechnet an einem 13. bestiegen werden sollte, vor knapp 150 Jahren.

SAC-Hütte abgebrochen

Der Zermatter Tourismusverein gab gestern seine Pläne für das Jubiläumsjahr bekannt – darunter das Freilichttheater, das im Sommer 2015 auf dem Riffelberg vor 700 bis 800 Zuschauern aufgeführt wird. Doch just wenn die Welt in den kommenden Monaten nach Zermatt schauen wird, ist die legendäre Hörnlihütte wegen Umbau geschlossen. Das 1880 erstellte Berghaus war die erste Unterkunft und Ausgangspunkt für die vielen Matterhornbesteiger. Von hier auf 3260 Metern startet die Normalroute über den sogenannten Nordostgrat oder Hörnligrat, die auch Edward Whymper für seinen Aufstieg wählte. Mittlerweile ist die SAC-Hütte abgebrochen, und die Wiedereröffnung ist für Mitte Juli 2015 vorgesehen. Dann werden den Alpinisten 170 statt 130 Schlafplätze und statt nur Massenschlägen auch Einzelzimmer und gar Duschen zur Verfügung stehen.

Damit das Matterhorn auch dieses Jahr «offen» bleiben kann, wird auf dem Hirli 2880 Meter über dem Meer das Matterhorn Base Camp realisiert. Zermatt Tourismus bezeichnet es als das «erste Pop-up-Hotel der Alpen». Geplant sind 20 prismenförmige Zelte aus Holz und Aluminium. Die 3,38 Meter langen, 2,25 Meter breiten und knapp 2 Meter hohen Räume können jeweils zwei Personen beherbergen. Dazu kommen weitere sogenannte Alpine Shelters für Küche und Essraum. Das Ganze wird im September 2014 wieder abgebaut und wie es sich heutzutage gehört «in einen nachhaltigen Zweitgebrauch überführt».

Am 14. Juli 1865 erreichten Edward Whymper und Charles Hudson zusammen mit dem Bergführer Michel Croz (aus Chamonix), Lord Francis Douglas, Douglas Robert Hadow (alle aus England) sowie den Zermatter Bergführern Peter Taugwalder, Vater, und Peter Taugwalder, Sohn, den Gipfel. Beim Abstieg der Erstbesteiger stürzten die vorderen vier der Seilschaft (Croz, Hadow, Hudson und Douglas) über die Nordwand tödlich ab.

Einladung an die Queen

Drei der Toten wurden einige Tage später auf dem Matterhorngletscher geborgen, die Leiche von Lord Francis Douglas wurde bis heute nie gefunden. Wegen der Tragödie plante die damalige britische Königin, ein Verbot zu erlassen. Denn Queen Victoria wollte nicht mehr, dass wertvolles englisches Adelsblut am Matterhorn vergeudet wurde. Natürlich erreichte sie genau das Gegenteil: Britische Touristen kamen von da an in Scharen nach Zermatt, um ebenfalls das Matterhorn zu sehen und zu besteigen. «Die touristische Entwicklung von Zermatt nahm damit ihren Anfang», steht auf der Website von Zermatt Tourismus.

Wohl eher als PR-Gag gedacht war die Einladung des Tourismusvereins an die britische Königin Elizabeth II. Dafür wurde gestern ein Zermatter Bergführer in ein Flugzeug nach London gesetzt, damit er die Einladung für die Jubiläumsfeierlichkeiten persönlich im Buckingham Palace abgibt.

Erstellt: 03.06.2014, 07:45 Uhr

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